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Das jüdische Echo · 1922-03-10 · 10 (10.3.1922) · p. Seite 128

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
10 (10.3.1922)
Date
1922-03-10
Page
Seite 128 (sequence 4)
Language
German
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128 Das Jüdische Echo Nr. 10 vorauszusehen, ob und wie das möglich; sein wird. — Der Orient ist in Bewegung. Eine allgemeine Unruhe hat alle Länder des Islam ergriffen, von Indien bis nach Marokko, und der Erfolg der irischen Freiheitskämpfe hat die Nationalisten in all diesen unfreien und halbfreien Gebieten zu neuen Anstrengungen ermutigt. England, das im Verlauf des Konfliktes zwischen Angora und Griechenland eine empfindliche Schlappe erlitten hat, deren Auswirkungen sehr spürbar werden, sucht sich durch eine Politik des Entgegenkommens berechtigten nationalen Aspirationen gegenüber Entlastung im Orient und damit eine verstärkte Stellung seinem recht aktiven asiatischen Rivalen Frankreich gegenüber zu schaffen. Symptome dafür finden wir in dem Verbleiben des jüdischen Staatssekretärs für Indien Sir Samuel Montagne und des jüdischen Vicekönigs von Indien Lord Reading, deren Versöhnungskurs der indischen Aufruhrbewegung gegenüber vielfach als schwächlich angesehen wurde, auf ihrem Posten, der Schaffung arabischer Reiche in Vorderasien, der Unabhängigkeitserklärung Ägyptens durch England, schließlich wohl auch in den Entgegenkommen, das selbst unberechtigte arabische Aspirationen in Palästina bei manchen Stellen der anglo-palästinensischen Administration gefunden haben. Wir wissen nicht, ob diese englische Politik in Asien, deren Grundtendenz wir als gerecht empfinden und daher begrüßen, dauernden Erfolg verspricht. Sie hat jedenfalls weder die indische Unabhängigkeitsbestrebungen des Ghaudi dauernd lähmen, noch das Attentat auf den Bengalen bereisenden Prinzen von Wales verhindern können. Sie hat die ägyptischen Patrioten ebensowenig beruhigt, wie die palästinensictr-arabischen Nationalitäten, die sich in neuen Pogromdrohungen ergehen. Die jüdische Kraft reicht jedenfalls nicht aus, um sich dieser englischen Tendenz zu widersetzen. — Das jüdische Billigkeitsgefühl würde einen Widerstand kaum zulassen. Unsere Aufgabe für die nächste Zeit kann also nur dahin gehen, einen modus vivendi mit dem Araber und vor allem mit dem arbeitenden Araber, dem Fellachen, zu finden, und zu gleicher Zeit mit Entschiedenheit an der Festigung der jüdischen Kolonisation im Lande zu arbeiten. Das Hauptgewicht unserer „außenpolitischen“ Tätigkeit ist zu legen auf eine Erleichterung der Einwanderung, die freilich eine verschärfte Kontrolle der Einwandernden bezüglich ihrer Eignung für Palästina seitens der dazu ' — --— --- ~ / gegenüber der alten Jlkcdemie berufenen jüdischen Organisationen im Gefolge haben müßte. Diese Kontrolle wird sich vor allem auf die beruflichen Fähigkeiten der Einwanderer erstrecken müssen. Sie hat zu einer Zeit versagt, als den jüdischen Palästinaämtern noch1 eine Art behördlicher Funktionen durch ihre Mitwirkung bei der Erteilung von Certifikaten für Palästinawanderer zustand. Sie müßte aufs schärfste gehandhabt werden, in einem Augenblick, in dem alles darauf ankommt, Menschen ins Land zu bringen, die nicht enttäuschen. Wir müssen endlich Vertrauen zu unseren Leistungen und zu unserer Leistungsfähigkeit erwecken. —. Daß dies Vertrauen nach innen und außen immer wieder erschüttert wird, ist neben gewissen Unzulänglichkeiten des Palästinawerkes und der Menschen, die an ihm arbeiten, vor allen denjenigen jüdischen Gruppen zuzuschreiben, die es als ihre Aufgabe betrachten, durch Verrat an der jüdischen Gemeinschaft ihre parteipolitische Situation zu verbessern. —. Was sich im Verband nationaldeutscher Juden und in gesinnungsverwandten Schichten in der übrigen Welt, was sich in der Agudas Jisroel auswirkt, ist Ghettogeist schlimmster Art. Es ist interessant, daß beide Gruppen, die in ihrer Einstellung zu jüdischen Dingen kaum etwas Gemeinsames haben, sich doch immer dann sehr leicht finden,, wenn es sich um die Störung jüdischer Aufgaben und um die Zerstörung jüdischer Zukunfts-Aussichten handelt. —. Immerhin bezeichnend ist es, daß der „Israelit“ in einem Leitartikel, der sich mit dem „Trutzdeutschtum“ der Naumann-Gruppe beschäftigt, den Mitgliedern der Agudah fast empfiehlt, sich, sobald irgend möglich, der deutschen konservativen Partei anzuschließen, einer, wie man hofft antisemiten-reinen deutschnationalen Volkspartei der Zukunft. In ihr werden sich die Vertreter der Idee vom „Gottesvolke“ neben den Naumann-Leuten und den, wie man hoffen mag, vielleicht infolge Umschlagens der finanziellen und politischen Konjunktur geläuterten Herren Wulle, Westarp, Reventlow und wie sie heißen mögen, recht wohl fühlen. Solche Zukunftsträume sind, mögen sie noch so süß sein, freilich verhältnismäßig harmlose Kindereien./ Weniger harmlos ist der permanente Volksverrat der Agudas Jisroel, über dessen einzelne Phasen das „Jüdische Echo“ berichtet hat. Die agudiStische Deputation, die Lord Northcliffe gegen den Zionismus und die nationale Heimstätte in Palästina zu stimmen suchte, krönte die Taten der Getz, Weber, de Haan und Konsorten. Es ist zu fragen, ob ehrlich gesetzestreue Juden und anständige Menschen es noch mit ihrer jüdischen Würde für vereinbar halten, einer Organisation anzugehören, dieren Hauptwaffe und wesentlichste Arbeit die Denunziation zu sein scheint. — Wir glauben nicht mit Unrecht, daß unser Volk auf dem Weg zur Gesundung ist, und daß die müde Resignation der letzten Jahrzehnte allmählich zukunftsfroher jüdischer Bewegung Platz macht. Wir glauben, daß diese Entwicklung oft ihren Trägern selbst unbewußt sich überall innerhalb des Judentums durchsetzt und sehen mit Zuversicht insbesondere auf die jüdische Jugend aller Richtungen. Soll aber dieser begrüßenswerte Prozeß keine schlimmen Störungen erfahren, so muß an seinem Beginn eine Reinigung der Volksgemeinschaft, ein Abrücken aller Gesinnungstreuen von den gesinnungslosen Elementen erfolgen, die noch immer die jüdische Sache diskreditiert haben. —. Wir glauben nicht, daß es sobald möglich sein wird, einen Ausgleich der Richtungen im Judentum herbeizuführen und würden in einer solchen Einheitsfront kaum ein erstrebenswertes Ziel

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