Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 8 (24.2.1922)
- Date
- 1922-02-24
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Das Jüdische Echo 105 Eine so große Zahl ist seit der Vorkriegszeit, wo man deren schon bis fünfzehn zählen konnte, nicht mehr gesehen worden. Bei anhaltendem Regenwetter ist es fast unmöglich, die Straßen der Unterstadt in einem menschenwürdigen Zustand zu erhalten, da die Pflasterung mit Kalksteinen schnell verdirbt und stete Ausbesserung fordert. Die Stadt hat deshalb beschlossen, die verkehrsreichsten Straßen mit Vesuvsteinplatten zu pflastern, und glaubt damit billiger zu fahren, als mit hiesigem Material. Mit dem ersten April soll die Schnelligkeit der Eisenbahnzüge durch neue Maschinen so vermehrt werden, daß die Strecke Haifa-Jerusalem in dreieinhalb Stunden gemacht wird. Bis jetzt waren dazu fast sieben Stunden nötig. Die jüdische Arbeiterbank. Jerusalem. (J. C. B.) Bisher wurden in Palästina selbst 5164 Anteile der jüdischen Arbeiterbank verkauft. Den hier ein getroffenen Nachrichten aus Amerika zufolge befindet sich dort die Kampagne zu Gunsten der Arbeiterbank in günstigem Fortschreiten. An die jüdische Gesellschaft! Aus Südrußland gelangen Nachrichten zu uns, bei deren Anhören jedes jüdische Herz erbeben muß. Die jüdischen Kolonisten befinden sich am Rande des Ruins. Das lebensfähigste und kraftvollste Gebiet unseres Wirtschaftslebens, der Ursprung und Born all unserer Kolonisationsversuche, der Herd der gesamten jüdischen Landwirtschaft, der bereits jetzt Hunderttausende von Personen zählt — dieses bodenständigste Gebiet in unserem zerrütteten Leben ist nahe daran, von Grund aus zerstört zu werden. Zuerst brach über die Kolonien eine Reihe von Pogromen herein; viele Kolonistenfamilien sind ab geschlachtet, Häuser und Speicher, lebendes und totes Inventar sind in erheblichstem Maße ausgepliindert und geraubt worden. Die jüdischen Kolonisten wehrten sich und hofften gleich allen anderen Juden auf bessere Zeiten. Da wurden sie in diesem Jahre von einem neuen Unheil, einer furchtbaren Mißernte, heimgesucht. In der überwiegenden Mehrzahl der Kolonien wurde nicht einmal soviel geerntet, wie gesät worden war. Die brotlos gewordene Bevölkerung flüchtet aus den Heimatdörfern, indem sie die spärlichen Überreste ihres Besitzes preisgibt. Hungernde Kinder irren auf der Landstraße umher und betteln um ein Stückcken Brot für sich und ihre Eltern. Ein großes Nationalvermögen, das viele gesellschaftliche Energie und viele Volksopfer kostete, geht seinem endgültigen Untergang entgegen. Das aber darf nicht geschehen! Die jüdischen Kolonisten müssen bis zur Ernte des nächsten Jahres mit Brot versorgt werden! Die jüdischen Kolonisten müssen mit den nötigen Sämereien und landwirtschaftlichen Geräten zur Bestellung und Bebauung ihrer Äcker versorgt werden! Wir jüdischen Schriftsteller und gesellschaftlich tätige Männer* erachten es als unsere heilige Pflicht, uns an unsere Brüder diesseits und jenseits des Ozeans mit dem Rufe zu wenden: Rettet die jüdischen Kolonien vom Untergange! Zugleich damit erachten wir es aber auch als unsere Pflicht, unsere Brüder in Amerika darauf aufmerksam zu machen, daß, indem sie den jüdischen Kolonisten ihre Unterstützung angedeihen lassen, sie dessen eingedenk bleiben müssen, daß sie es nicht mit Almosenempfängem zu tun haben, daß jede Unterstützung, die den Unterstützten zu einem Schnorrer herabwürdigt, lieber ganz ausbleihen möge! Ihr müßt euch vergegenwärtigt halten, daß hier nicht von einer Almosenverteilung aufs Geratewohl, sondern von einer planmäßig betriebenen, landwirtschaftlichen Hilfsaktion die Rede ist — einer Hilfsaktion, die seitens deren Organisatoren die Erfahrung einer langjährigen gesellschaftlichen Tätigkeit unter den Kolonisten erforderlich macht. Daher kann von einer Übergabe der Verwirklichung dieser Hilfsaktion an die Hoover-Administration, wie manche Leute in New York glauben, nicht die Rede sein! Nur eine Unterstützung, die ihr Augenmerk haupt- und grundsätzlich auf die Kolonie und nicht auf den Kolonisten, auf die Gesamtheit und nicht auf den Einzelnen richtet, eine Unterstützung, die die Selbsttätigkeit des Notleidenden zur Grundlage hat, und die den Charakter eines wirtschaftlichen Aufbaues trägt, nur eine solche, die, weit entfernt davon, Initiative und Tatkraft der Unterstützten lahmzulegen, ihnen im Gegenteil Zuversicht und Glauben an ihre Kraft einflößt und sie zum Zwecke dieser Arbeit organisiert — einzig und allein eine derartige Unterstützung ist erwünscht, und nur eine solche fordern wir von Euch! Aus eben diesem Grunde sind wir der Meinung, daß die von den verschiedenen Organisationen vorzunehmende Hilfsaktion durch die Gesellschaft „ORT“ (Gesellschaft zur Verbreitung von Handwerk und Landwirtschaft unter den Juden) oder auch im Einvernehmen mit ihr durchgeführt werden müsse, da sie ihrer eigentlichen Aufgabe und ihrer Tätigkeit nach eine Organisation für rekonstruktive Arbeit darstellt, die sowohl über die genügende Erfahrung, wie auch über einen weitverzweigten Apparat verfügt, und außerdem — was die Hauptsache ist — die richtige gesellschaftliche Beziehung zu der Sache hat und sich auf ihre eigenen Ausschüsse und Bevollmächtigten in Rußland und der Ukraine stützt. Brüder! Seit drei Monaten wird in der jüdischen Presse fortwährend von der verhängnisvollen Lage der Kolonien geredet. Fragen wir aber, was bis heute zugunsten der vom Ungiick Betroffenen geschehen ist, so müssen wir zu unserem Leidwesen antworten: Nichts und wieder nichts! Währenddessen aber steht die Zeit nicht still. Der Frühling naht hieran — und wenn wir nicht jetzt schon die Kolonisten in den Stand setzen, ihre Felder zu bestellen, so wird es bald zu spät sein. Wir rufen daher unseren Brüdern zu: Helfet sofort, rettet die jüdischen Kolonien! Legt die Hilfsaktion in Hände, die keine Almosen verteilen, sondern die jüdische Landwirtschaft in Südrußland aufbauen und wieder hersteilen helfen! Abramowitsch R. (Rein): Ben-Adir; Baal- Machschowot (Dr. Eliaschew); Bergeisohn David: Einhorn David: Prof. Frankfurt S.: Frischmann David: Frumkin I.: Gergel N.; Gorelik Sch.: Großmann Wl.; Hirschkan Zewi; Prof. Hurwitz Sch.; Kapel Dr. A. (Mukdonni); Katz Ben-Zion; KreininM.; Latzki-BertoldiW.; LestschinskiJacob; Lion Joseph; Nomberg Ch. D.; Schneur S.: Seligmann Dr. Raphael: Singalowskv A.; Stil Nachum (Baal Dimjon); Tschirikower E.