Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 10 (10.3.1922)
- Date
- 1922-03-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 10 10. März 1922 9. Jahrgang Umschau Da« besondere Merkmal jüdischer Politik ist Mangel an Aktivität. Wir lassen uns eben treiben. Die Tatsachen, die das jüdische Volk jahrhundertelang: zum Spiielball der Launen anderer Völker gemacht .haben, üben noch heute ihre lähmende Wirkung aus. Es ist gleichgültig, ob man jüdische Zeitungen aufmerksam liest, ob man sich mit der Arbeit der Judenschaft in der Diaspora oder der des aufzubauenden Palästina beschäftigt: Man wird immer wieder mit traurigem Erstaunen auf Hemmungen stoßen, die weit weniger in äußeren Verhältnissen, als in der Natur der Juden begründet zu sein scheinen. — Es ist bezeichnend genug, daß keine jüdische Leistung solchen Raum in den Betrachtungen wenigstens eines Teils der jüdischen Presse einnimmt, wie das Problem des Antisemitismus, also der Einstellung der anderen zu den Juden. Jede Äußerung irgend eines Winkelantisemiten wird sorgfältig gebucht, und das Geschäft Knüppelkunzes oder des „Völkischen Beobachters“ würde wohl weit weniger florieren, wenn ihm jüdisches Interesse nicht immer wieder Beachtung zuwendien würde. Auch sonst haben wir uns daran gewöhnt, uns von außen abhängiger zu fühlen, als es notwendig wäre. Was Monsieur Un Tel oder Mister Who über jüdische Dinge zu sagen geruhen, wird mit einer Wichtigkeit aufgemacht und mit einem Ernst aufgenommen, als wenn von ihrer Stimmung oder Mißstimmung das Schicksal des jüdischen Volkes abhängen würde. Man schickt gar zu eifrig Deputationen zu einflußreichen Herren und erhält von ihnen mehr oder minder bindende Zusagen und mehr oder minder bedleutungsvolle Absagen. Wir sind gewiß nicht geneigt, den Äußerungen einflußreicher politischer Persönlichkeiten Wert und Wirkung abzusprechen. Wir verzeichnen mit Bedauern die Haltung, die Männer wie Lord Sydenham und neuerdings Lord Northcliffe der Verwirklichung der jüdischen Ziele in Palästina gegenüber einnehmen, wir stellen demgegenüber mit Befriedigung fest, daß Balfour, der Führer des an Bedeutung zunehmenden konservativen Flügels der englischen Koalition, sich neuerdings wiederum mit Entschiedenheit auf den Standpunkt der Deklaration gestellt hat, die unter seinem Namen weltberühmt geworden ist, und daß Ramsay Macdonald, der Leiter der mit überraschender Kraft aufsteigenden Labour - Party mit besonderer Wärme von den Leistungen des jüdischen Arbeiters spricht, die er bei einem mehrwöchigen Besuch in Palästina kennen gelernt hat. Wir sind aber trotz Bedauern und Befriedigung nicht bereit, in all dem mehr zu sehen, als Symptome für das Versagen oder den Fortschritt unserer eigenen Leistung in Palästina und in der Diaspora. Wir glauben an die zwingende Macht der Tatsachen und sehen einem Worte Weizmanns folgend, die Aufgabe der Politik Lediglich darin, als zuverlässige Straßenfeger Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die der Schaffung solcher Tatsachen Schwierigkeiten zu bereiten drohen. Einiges ist immerhin gerade in letzter Zeit geschaffen worden. Wir rechnen dazu die Aufnahme direkter Verhandlungen mit der arabischen Delegation über den Entwurf der palästinensischen Verfassung, über den wir vor kurzem berichtet haben. Wichtiger noch erscheint uns die Konzessionierung des Ruthenberg-Projektes, das die Bewässerung Palästinas und die Versorgung mit elektrischer Energie zum Ziele hat und der Ankauf bedeutender Landstrecken in Emek Israel und in Jerusalem durch den Jüdischen NationalfondS. —• Von maßgebender Bedeutung aber scheinen uns die Erfolge zu sein, die der Keren Hajessod besonders in Amerika errungen hat, Erfolge, die noch weitere Ausdehnung zu gewinnen scheinen. Es ist recht befriedigend, daß im Monat Januar allein 302 000 Dollars in bar in den Vereinigten Staaten aufgebracht und daß zugleich Verpflichtungen in Höhe von mehr als 702 000 Dollar eingegangen wurden. Diese Erfolge wurden mit einem verhältnismäßig geringen Aufwand von Arbeit, Geld und Menschenkraft errungen; es ist zu erwarten, daß die bevorstehende großzügige Organisierung der Aktion die Summen erbringen wird, die das vom Karlsbader Kongreß bewilligte Palästina-Budget zu seiner Durchführung benötigt. Auch in Deutschland hat die Keren Hajessod- Aktion Fortschritte gemacht. Das Jüdische Palästinawerk E. V. hat sich konstituiert. Zu Vorsitzenden wurden die Herren Oskar Wassermann, Direktor der Deutschen Bank, Generalkonsul Eugen Landau und Dr. Arthur H a n t k e gewählt. Es ist zu hoffen, daß es möglich sein wird, die Kooptation eines Vertreters der bayerischen Judenheit, die sich mit bemerkenswerter Geschlossenheit in den Dienst des Keren Hajessod gestellt hat in das neugebildete Generalkomitee zu erreichen. Jetzt wird alles darauf ankommen, durch den Keren Hajessod weiter dauernd große Geldmittel für Palästina zu erhalten. Die Sammelarbeit wird einsetzen; sie wird erfolgreich sein, wenn die Sammler sich klar darüber sind, daß die Ergebnisse ihrer Arbeit mit dazu beitragen, ein Stück Macht in die Hände des jüdischen Volkes zu legen, die es ihm ermöglicht, unvermeidliche Schwankungen und Rückschläge mit größerer Sicherheit und Unabhängigkeit als bisher zu überwinden. Das ist nötig, um so mehr als die außenpolitische Lage ungeklärt wie nur je ist. Die Konferenzen der großen Regierungen häufen sich, ohne die Probleme zu bewältigen. Wir lasen von der Einberufung einer besonderen Orient-Tagung und hören von dauernden Verschiebungen der Konferenz in Genua, ohne daß es möglich ist, ein klares Bild von den Vorgängen hinter den Kulissen zu erhalten. Tatsächlich sind die großen Weltfragen zu kompliziert, um eine Lösung auf dem Wege der Vereinbarungen leicht zu gestalten. Wir möchten nur hoffen, daß als Resultat der Besprechungen für uns wenigstens die endgültige Ratifizierung des Mandätsentwurfes zu buchen sein wird, die nun endlich für Mitte April in Aussicht genommen ist. Wir weisen immer wieder darauf hin, für wie nötig wir eine Stabilisierung der Verhältnisse in Palästina halten. Das Land muß aus dem Zustand dauernder politischer Unruhe in den ruhiger Arbeit überführt und in die Lage versetzt werden, sich zunächst einmal mit seinen zwingenden wirtschaftlichen Problemen statt mit den viel weniger drängenden Auseinandersetzungen der Nationalitäten zu beschäftigen. Es ist freilich nicht leicht,