Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 8 (24.2.1922)
- Date
- 1922-02-24
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Das Jüdische Echo Nr. 8 Jüdische Kulturprobleme In Palästina Wir eröffnen mit diesem Aufsatz eine Reihe von Darstellungen, die sich mit dem jüdischen Kulturproblem in Palästina befassen. Es ist notwendig, daß sich unsere Leser darüber klar sind, daß Hand in Hand mit dem wirtschaftlichen Aufbau unseres Landes «der kulturelle gehen muß. Das muß umso stärker betont werden, je mehr die Not der Zeit die ökonomischen Bedürfnisse der entstehenden jüdischen Heimstätte und die Frage der Aufbringung der zu ihrer Befriedigung notwendigen Mittel in den Vordergrund rückt. Die Schriftleitung. I. Die Sprache. Sprache ist Ausdrucksmöglichkeit in doppeltem Sinn: Verständigung, also etwas „zwischen den Menschen“, wie Mauthner sagt und Ausdruck der Volkspsyche, der geistig-nationalen Struktur. Die deutsche Sprache ermöglicht nicht nur den Verkehr zwischen den Deutschen, sie ist auch der Ausdruck des Deutschen. So und so muß man sprechen; denn das Volk empfindet so, denkt und formuliert so. Wenn ich im Deutschen sage: „Das Buch wird dort und dort verkauft“ und französisch denselben Inhalt mit: le livre se vend (wörtlich übersetzt: „Das Buch verkauft sich“) ausdrücke, wenn dem Deutschen: „Die Menschen ändern sich, das hebräische „Haanaschim mekabblim panim chadaschim“ (wörtlich: Die Menschen bekommen ein anderes Gesicht) entspricht, so ist das alles nicht sekundär und nur stilistisch. Nein, hier liegt ein geistiger Zwang vor, ein Muß, so und nicht anders Gedanken in Rede umzusetzen. Sprache ist Ausdruck des Volksempfindens nicht nur Ausdrucksmöglichkeit. Dies das Problem als solches. Wie liegen die Dinge in. Wirklichkeit? Jede Volkssprache ist geworden, an ein Land, seinen Boden, seine Einwohner gebunden. Das Kräftezentrum der französischen Sprache ist Frankreich, das der italienischen Italien, das der deutschen Deutschland; denn die Franzosen leben bodenverwurzelt in Frankreich, die Italiener in Italien, die Deutschen in Deutschland. Das Kräftezentrum des Hebräischen ist.denn die Juden, die hebräisch sprachen, leben bodenverwurzelt in.?? Fragen über Fragen. Noch gibt es Hebraisten, noch nicht Hebräer. Hebräisch soll die jüdische Volkssprache werden; warum ist nicht zu untersuchen; es dürfte bekannt sein. Aber dies Ziel harrt noch der Verwirklichung. Die Sprache der Juden gibt es noch nicht (wohlgemerkt die Volks-, die Umgangssprache). Wohl aber gibt es Sprachen der Juden, Sprachen, die Juden auch sprechen und Sprachen, die einzelne jüdische Volksteile und nur sie ausschließlich sprechen, also jiddisch, judenpersisch, spaniolisch u. a. m. Auch die sprachliche Wirklichkeit gibt ein Bild von der Zerklüftung unseres Volkes. Die hebräische Volkssprache soll also erst werden, sie ist bisher keine Tatsache, nichts Erreichtes, nichts ganz und gar Gegenwärtiges. Ihre Entwicklung bedingt eine Anzahl von Problemen und Aufgaben, mit denen wir uns im folgenden zu beschäftigen haben werden. Zunächst das Ziel: Die Juden Palästinas sollen hebräisch als Muttersprache sprechen; hebräisch muß ihnen zu eigen sein, wie deutsch den Deutschen. Diese allgemein erkannte und anerkannte Aufgabe bedarf zu ihrer Erfüllung höchster Kraftanspannung und einer wahren Opferwilligkeit. Wer nach Palästina geht, und dort leben will, müßte vor allen Dingen hebräisch, wenn auch nicht als seine, so doch als seine Umgangssprache sprechen. Er müßte sich persönlich für das Hebräische einsetzen, müßte gewillt sein, zur Verbreitung und Vertiefung, des hebräischen Sprachgedankens beizutragen und sei' es nur durch den Eindruck, den er als ständig hebräisch Sprechender hervorrufen wird. Ist doch hebräisch eine der drei (hebräisch, arabisch und englisch) offiziellen Sprachen in Palästina. Jeder englische Beamte in Palästina muß auch hebräisch können, jeder Gendarm und Schutzmann auf hebräisch Auskunft erteilen. Die Straßenschilder haben eine hebräische Inschrift, die Briefmarken hebräischen Aufdruck. Offiziell ward genug getan. Was aber taten die J uden? Jargon wird in Palästina immer noch sehr viel gesprochen. Manche deutsche Chaluzim Teden häufiger deutsch als hebräisch; denn es ist natürlich bequemer, Jargon, deutsch oder eine andere von Jugend auf gewohnte Sprache zu Sprechern als eine oft erst mühsam gelernte; freilich soll nicht geleugnet werden, daß es auch einen großen Stamm begeisterter Hebraisten unter den Chaluzim und speziell unter den litauischen Chaluzim gibt. —v Zu bedauern aber sind die Kinder, die junge Generation, die im Hause jiddisch, auf der Straße häufig arabisch, in der Schule hebräisch und im offiziellen Verkehr englisch hört.— Wir kommen hier zum Problem der Vielsprachigkeit. Deutschland hat außer in einigen Grenzbezirken das Glück, einsprachig zu sein. Das Glück — obgleich vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt Vielsprachigkeit manchmal ein Vorzug ist. — Hat das Kind eine Sprache als Muttersprache, so ist sie ganz und gar seine Muttersprache. Die Entwicklung und Bildung (im ursprünglichen plastischen Sinn) ist wirklich einheitlich; es besteht pädagogisch die Möglichkeit, alles im einheitlichen Sinn dieser seiner Muttersprache, mit der es durch Boden, Land, Umgebung verbunden ist, die ihm durch mehrhundertjährige Geschichte und Tradition seines Volkes ganz vertraut ist, darzustellen. Vielsprachigkeit trägt dagegen den Keim der Gefahr einer Verwirrung und Uneinheitlichkeit in sich. Die Vielsprachigkeit überhaupt ist in Palästina unvermeidlich. Aus kulturellen und politischen Gründen wird der Jude in Palästina auch arabisch und englisch fließend beherrschen müssen. Dreisprachigkeit wird also das Minimum sein; Fünf- und Mehrsprachigkeit aber sollte man zu vermeiden suchen. Später wird darauf einzugehen sein, ob und welche Möglichkeiten es gibt, über die Gefahren der notbedingten Dreisprachigkeit hinwegzukommen. Sehr viel wird davon abhängen, was jüdische Pädagogik zu leisten versteht. — Noch größer werden die Schwierigkeiten, mit denen die Pädagogen in Palästina zu kämpfen haben werden, wenn man versucht, das Sprachproblem tiefer als bisher zu erfassen. Die sprachliche Entwicklung eines Kindes hängt zum großen Teil von biologischen Gesetzen ab. Wenn wir ganz von physiologischen Modalitäten absehen, so bleibt der Einfluß von Vererbungstatsachen als ein wichtiger Faktor bestehen, der in der Art des sprachlichen Denkens ganz stark zum Ausdruck kommt.