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Das jüdische Echo · 1922-03-03 · 9 (3.3.1922) · p. Seite 121

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
9 (3.3.1922)
Date
1922-03-03
Page
Seite 121 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 9 Das Jüdische Echo 21 verläßt und auf die Straße tritt, geht ein leiser, süßer Schauer durch sie, der von irgend welchen Wonnen spricht; und immer steht sie dann, in sich versonnen, eine kurze Zeit vor dem breiten Torbogen des Dianabades — bis sie der weittönende Klang der Glocken von Sankt Stephan mit vier Schlägen aus ihren Träumen schreckt und zum Heimweg mahnt. Und immer geschieht es, daß mit dem Glockenschlage aus dem Hause gegenüber der junge Arzt tritt, der eben seine Sprechstunde beendet hat. — Mirjam sieht, halb unbewußt, verstohlen hinüber und der Arzt grüßt mit sehr tiefem, sehr ehrerbietigem Lüften seines hellen Hutes, der ihm ein wenig flott und fröhlich auf dem blonden, glatt gescheitelten Haar sitzt. Aber Mirjam dankt nicht — dankt niemals — und beeilt sich sehr, heim zu kommen. Sitzt sie dann des abends mit den Eltern um den festtäglich gedeckten Tisch, über den die Sabbathkerzen mit warmem, freundlichen Schimmer leuchten, und der Vater spricht die Heiligung und betet Dank dem Herrn der Heerscharen, der seinem Volke den Sabbath gegeben, und bricht das Brot, so fühlt sie sich so wohl behütet — und ihre Wünsche schlafen wieder ein. Mirjam kennt den jungen Arzt, der sie seit einir gen Wochen jeden Freitag um vier Uhr so tief grüßt und dessen Gruß sie nie erwidert, nicht; sie weiß nichts von ihm, nicht einmal seinen Namen, denn niemals hat sie das weiße Täfelchen am Tor des Hauses, das er bewohnt, gelesen. Einmal hat sie irgendwie seinen Beruf erfahren — sie wüßte nicht einmal anzugeben, von wem oder bei welcher Gelegenheit — und fragt auch niemanden nach ihm, ja, sie vermeidet es sogar bei ihren seltenen Spaziergängen geflissentlich, an seiner Wohnung vorbei zu kommen, und daß sie ihn so regelmäßig einmal in der Woche trifft, das ist wohl auch nur einer jener entschuldbaren Zufälle, deren Eltern die unausgesprochenen Wünsche sind, und denen sich eben nicht entgehen läßt — denn entflieht man ihnen heute hier, so kommen sie einem morgen dort entgegen — und also ergibt man sich ihnen. Und da sie ihn ja nicht beachtet, so tut sie doch auch ganz gewiß nichts Böses, denn sie denkt niemals an ihn — etwa daran, daß er blond ist — oder daß er ein Mann ist — oder gar etwa, daß er in sie verliebt sein könnte. Kommen ihr aber, trotz allem, verbotene und törichte Gedanken solcher Art, etwa des Abends, wenn sie die Glieder lose unter die weiße Bettdecke steckt, so weiß sie sich sehr leicht zu helfen: sie betet — oder sile zählt bis tausend — oder sie läßt vor ihrem inneren Auge eine Hammelherde, Tier für Tier, eines hinter dem anderen, über einen Zaun springen — und schon ist Nacht um sie und kein Arzt und kein Mann und kein böser Gedanke mehr da. Und so, da sie gar nichts von ihm weiß, weiß sie auch nicht, ob er unverehelicht und ob er fromm und ob er überhaupt Jude ist — und das wäre ja alles natürlich sehr, sehr wichtig — für alle Fälle- Einmal aber erfuhr sie alle diese Dinge. Und das geschah am Vorabend des Versöhnungstages, des Festtags der Festtage, den Gott sich selbst geheiligt hat und den selbst ein nicht ganz so rechtgläubiger Jude nicht zu halten niemals wagen würde. An diesem Tage, den man mit Recht den langen Tag nennt, weil seine vierundzwanzig Stunden schwerer wiegen und härter zu ertragen und länger sind als die vierundzwanzig Stunden jedes anderen Tages, ist keine Zeit zur Arbeit und zum Essen und zu allen sonst lebensnotwendigen Dingen: dieser Tag ist nur dazu da, Gott in sich zu tragen und ihn mit allen Gedanken zu erfassen. mit ihm zu ringen, wie es einst Jakob bei Pniel tat, und sich ihm zu versöhnen, alle seine Sünden von sich zu werfen und reiner Seele von ihm zu gehen. An dem abendlichen Beginn dieses Tages war Mirjam, wie sie es alle Feiertage war, im Bethaus, und saß unter den Frauen; abeT ihre Gedanken waren nicht so ernst, wie es sich geziemt hätte, und es war ein anderes Gefühl als das der Frömmigkeit, mit dem sie die wundersame Musik des Kol Nidre so ganz, ganz erfüllte — aber es war ein so schönes Gefühl-Und in der anderen Abteilung, unter den Männern, saß der junge Arzt; er war nicht gekommen, weil ihm etwa der Gott, zu dem man hier aufschrie, hergezogen hätte, sondern weil er die Schönheit dieser Stunde und der Musik und des jungen Mädchens, das er irgendwo in diesem Raum um sich wußte, liebte — und also war auch sein Herz voll. Mirjam hatte nicht gewußt, daß er da war. Aber es geschah, daß sie, als sie mit den Anderen nach Beendigung des Gottesdienstes das Haus fast schon verlassen hatte, merkte, daß sie ihr nach der Vorschrift dieses Tages mit einer Nadel angestecktes, nicht in der Tasche aufbewahrtes Taschentuch an ihrem Platz im Betsaal verloren haben mußte. Sie wandte sich noch einmal, ging in den leeren Raum zurück, nahm das Taschentuch an sich und schritt sehr langsam dem Ausgange zu. Die Besucher hatten sich inzwischen verlaufen; als sie heraustrat, war sie allein — und vor ihr stand der junge Arzt. Er hatte sie, ganz einfach, erwartet. Und er streckte ihr, wieder ganz einfach, die Hand hin und grüßte: „Guten Tag, Mirjam!“ Er ließ ihre Hand, die sie fast willenlos in die seine gelegt hatte, auch nicht mehr los, und so schritten sie nebeneinander, Hand in Hand, den Weg zu ihrem Hause, wie in einen warmen Mantel gehüllt von den zärtlichen Sbhatten der abendlichen Septemberdämmerung, erfüllten Glückes — ohne ein Wort miteinander zu sprechen. So gingen sie — und dieser Gang schien ihnen so unendlich lang und gleichzeitig so schmerzlich kurz — so. wie das Leben es ist. Sie kamen an das Haus, in dem Mirjam wohnte; er ließ ihr den Vortritt und trat hinter ihr ein, wie wenn das so sein müßte. Und in dem Halbdunkel des Raumes nahm er sie plötzlich in seine beiden Arme und hob die schlanke, federleichte Gestalt des Mädchens ein wenig und preßte seine Lippen auf ihren niegeküßten Mund. Aber die ihren öffneten sich und erwiderten fest, nicht wild, seinen Druck in einem Kuß, in dem Leben und Glück und Leid und Tod lag.-So küßte sie ihn, an diesem Abend, dem Vorabend des Versöhnungstages, des heiligsten aller Tage, der nur Gott gehört-so sehr sündigte sie wider das Gesetz. Sie riß sich mit einem Ruck aus seinen Armen und lief die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf; da sah sie vor sich ihren Vater. Seine alte Gestalt schien noch gebeugter als sonst und seine Augen waren so sonderbar hart — da wußte sie, daß er es gesehen hatte. Er sprach kein Wort, er durfte ja auch nicht schelten, denn es war doch Versöhnungstag; aber sie empfand seine Blicke wie Steinwürfe, und sie waren wohl auch so, denn er kannte das Wort nicht oder wollte es nicht kennen: „Wer von euch frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Den nächsten Tag saß Mirjam, von sieben Uhr morgens bis des Abends um sechs, im Gotteshaus, ohne Unterbrechung, nicht einmal zu den Pausen verließ sie ihren Platz. Aber sie sang nicht und betete nicht und schlug sich nicht auf die Brust; ihr Mund, ihr lieber, sündiger, geküßter Mund blieb fest geschlossen, um ihr Haupt war unsichtbar die Strahlenkrone des Leids.... Die Frauen,

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