Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 9 (3.3.1922)
- Date
- 1922-03-03
- Page
- Seite 118 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9145378--04831-9077499- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
118 Das Jüdische Echo Nr. 9 sondern die Bewahrung der Individualität der Völker seine Aufgabe sei. Ebensowenig wie Sozialismus etwas zu tun hat mit dem, was man heute in Deutschland unter Nationalismus versteht und was kein wahrer Nationalismus ist, sondern ein Gemisch primitiver Instinkte nach Machterweiterung und primitiver Wünsche danach, auf Kosten anderer Menschen leben zu können, ebensowenig hat waJhrer Sozialismus etwas zu tun mit dem kosmopolitischen Ideal von der Verschmelzung der Völker, der Vernichtung ihrer Eigenart. Der Sozialismus ist international, und das Zukunftsbild des Internationalismus zeigt ihm das Bild eines Bundes freier Völker, die in brüderlichem Wettstreit miteinander danach ringen, die Kultur der Menschheit zu bereichern, die sich aber ihrer Verschiedenartigkeit, ihrer besonderen Eigenartigkeit bewußt sind und diese bewahren als das kostbarste Kulturgut, als die Grundlage der menschlichen Kultur. Von diesem Standpunkt aus wird für den jüdischen Sozialisten die Frage brennend, wie er die dauernde Existenz seines Volkes sicherstellen kann. Analysiert er die augenblickliche Lage des jüdischen Volkes, so muß er zu der Erkenntnis kommen, daß das jüdische Volk trotz seiner ruhmreichen Vergangenheit, trotz der starken und mächtigen kulturellen Kräfte, die in seinem Wesen liegen, heute kein Kulturfaktor der Menschheit ist, und er sieht, daß nicht einmal die nationale Existenz des jüdischen Volkes in seiner augenblicklichen Lage von Dauer sein kann. Seitdem die allmähliche Veränderung der gesellschaftlichen Zustände in Europa die Juden mitten' in die kapitalistische Verkehrswirtschaft hüneingestellt hat und sie so tagtäglich zu inniger Berührung, zu innigem Konnex mit der jüdischen Umwelt zwingt, seitdem datiert der Verfall und das langsam aber sicher zum nationalen Tode führende Siechtum des jüdischen Volkes. Auch die zukünftige sozialistische Wirtschaft der europäischen Völker wird eine Verkehrs Wirtschaft, eine grundsätzlich auf Austausch begründete Wirtschaft sein. Es ist eine offene Frage, wie weit diese sozialistische Verkehrswirtschaft auch nur im Stande sein wird, solche nationalen Minoritäten zu erhalten1 und vor der Assimilation an die fremdnationale Umwelt zu bewahren, die bils zu einem gewissen Maße konzentriert leben und an ihren nationalen Zentren einen Rückhalt haben. Die Antwort auf diese Frage wird erst die Erfahrung der Zukunft geben. Aber es ist keine Frage, daß eine nationale Minorität wie die jüdische, deren Glieder in einem derartigen Maße zerstreut sind und die keinen Rückhalt an einem nationalen Zentrum hat, dem nationalen Tode in der sozialistischen Verkehrs Wirtschaft ebenso entgegengeht wie in der des Kapitalismus. Das Streben des jüdischen Sozialisten, der eben darum, weil er Sozialist ist, die Existenz des jüdischen Volkes sicherstellen will, muß darum dah,ingehen, eine eigene, fest auf eigenem Boden gegründete Wirtschaft des jüdischen Volkes zu schaffen. Imponderabilien des Seelenlebens der übergroßen Mehrzahl der Juden, die rational schwer faßbar, aber die da sind und mit dienen gerechnet werden muß, und die die große Masse der Juden mit diesem einen Lande Palästina verknüpfen und die ihnen nur dort die ungeheuren Anstrengungen möglich machen, die notwendig sind, führen dazu, daß der jüdische Sozialismus sich mit dem Zionismus verbindet und den Ort für die neue freie sozialistische Wirtschaft des jüdischen Volkes in Palästina fixiert. Das Ziel des Hapoel Hazair ist also die jüdische . sozialistische Gemeinwirtschaft in Palästina, d. h. eine Wirtschaft, in der an die Stelle der freien Willkür des Einzelnen planmäßige Regelung im Interesse der Gesamtheit tritt. Eines ihrer hervorstechendsten Merkmale ist, daß Konsum und Produktion wieder in einen direkten Zusammenhang gebracht werden sollen. Während sie heute nur durch den freien Markt in Verbindung stehen und der Produzent weder weiß, was die Schar der Konsumenten braucht, noch was in diesen Waren von seinen Konkurrenten gleichfalls produziert wird, soll in der planmäßigen sozialistischen Wirtschaft der Konsum dien Ausgangspunkt der Produktion bilden. Die Gemeinwirtschaft ist so aufzufassen, daß diie Gesamtheit des Volkes, d. h. alle seine arbeitsfähigen Glieder, in planmäßiger, auf den Bedarf gerichteter Produktion alles das herstellen, was die Gesamtheit braucht und was mit den Mitteln der heutigen Technik in einer solchen durchschnittlichen Arbeitszeit hergestellt werden kann, die dem Einzelnen zeitlich Spielraum genug läßt, sein Leben so zu gestalten, wie er es auf Grund seiner persönlichen Anlagen für richtig hält. Die in erster Linie auf Deckung des Bedarfs eingestellte sozialistische Wirtschaft will einem jeden zunächst einmal das Existenzminimum sicher stellen*. Wie in einer belagerten Festung es keinen Unterschied mehr zwischen den Einzelnen gibt außer dem der natürlichen Befähigung, und jeder Einzelne herangezogen wird, sich der Gesamtheit zur Verfügung zu stellen, und die Gesamtheit jedem Einzelnen das gibt, was sie geben kann, so TSnuThallmcuer München TheatmerÜrAQ. miriQ Sbv&llcuw. hpt-'-