Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 10 (10.3.1922)
- Date
- 1922-03-10
- Page
- Seite 133 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Das Jüdische Echo 133 jüdischen Ministeriums in litauischer, hebräischer und jüdischer Sprache geführt. Am 14. d. M. beginnt hier die Tagung der zweiten jüdischen Gemeindekonferenz. Vom jüdischen Nationalrat sind bereits Vorbereitungen zum Empfang der Delegierten getroffen worden und werden auch Vertreter ausländischer jüdischer Körperschaften erwartet Amerika. Weltkongreß der Brandeis-Gruppe. „Hadoar“ teilt mit daß in New York eine Konferenz der Palestine Development Company (Brandeis-Gruppe) stattfand, bei der ein Schreiben des Dr. Marmorek aus Paris verlesen wurde. Dr. Marmorek greift die zionistische Leitung heftig an und schlägt vor, einen Weltkongreß aller oppositionellen Zionisten einzuberufen. Marmorek glaubt daß sich an einem solchen Kongreß die Zionisten Frankreichs, Belgiens, der deutsche Binjan Haarez und andere prominente Zionisten beteiligen würden. Die Konferenz beauftragte Mr. Rosenblum, der jetzt unterwegs nach Palästina ist, mit Marmorek und anderen Zionisten diesbezüglich Rücksprache zu nehmen und den Kongreß vorzubereiten. Dabei wird die Bedingung gestellt, daß der Kongreß sich ausschließlich mit praktischer Arbeit in Palästina beschäftigen darf und keinen Kampf gegen die Zionistische Organisation führen soll. Wie es heißt sollen die Delegierten aus der Provinz sehr radikal gewesen sein, doch traten Judge Mack, Stephan Wise und de Haas entschieden gegen jeden Versuch auf, die P. C. D. in einen Kampf mit der Zionistischen Organisation zu verwickeln. Die Brandeis-Gruppe will ausschließlich praktische Palästinaarbeit leisten und wird keinen politischen oder theoretischen Kampf mit der Zionistischen Organisation zulassen. Auf der Konferenz soll de Haas mitgeteilt haben, daß die erste Quote der P. C. D. von einer halben Million Dollar bei der Kasse der P. C. D. eingezahlt worden ist. II ■ I 11 ill ■I 1 1 I Feuilleton ||| III ■11 1 1( ]IiI |ii iTI Es ist eine Lüge (Aus dem Buche: Scholem Aleehem: Aus dem nahen Osten, Erzählungen, zu haben in der Ewer-Buchhandlung, Wagmülterstr. 19.) „Sie reisen wohli nach Kolomea?“ „Woher wissen Sie das?“ „Ich hörte, wie Sie mit dem Schaffner sprachen. Sind1 Sie ein Kolomeaer, oder reisen Sie nur nach Kolomea?“ „Ich bin ein Kolomeaer ... Wieso?“ „Ich frage nur so... Ich möchte wissen, ob Kolomea eine hübsche Stadt ist?“ „Was heißt eine hübsche Stadt? Es ist eine Stadt, wie alle anderen Städte in Galizien... Ein hübsches Städtchen, ein sehr hübsches Städtchen. ..“ „Ichi meine, ob es dort sehr viele feine Leute gibt, ich meine reiche Leute...“ „Es gibt verschiedene, Reiche und Arme, wie gewöhnlich mehr Arme als Reiche!“ „Genau so wie bei uns. Auf einem reichen Mann kommen unberufen tausend Arme... Es gibt doch in Kolomea einen reichen Mann, einen gewissen Finkeistein.“ „Ja., ein Finkeistein wohnt in Kolomea. Was ist mit ihm? Kennen Sie ihn?“ „Ich kenne ihn nicht. Ich habe nur von ihm gehört Heißt er nicht Reb Schaje?“ „Ja, Er heißt Reb Schaje. Wieso?“ „Ich frage nur so. Ist er wirklich so reich, wie man sagt, dieser Reb'Schaje?“ „Weiß ich? Ich habe sein Vermögen nicht gezählt. Wieso fragen Sie denn eigentlich? Wollen Sie es wegen eines Kredits wissen?“ „Nein, nur so. Er soll eine Tochter haben.“ „Drei Töchter hat er. Ist es vielleicht wegen einer Partie?“ „Haben Sie vielleicht gehört, wieviel Mitgift er mitgibt?“ „Es handelt sich nicht um die Mitgift, verstehen Sie, sondern um das Haus. Was führt er denn für ein Haus? Wie lebt er?“ „Was soll er für ein Haus führen? Er lebt wie alle Leute. Er führt ein jüdisches Haus, ein feines, frommes, sehr feines Haus. Es heißt zwar, daß das Jüdische bei »hm in letzter Zeit.. aber das ist eine Lüge...“ „Was ist eine Lüge?“ „Alles, was man sagt, ist Lüge... Sie müssen nämlich wissen, Kolomea ist eine Stadt voller Lügen.“ „Dann ist es gerade interessant zu wissen, was für einen Ruf sein Haus genießt.“ „Die Leute reden, es sei jetzt nicht mehr so wie früher. In früheren Zeiten gab es zu Ostern in seinem Hause ,Schmura‘-Mazze, streng rituell zubereitet, er selber reiste zweimal im Jahre zum Rabbi... aber heute, heute ist das nicht mehr so... “ „Das ist alles?“ „Was wollen Sie mehr? Soll er sich vielleicht den Bart und die Seitenlocken abschneiden lassen und öffentlich Schweinefleisch essen?“ „Sie sagen, die Leute reden, da dachte ich, Gott weiß, was die Leute reden... Die Hauptsache ist, ob der Mann ein Mensch ist, das heißt, ich meine, ob Reb Schaje Finkeistein ein feiner, ordentlicher Mann ist — das meine ich.“ „Was heißt ein feiner Mensch? Er ist ein Mensch, wie alle Menschen. Ein feiner Mensch. Warum sollte ich es leugnen? Ein sehr feiner Mensch. Man sagt zwar bei uns, daß er etwas ... aber das ist eine Lüge.“ „Was ist eine Lüge?“ „Alües, was über ihn gesagt wird, ist Lüge, Kolomea ist eine Stadt, in der die Leute einander gern bereden. Ich möchte es nicht wiedersagen, das wäre Klatsch.“ „Wenn Sie wissen, daß es gelogen ist, so ist es doch nicht mehr Klatsch!“ „Man sagt... er ist... ein kleiner ... Drehkopf ...“ „Drehkopf?... Jeder Jude ist ein Drehkopf... Der Jude dreht eben. Sind Sie nicht auch ein Drehkopf?“ „Ein Drehkopf und ein Drehkopf ist doch nicht dasselbe. Von ihm sagt man... verstehen Sie mich ... aber das ist eine Lüge.“ „Was sagt man denn eigentlich von ihm?“ „Ich sage Ihnen doch, daß es eine Lüge ist.“ „Ich möchte also die Lüge kennen, die man sagt.“ „Man behauptet, er habe schon dreimal Pleite gemacht,... aber das ist eine Lüge, mir ist nur von einemmal etwas bekannt.“ „Das ist alles? Haben Sie schon einmal einen Kaufmann gekannt, der nicht Pleite gemacht hat? Ein Kaufmann macht so lange Geschäfte, bis er in der Patsche sitzt; stirbt ein Kaufmann, ohne Pleite gegangen zu sein, so ist das ein Zeichen, daß er frühzeitig gestorben ist. Ist das nicht so?“ „Alles heißt Pleite machen4... Er soll aber einen sehr häßlichen Bankerott gemacht haben, er