Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 9 (3.3.1922)
- Date
- 1922-03-03
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo mwhh ■BaBiMMamnMMBamiBgaaMagBBmMaamBCTnBMmMMmMB Nummer 9 3. März 1922 9. Jahrgang —mm— ■ ■■■!■■—iinm ii i ■ in i ii 11 in uiiumii ii ■■um MmmmM«mmnMiTWM««MornmTTinriniiiiiB^^ i iimi mniirT Der Zionismus Es ist noch kein Menschenalter her, da wehrten sich offizielle Vertreter des deutschen Judentums gegen die Errichtung von Bnei-Brith-Logen, weil sie glaubten, daß ein Zusammenschluß von Juden in den Logen ihrem Deutschtum abträglich sei. Man kann sich leicht vorstellen, wie dieses offizielle deutsche Judentum dem Zionismus gegenüberstand, der nach seinem Baseler Programm vom Jahre 1897 die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina erstrebte. Den guten deutschen Staatsbürger erfaßte ein Schauder, wenn nur das Wort „Zionismus“ fiel; ein großer Teil der Zionisten quittierte das mit einer gründlichen Verachtung des nichtzionistischen Judentums, in dem sie eine geschlossene Masse von „Assimilanten“ sahen. Heute bietet sich ein anderes Bild Der Palästinagedanke hat über alle großen und kleinen Bedenken gesiegt, die überwiegende Mehrheit des deutschen Judentums, fast alle maßgebenden Organisationen haben sich für die Beteiligung am Keren Hajessod ausgesprochen und treten damit für die von den Zionisten erstrebte jüdische Heimstätte in Palästina ein. Vertreter aller Richtungen — selbstverständlich außer den nationaldeutschen — arbeiten in den Keren Hajessod-Komitees zusammen. Also „gibt es keine Pyrenäen mehr“, ist die Unterscheidung zwischen Zionisten und Nichtzionisten bedeutungslos geworden? Wer wirkliches Verständnis für die bewegenden Kräfte des Judentums besitzt, wird diese Frage verneinen. Wohl trennt das zionistische und das nichtzionistische Judentum keine unüberbrückbare Kluft mehr, noch immer aber scheidet sie eine deutliche Grenze. Wohl hat sich das Gesamtjudentum den Palästinagedanken zu eigen gemacht, doch erschöpft dieser keineswegs den ganzen Inhalt des Zionismus. Die entscheidende Tat Theodor Herzls war nicht die bloße Idee einer jüdischen Heimstätte in Palästina — diese Idee war schon vor seinem Auftreten lebendig — sondern die Verbindung der Palästinaidee mit dem jüdischen Volksgedanken, die Verkündung der Erkenntnis, daß das Judentum der ganzen Welt ein Volk, ein Volk ist, und der Aufruf dieses Volkes zur Erneuerung, zur Errichtung eines Zentrums in Palästina. Die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina war also für Herzl und ist heute für den Zionismus nur die Krönung des Volksgedankens, jüdisches Volk und jüdisches Palästina sind für ihn durchaus von einander abhängig. Das jüdische Volk kann auf die Dauer nicht ohne ein territoriales und geistiges Zentrum in Palästina bestehen, ein jüdisches Palästina andererseits nicht ohne das gesamte jüdische Volk aufgebaut werden; das ist die Bedeutung des nationalen Gedankens im Zionismus. Das Wesen des jüdischen Nationalismus wird allzu oft mißdeutet. Er ist nicht das Geistesprodukt eigensinniger Doktrinäre, sondern aus geschichtlicher Notwendigkeit heraus erwachsen, er bringt die unumstößliche Erkenntnis zum Ausdruck, daß die vielen Nöte des Judentums in den verschiedenen Ländern, im Osten und Westen, in Wirklichkeit nur ein einheitliches nationales Problem darstellen und daß dieses Problem nur durch die Kraft deszu einer schaffenden Einheit, zu einem Volke verbundenen Gesamtjudentums gelöst werden kann. Nur diese Idee vermag im Judentum die unermeßlichen Kräfte zu wecken, die zum Aufbau des jüdischen Palästina notwendig sind, nur sie vermag Menschen mit dem Opfermut und der Begeisterung zu erfüllen, welche die Pionierarbeit in dem unersohlossenen Lande erfordert Nur die Macht, welche das 14 Millionen-Volk der Juden verkörpert, kann auf die Dauer die jüdischen Minderheiten in den einzelnen Ländern der Diaspora, insbesondere in den Ostländern, vor Unterdrückung schützen. So, glauben wir, führt der nationale Zionismus allmählich zu einer Lösung des großen jüdischen Gesamtproblems. Die Lösung vollzieht sich für das jüdische Volk nicht von, heute auf morgen, sondern im Wege der Evolution, der langsamen Entwicklung. Revolutionierend aber ist die Wirkung der zionistischen Volksidee auf den Einzelnen, dem sie sich offenbart hat. Wer den Zionismus wirklich erlebt hat, der fühlt sich innerlich gewandelt, sieht sich und die Umwelt in einem neuen klaren Lichte. Nicht mehr ringt er mit Zweifeln über Sinn und Wert seines Judentums, nicht mehr schwankt er als ein Entwurzelter haltlos zwischen Deutschtum und Judentum, er hat die Entscheidung gefällt und fühlt sich nun eingewurzelt im Boden jüdischen Volkstums, eingebettet in die Folge jüdischer Geschlechter. Das bedeutet nicht, daß es für ihn keine Fragen mehr gibt. Das Problem Judentum und Deutschtum besteht auch für den deutschen Zionisten. Das Dasein jeder nationalen Minderheit innerhalb einer Mehrheit trägt problematische Züge, verstärkt aber ist das Problem für den W estjuden, der sich zum jüdischen Volkstum bekennt, der aber die Sprache des Landes spricht, in dem er lebt, in den Sitten dieses Landes aufgewachsen und mit seinen Kulturinhalten angefüllt und mit jüdischer Sprache, Sitte und Kultur zumeist nur oberflächlich vertraut ist. Gewiß, dieses Problem des zionistischen Westjuden ist nicht leicht zu nehmen, aber — und das ist das Wesentliche — es liegt für ihn nur an der Peripherie, nicht im Zentrum. Der Schwerpunkt seines Wesens ruht sicher im Judentum. So ist es auch zu erklären, daß der Zionist den Antisemitismus innerlich leicht überwindet, während die Masse der Nichtzionisten von ihm in ihrem Gleichgewicht erschüttert, vielfach an sich und ihrem Judentum irre wird. Auch der Zionist betrachtet den Antisemitismus nicht als quantite negligeable, er bekämpft ihn — wir brauchen das in diesem Blatte nicht besonders zu versichern — energisch, aber der Antisemitismus kann ihm nur zum äußeren, nicht zum inneren Feind werden. In diesem Heim ist — nach dem schönen Worte Theodor Herzls — der Zionismus die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland. Bleibt noch die immer wiederkehrende Frage zu beantworten, ob Zionismus, ob jüdischer Nationalismus mit deutschem Staatsbürgertum . zu vereinbaren ist. Trotz aller Neuimediationen derer um Naumann ist die Antwort ein entschiedenes Ja. Der Satz: cuius regio eius natio gilt heute nicht mehr; das Recht der nationalen Minderheiten ist im modernen Staate unantastbar. Und so nehmen auch wir das Recht für uns in Anspruch, in Deutschland unsere jüdische Eigenart nach unseren — leider beschränkten — Kräften zu pflegen und