Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 9 (3.3.1922)
- Date
- 1922-03-03
- Page
- Seite 120 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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120 Das Jüdische Echo Nr. 9 jüdische Wirtschaft kann aber nicht erobert werden, weil sie noch nicht geschaffen ißt. Sie ist kein Objekt für Kämpfe, Verhandlungen und Friedensschlüsse, sondern nur das Objekt für aufbauende Arbeit. Für lange Zeit hinaus spielt für uns das bewegende Mittel des Klassenkampfes, das doch neben allen Gefahren auch ungeheure Vorteile hat, nur eine mehr als untergeordnete Rolle. Wir haben uns die Frage vorzulegen: Was hat der zionistische Sozialismus während der Kolonisationsperiode zu tun? Die Antwort darauf ist nicht: Klassenkampf, sondern: eine möglichst weitgehende Vorbereitung der zukünftigen sozialistischen Wirtschaft in Palästina. Aus beiden, aus dem Ziel des Hapoel Haza’ir, der sozialistischen Wirtschaft, die nach freiheitlichen und dezentralistischen Prinzipien geordnet ist, und der Andersartiigkeit der objektiven Bedingungen für unsere sozialistische Tätigkeit, folgt, daß das hauptsächlichste Mittel unserer Bewegung der konstruktive Sozialismus ist. Wir halten es für unsere Aufgabe, an möglichst vielen Stellen Palästinas sozialistisches Leben zu erzeugen, möglichst viele dieser sozialistischen Kommunen, auf denen die zukünftige Wirtschaft Palästinas ruhen soll, bereits jetzt zu begründen. Es ist klar, daß ein derartiger Sozialismus, der kein Dogma und keine Doktrin außer dem einen, dem wirklichen sozialistischen Leben, vor allen Dingen eine Aufgabe ist der Schaffung, der Vorbereitung, der Erziehung von Mens c h e n, die im Sinne dieses ihres zionistisch-sozialistischen Ideals ihr Leben gestalten. Während der palästinensische Hapoel Hazair in erster Linie die Aufgabe hat, diese Gedanken in die Wirklichkeit umzusetzen, ist es die Aufgabe der Galuthverbände der Weltorganisation Hapoel Haza'ir-Zeire Zion (Hitachduth), diese Menschen zu sammeln. Gemäß der Besonderheit unserer Aufgabe, den besonderen Anforderungen, die sie an den Einzelnen stellt, haben wir nicht die Möglichkeit, Menschen aufzufordern, sich uns anzuschließen. Wir haben nur die Möglichkeit, dort etwas zu wecken, wo bereits vorhanden ist, was unser Ideal von den Einzelnen fordert, und haben nur die Möglichkeit, diejenigen aufzufordern, zu uns zu kommen, die sich bewußt geworden sind, daß der Ruf des Hapoel Hazair auch an sie geht. R. S. Die Geschäftstelle des Deutschen Landesverbandes des Hapoel Hazair ist: Berlin N., Auguststraße 17, Zimmer 26. PersonalSa _ Johann Saphier | Am 23. Februar ist Dr. Johann Saphiler, Oberarzt der Münchener Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten, 37 Jahre alt, gestorben. Aus voller freudiger Arbeit wurde er herausgerissen; inmitten aussichtsreicher Pläne erlag er einem Schlaganfall. Er war einer der nicht gerade häufigen deutschen Zionisten, die diesen Ehrennamen verdienen: Er wollte Ernst machen mit der Übersiedlung; die Verwirklichung war in greifbare Nähe gerückt. Das so oft innerlich Geschaute sollte er nie wirklich sehen. Saphier entstammte einer galizischen Familie, die ihm aber kaum ein jüdisches Wissen mitgegeben hatte. Erst während seiner Studienzeit und dann als Arzt in Wien machte er sich mehr mit jüdischen Dingen vertraut; konsequenterweise ging er diesen, einmal in ihm erwachten jüdischen Fragen nach und schuf sich so seine jüdische Weltauffassung, die immer stärker von dem Gesamtmenschen Besitz ergriff. Aber erst sehr spät, vor noch kaum einem Jahr begann er hebräische Studien, mit dem Alphabet angefangen. Selten ist er in jüdischen Dingen nach außen getreten. Er war ein bescheidener, ganz und gar unpolitischer Mensch, man kann sogar sagen, ein unpraktischer Mensch. Er arbeitete und glaubte an das gute Geschick; er hielt immer fest am Ziel mit dem Bewußtsein, es müsse gelingen. Aber das Leben ißt eben oft unberechenbar, hart, grausam und rücksichtslos. Eine Reihe äußerst wertvoller wissenschaftlicher Arbeiten legen Zeugnis ab von seiner ärztlich-wissenschaftlichen Tätigkeit. An gegebener Stelle wird davon mehr zu sagen sein. Auf jeden Fall spricht die Tatsache genug für sich, daß er in einer Stadt wie München eine Oberarztstelle inne hatte und sich in dieser Stellung behaupten konnte. Dazu trugen die herzlichen Beziehungen zu seinem Chef, Professor v. Zumbusch, wesentlich bei, mit dem er 14 Jahre zusammengearbeitet hat und der bei seiner Berufung von Wien; hierher auch Saphier mitgebracht hatte. Noch wenigje Wochen vor seinem Tode erzählte er mir, daß er außer an seiner Familie, insbesondere an seiner Frau, nur an drei Dingen hänge; hier im Golus an seiner Wissenschaft und an seinem Chef — und er hoffte auf Palästina. — Allzeit war er bereit, wenn man in wissenschaftlichen oder allgemein ärztlichen Fragen sich an ihn wandte, wobei sein großes medizinisches Wissen besonders zutage trat Wer ihn näher kannte, der wußte, wie froh dieser Mensch sein konnte. Er hatte einen sprudelnden Humor, der nie versagte, wenn er die Menschen lieb gewonnen hatte, die ihn umgaben; sonst war er still. Gütig war er als Mensch wie als Arzt. Kranke und Wiedergesunde drängten sich weinend um seine Bahre. Er besaß — für sein Spezialfach besonders wichtig — so viel Takt und so viel Energie den Kranken gegenüber. Wir trauern um ihn. Seit er nicht mehr unter uns weilt, fühlen wir doppelt, was er uns bedeutete. So still und so innig, wie er selbst war, wollen wir seiner gedenken. Dr. G. Feuilleton Jo Lh ermann / Die Jüdin (Schluß.) Aber in regelmäßigen Zeiträumen wird dieses heiße Sehnen ihres Blutes immer sehr lebendig in ihr; immer um dieselbe Zeit, denselben Tag, ja, sogar um die gleiche Stunde. Und das ist so: jeden Freitag, nachmittags gegen 3 Uhr, wenn das Heim schon für den feiertäglich anbrechenden Sabbath gestimmt ist, geht sie zum Bade. Die Badeanstalt, die nach ganz besonderen rituellen Bestimmungen eingerichtete Räume hat, liegt am Ende der Stephaniestraße, an der Ecke der Donaustraße, eben gegenüber der Brücke, die in die andere Welt führt, und heißt Dianabad.... Mirjam, welche die Waschung ihres jungen, blütenfrischen Körpers mit derselben Peinlichkeit ausführt wie sie allen den religiösen Vorschriften, die ihr Leben genauest regeln und deren eine dieses freitägliche Bad gebietet, nachkommt, ahnt nicht, daß diese Zeremonie eine Heiligung ihrer einzigen jungfräulichen Schönheit, von der sie nichts weiß, denn in dem Gemach darf sich kein Spiegel befinden, bedeute.-Aber nachher, wenn sie die Anstalt 999999999915