Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 9 (3.3.1922)
- Date
- 1922-03-03
- Page
- Seite 119 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Das Jüdische Echo 119 ist der Grundgedanke der sozialistischen Wirtschaft der der gemeinsamen Produktion für den Konsum der Gesamtheit. Die Sicherstellung des Existenzminimums ist die Maßregel, die grundlegend die heutigen Gesellschaftszustände ändern soll. In der heutigen Gesellschaftsordnung wird die überwiegende Mehrzahl der Menschen gezwungen, in derartig unerhörten und unerträglichen Zuständen zu leben, daß von einer menschlichen Existenz kaum noch gesprochen werden kann, und es ist kein Wunder, daß heutigen Tags die großen Massen der Menschheit unfähig geworden sind, am geistigen Leben in irgend einem Sinne Anteil zu nehmen. Wäre es an sich auch schon eine Aufgabe, die ihren Wert in sich trägt, diesen verelendeten Massen zu nichts weiter als zu einer besseren materiellen Existenz zu verhelfen, sie aus einem tierischen Dasein heraus in ein menschliches Leben zu führen, so erhält der Sozialismus doch seine wahre Berechtigung noch besonders dadurch, daß diese Aufgabe um der Kultur ent Wicklung der Menschheit willen mit jeder Stunde dringender wird. Forderten wir für diese als notwendige Bedingung den Internationalismus, d. h. einen Zustand, in dem die Individualitäten der Nationen sich ausleben], so müssen wir jetzt hihzufügen, daß innerhalb der Nationen das gleiche Prinzip des Individualismus eine notwendige Bedingung hierfür ist. Nur dort wo in einem Volke eine hinreichende Menge ausgeprägter Persönlichkeiten und starker Charaktere vorhanden ist, kann aus ihrem Zusammenklang, aus ihrer Anteilnahme am geistigen Leben sich die Kulturproduktion des Volkes entwickekn Die heutige gesellschaftliche Ordnung hat eiinen gegenteiligen Zustand geschaffen. Sie zwingt die übergroße Mehrzahl der Menschen in Bedingungen des Lebens, die ihnen einfach nicht mehr die objektive Möglichkeit geben, über ihre rein animalischen Bedürfnisse hinaus ihre Persönlichkeit zu entwickeln, und auf der anderen Seite erzielt sie eine Häufung von Reichtümern. die einen starken Prozentsatz der Wohlhabenden von dieser Aufgabe abgelenkt und ihr Leben auf das eine Ziel eingestellt haben: die Häufung meßbaren und zählbaren Besitzes. Es bleibt also zwischen Massenelend und Reichtumsanhäufung eine kleine Zwischenschicht, vorwiegend aus sogenannten Intellektuellen bestehend, die allein die materiellen und psychischen Voraussetzungen vereinigt, die ihr den wahren Individualismus und damit Anteilnahme an der Kultur möglich machen; und es ist kein Wunder, daJß diese Schicht nicht im Stande war, während der letzten wenigen Jahrzehnte die europäisch-amerikanische Kultur vor der beginnenden Volksentfremdung, vor der beginnenden Mechanisierung und vor der beginnenden Erstarrung zu bewahren. Die sozialistische Gemeinwirtschaft gibt jedem Einzelnen zunächst einmal in materieller und zeitlicher Hinsicht die Möglichkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und wird so zur Voraussetzung wahrer geistiger Freiheit und des wahren Individualismus. Sie kann das Existenzminimum umso leichter sicherstellen, als bei einer planmäßig geregelten Wirtschaft alle' die Reibungen und Schwächungen der Produktionskräfte fortfallen, die mit der freien Konkurrenz des Kapitalismus notwendigerweise verknüpft sind. Sie wird, um nur ein Beispiel von unzähligen zu gebrauchen, nicht 25—30% der arbeitsfähigen Menschen mit der an sich notwendigen, aber doch die Produktion nicht fördernden und deshalb auf das Mindestmaß der Kräfteabsorption zu beschränkenden Aufgabe der Verteilung beschäftigen, sondern nur 5—10%, und so allein hierdurch ein Fünftel der arbeitsfähigen Menschen für die direkte Erzeugung notwendiger Güter frei machen. Angesichts der entsetzlichen Notlage befindet sich jede Nation in der gleichen Situation wie die Bewohner jener belagerten Stadt, und wir im Augenblick der beginnenden Erfüllung unserer zionistischen Aufgabe mehr als alle anderen. Und es ist nicht einzusehen, warum nicht eben die gemeinsame politische Aktion auch die gemeinsame wirtschaftliche Aktion treten soll, warum nicht die Völker zur Abwehr von Hunger, Armut und Elend sich in gleicher Weise zusammenschließen sollen wie zur Abwehr äußerer Feinde. Die Aufgabe der Errichtung einer sozialistischen Gemein Wirtschaft ist für jedes Volk anders gestellt, weil die inneren Gesetzmäßigkeiten und die äußeren Bedingungen eines jeden Volkes andersartige sind. Wir glauben nicht, daß es Zufall sei, wenn unsere Partei, die bewußt für das Ziel des freiheitlichen und dezentralistischen Sozialismus eintritt, innerhalb des jüdischen Volkes eine relativ größere Anhängerschaft zu vereinigen im Stande ist. als entsprechend freiheitlich-sozialistische Parteien bei manchen anderen Völkern Wir glauben vielmehr, daß es zu den Gesetzmäßigkeiten des jüdischen Nationalcharakters gehört, daß besonders bei ihm nur die Form des Sozialismus Möglichkeiten der Entwicklung hat, die nicht die Monotonie des Massenelends ersetzen will durch die Monotonie des zentralistischen Zuchthausstaates, sondern nur der Sozialismus, der mit einem notwendigen Minimum von Zentralismus auskommt, di'e sozialistische Gemein Wirtschaft in erster Linie von unten herauf aufbauen will, aus sozialistischen Kommunen, die den Einzelnen nicht einer übermächtigen, bis in die innersten Sphären des individuellen Lebens eingreifenden Staatsgewalt gegenüberstellen, sondern ihm die Möglichkeit eigener Entwicklung, eigener Initiative und eigener Entscheidung geben. Dar über hin aus ist es klar, daß die objektiven Möglichkeiten für uns ganz anders liegen, als z. B. für den europäischen Sozialismus. Der europäische Sozialismus hat die Aufgabe, eine bestehende Wirtschaft zu erobern. Die ♦C=>*C=>*C=>«C=>4 L. Kielleuthner kgl. bayer. Hoflieferant 43 Maximilianstrasse 43 Bekanntes Haus für erstklassige Herrenbekleidung nach Mass