Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 8 (24.2.1922)
- Date
- 1922-02-24
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9145377--04818-9077486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
106 Das Jüdische Echo Nr. 8 11 li IUI 11 ■ 111 ■ I Feuilleton |||| 11 Dl ■ DIi ■II l| Jiddisches Theater in Stuttgart Aus den Augen der Anna Jaikubowna kam über mich die Sehnsucht nach der Kunst ihrer östlichen Welt; und aus den Zeilen Alfred Kerrs, da er über das Jiddische Theater in Berlin schrieb, sprang der Wunsch in mich, diese Kunst zu sehen....! * Der Zufall einer Reise nach Stuttgart brachte Erfüllung: eine „Deutsch-Jüdische Künstler-Gesellschaft“ (warum heißt sie so?) spielte „A Mames Treren“, ein dreiaktiges Drama von Markowitz. * Das Stück ist ein Reißer übelster Sorte; operiert mit Irrsinnigen, Totschlag, Mord, Hinrichtung, Zuchthaus — alles im Plural: selbst der selige Eiland hätte sich mit Schaudern abgewendet. Also ist von diesem Drama nichts zu berichten; nur, daß der Verfasser Schreckliches miterlebt haben muß, bis sich ihm dieser Schrei einer aufs äußerste gequälten Seele entrang. Aber die Sprache, dieses köstliche Gut, ton- und klangreich gemahnend an die des Walter von der Vogelweide und des Juden Süßkind von Trimborn, der vor hunderten Jahren in Deutschland Minne sang... Haben, die sie heute sprechen, vergessen, daß diese Sprache also nicht trennendes, sondern bindendes Mittel zwischen uns ist? * Unter diesen Schauspielern, die aus Litauen, Polen und Galizien sind, ist einer, der Epstein heißt. Vielleicht wird dieser Name einmal neben Schildkraut, Marie, Cranach stehen. * Ich habe noch keine jüdische Veranstaltung gesehen, die nicht infolge von Ungezogenheit von Zuspätkommens eines Großteils des Publikums verspätet beginnen mußte. Es war auch in diesem Falle so. Möge diese Truppe, die nun nach München kommen wird, darauf gefaßt sein, daß es hier genau so sein wird. Dr. Lh. Konzert-Hbend der jüdisch. Hrbeitsgememschaft Die jüdische Arbeitsgemeinschaft München darf wohlbefriedigt auf ihren ersten Konzertabend zurückblicken. Freilich hatte man es nicht mit künstlerischer Klasse zu tun, sondern vielmehr mit „Werdenden“; doch gerade das gab dem Konzert eine ganz besonders interessante Note. Zu sehen imd zu hören, wie diese jungen Leute voll Liebe und Begeisterung zu Werke gehen und mit wahrhaft innerer Freude musizieren, das ist erhebend und wohltuend für jedes jüdische Herz. Nur so war es möglich, das kühne Programm, das sich die Arbeitsgemeinschaft für den ersten Abend aufgestellt hat, mit Erfolg durchzuführen. Der 1. Teil war Mozart gewidmet; der 2. Teil galt Beethoven. Eingeleitet wurde mit der F-dur- Sonate für zwei Klaviere von Frl. S. Hojda und Herrn E. Korach, mit viel Temperament vorgetragen. Hierauf folgte die E-dur-Sonate für Klavier und Violine. Die Geschwister Wilczynski (Natascha W., eine tüchtige Geigerin und Grete W., eine noch tüchtigere Pianistin) bezeugten durch die ausgezeichnete Wiedergabe des Andante grazioso dieser Sonate, daß es jüdische Häuser gibt, in denen gut musiziert wird. Frl. Sonja Fleischer, unter den erwähnten „Werdenden“ für heute wohl die „Gewordenste“, sang im 1. Teil „Veilchen“ in „Alleluja“ und im 2. Teil „Mignon“ und „Freudvoll und Leidvoll“. Den Abschluß des 1. Teils bildete das B-dur-Trio für Klavier, Violine und Cello. Dank der pianistisch und musikalisch anerkennenswerten Leistung von Frl. S. Hojda und der liebevollen Hingabe der beiden Streicher Herrn S. Schapiro und Herrn M. Goldberg konnte auch dieses Werk mit gutem Gelingen durchgeführt werden. Herr M. Goldberg zeigte auch bei der Wiedergabe der F-dur-Romanze, daß er über nennenswerte musikalische Qualitäten verfügt. Als Schlußeffekt kam das e-moll-Konzert von Frl. Grete Wilczynski, namentlich im Largo mit guter Auffassung und Empfindungskraft gespielt. Das Orchester ersetzte Herr Curt Stern am zweiten Klavier mit musikalischem Geschick. Jos. Ziegler. Jo Lherman / Die Jüdin In der Stadt, die zwischen den Nationen lebt und Heim für viele Heimatlose ist, zum Zentrum Europas noch gehörig und schon Pforte zu östlichen Welten, gibt es einen Bezirk, der ganz eigenartig von den anderen verschieden ist. Er liegt, ein gesäumt von weiß schimmernden, stolz sich hebenden Bauten, zwischen breiten, vornehmen Straßen, und ist selbst ein Wirrsal enger, winkliger Gassen, baufälliger, gleichgültig grauer und schmutziggelber Häuser, verkrüppelt, altersschwach, rückengebeugt: und in diesen Gassen wohnen jene, die Not, Krieg, Revolution, Hunger aus Polen und Galizien, Rumänien und der Bukowina vertrieb, die ewig wandernd, ewig suchend, ewig ruhelos Ahasvers Erben sind: Ostjuden. Abgelehnt von den anderen und selbst sie ablehnend führen sie unter sich ihr Leben fort, wie sie es von altersher gewöhnt sind: ein wenig lärmend, ein wenig verträumt arbeitend, lernend, betend. Sie sind sehr fromm, und darum ist der Weihe, alte, graubärtige Mann, der in dem zweiten Stock eines der ältesten Häuser der Glockengasse wohnt eine sehr gewichtige Persönlichkeit unter ihnen: der Rabbiner. Er unterscheidet sich recht sehr von den anderen Seelsorgern der großen Stadt, von denen seines eigenen Glaubens eben so sehr, wie von denen anderer Konfessionen. Diese tragen meist ihr Priestertum mit angestrengter Würde vor sich her; der ewige schwarze Rock, der steife schwarze Hut sind wie ein Aushängeschild, das mitteilt, nur sie seien Mittler zwischen Gott und Mensch.... Dieser Rabbiner aber, ddr irgendwie heißt, sieht in Kaftan, langen Locken und weichem Hut fast aus wie jeder andere Bewohner der Glockengasse; es ist mehr der Ausdruck seiner guten, etwas müden Äugen, die Spiegel seiner Seele sind und verraten, wie er seine Auserwähltheit in sich trägt. Er ist sehr geachtet, denn er ist ja der Rabbiner, imd er wird sehr geliebt, denn er ist immer hilfsbereit, und er wird von manchem beneidet, denn er besitzt einen köstlichen Schatz; seine Frau hat ihn ihm vor nunmehr achtzehn Jahren geschenkt: Mirjam, die nun der beiden einziges Kind ist. Sie ist kaum mittelgroß, zierlich und ebenmäßig wie ein junges Reh; die dunklen Augen leuchten wie Nachtviolen aus dem zarten, blassen Gesiehtchen. über dem das straff zurückgekämmte Haar in fast blauem Schwarz schimmert und im Nacken zu einem tief und schwer niederhängenden Knoten zusammengesteckt ist. Die alten Männer, die nach Schluß des Gottesdienstes schwatzend vor der Synagoge sehen, schütteln wohlgefällig den Kopf, wenn sie