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Das jüdische Echo · 1922-03-03 · 9 (3.3.1922) · p. Seite 116

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
9 (3.3.1922)
Date
1922-03-03
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
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116 Das Jüdische Echo Nr. 9 fühlen uns doch, wie auf dem letzten zionistischen Delegiertentag feierlich erklärt wurde, deshalb nicht minder als gute deutsche Staatsbürger. Wenn aber jemand einwendet, daß der Antisemitismus trotzdem aus dem Zionismus Kapital schlagen könne, so merke er sich: Der eine fragt, was kommt danach, der andere, was i&t recht, und dadurch unterscheidet sich der Freie von dem Knecht. Dr. N. Der Misrachi 1. Der N a m p ist ein zusammengesetztes Wort: merchas ruchni d. i.. geistiger Mittelpunkt, und seine Träger bilden eine Vereinigung gesetzestreuer Zionisten in Sorm einer Föderation innerhalb der zionistischen Organisation. 2. Ursprünglich hatte der Herzksche Zionismus (1897) seine Tätigkeit auf organisatorische und politische Ziele gerichtet: Schaffung einer ausgedehnten Organisation und Durchsetzung des zionistischen Gedankens in der gesamten politischen Welt. Mit fortschreitender Entwicklung des Zionismus erfolgte neben und innerhalb der bisherigen territorialen Gliederung nach Landsmannschaften die Differenzierung nach geistig-kulturellen Gesichtspunkten, es entstanden Gruppen, die gesammelt für ihren Gedanken innerhalb der Organisation wirken wollten. Am V. Kongreß 1901 trat das zum erstenmal klar in die Erscheinung. Und das ist auch die Geburtsstunde des Misrachi und nach zweijähriger Vorarbeit erfolgte zu Preßburg 1903 die formelle Gründung dieser Föderation durch Rabbiner Reines A. in Li da, dem eine Reihe angesehener Rabbiner zur Seite standen: Gedalja Schmelkes in Przemysl, Brady, Oberrabiner in Prag, Kowalsky in Wloclawek und der leider so früh vollendete Dr. Nobel in Frankfurt u. a. mehr. 3. Der Misrachi; entwickelte sich nach und nach zu einer Weltorganisation mit entsprechenden Landesorganisationen: markant waren die osteuropäische unter der Führung von Rabbiner Reines, die westeuropäische unter Dr. med. J. Feuchtwanger iln Frankfurt a. M. und die amerikanische unter Rabbiner Dr. Klein in New York (einem Schwiegersohn von Direktor Mendel Hirsch in Frankfurt a. M.). Von allem Anfang an war der Misrachi! in eine schwere Kampfstellung getreten, die schwerste Krise hatte er 19 11 zu überwinden, als der damalige KonyVe uhczusersfr. /5, gegenüber der alten Akademie greß die Fragen des Bildungs- und Erziehungswesens gegen den Willen des Misrachi als Sache der Gesamtorganisation erklärte und eine Bildung von Schulgemeinde u. dergl. für diese Zwecke ablehnte. Einem nachfolgenden Delegiertentag des Misrachi in Berlin wurde der Antrag unterbreitet, aus der zionistischen Organisation auszutreten und eine selbständige Organisation zu bilden. Dieser Antrag wurde mit überwältigender Majorität abgelehnt, infolgedessen traten eine Anzahl führender Persönlichkeiten aus dein Misrachi und der Gesamtorganisation aus. Nach dieser Krise wuchs der Misrachi von Jahr zu Jahr unter der Führung von Männern wie Hermann Streick-Berlin, Dr. L. Franck-Altona und M a i e ir - B e r 1 i n , einem jungen russischen Rabbiner aus einer der bedeutendsten Gelehrtenfamilie des Ostens, der im hebräischen Organ der Bewegung, im „H a i b r i“, mit großer Energie für den Misrachi wirkte, wie ähnlich di!e „Neue jüdische Presse“ von Sally Geis in Frankurt a. M. und die H i 1 d e s h e i m e ir s c h e „Jüdische Presse in Berlin das gleiche Ziel in deutscher Sprache verfolgten. Der große Krieg vermochte die weitere Ausbreitung nicht zu hemmen. Besonders wuchs in England unter der Führung von Chief- Rabbi Dr. Hertz und Dr. Schönfeld, dem Rabbiner der einzigen englischen orthodoxen Separatgemeinde und in Amerika; dort gehören ihm fast sämtliche orthodoxe Rabbiner und ein großer Teil der Orthodoxie überhaupt an. Auch in Polen erfuhr der Misrachi sehr ansehnlichen Zuwachs, ebenso in Holland und in der Schweiz. Selbstredend wuchs damit auch in all diesen Ländern das misrachistische Zeitungswesen in gleichem Maße, so daß der Misrachi, auch publizistisch gut vertreten ist. 4. Das Programm des Misrachi; das über Zwecke und Ziele spricht, lautet: „D e r Misrachi ist eine Vereinigung von Zionisten, welche die Verwirklichung des Baseler Programms auf der Grundlage und im Sinne des traditionellen jüdischen Gesetzes erstrebe n.“ Der Misrachi erklärt demnach die Errichtung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina als Lebensbedürfnis des jüdischen Volkes und ferner, daß die Schaffung dieser Heimstätte dem jüdischen Volke die Möglichkeit gibt, politisch, wirtschaftlich, aber vor allem kulturell und religiös sein Eigenleben zu sichern. Der Misrachi ist der Überzeugung, daß wirksam nur dann daran gearbeitet werden kann, wenn das ganze jüdische Volk schon in der Diaspora in einer einheitlichen Organisation sich zusammenfindet, umso mehr ist das nötig, als in der 2000jährigen Galuthgeschichte die Einheit des jüdischen Volkes schon allzu stark geschwunden ist und wir dürfen nichts tun, was sie noch mehr gefährden kann. In diesem Ziel und Weg kann und muß eine einheitliche Organisation vorhanden sein. 5. Daraus erwächst dann das Einheitsbewußtsein und die Möglichkeit, ein einheitliches Gemeinwesen zu schaffen. In dieser Einheit des Gemeinwesens will der Misrachi die Aufgabe erfüllen, Kenntnis vom Judentum und Wüllen zur Betätigung dessen, was uns jüdisch heißt, denen zu bringen, die fremd dieser Überlieferung auf ge wachsen sind. Nur so können wir Brücken schlagen und lebendig unter unseren Volksgenossen im Geiste des alten Judentums, der jahrtausende langen jüdischen Überlieferung wirken.

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