Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 7 (17.2.1922)
- Date
- 1922-02-17
- Page
- Seite 92 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Das Jüdische Echo Nr. 7 untreut, wir haben geraubt“, und all das war gelogen, denn sie waren treu gewesen vor Gott und den Menschen. Heute ist es umgekehrt. In ihrem Handel üben sie Falschheit und Betrug, im Gebet bekennen sie die Wahrheit. Beim Mahl der sieben Hirten. An Rabbi Levi Jizchaks Tisch kam öfters ein redlicher und ungelehrter Mann, der von der Schülerschar mit abweisenden Blicken betrachtet wurde, weil er gar nicht zu fassen vermöge, was aus des Rabbis Munde kommt; und was will der Pechsieder unter den Salbenreibern? Da er aber in seiner guten Einfalt die Haltung der Schüler nicht bemerkte oder auch sich nicht durch sie anfechten ließ, sprachen sie endlich der Ehefrau des Zaddiks zu, sie möchte den Tölpel hinwegweisen. Sie wollte dies nicht ohne die Erlaubnis ihres Mannes tun; so legte sie ihm Bedenken und Bitte der Schüler vor. Der Rabbi anwortete; „Wenn einst die sieben Hirten beim heiligen Gelage sitzen., Adam Set Metusaleh zur Rechten, Abraham Jakob Mose zur Linken, David in der Mitte, und ein armer Unwissender, Levi Jizchak von Berditschew, hinzutritt, ich glaube daran, daß sie dem Tölpel gar noch zunicken.“ Wie der Sassower die Mitternachtsklage sprach. Rabbi Mosche Leib war ein riesenhaft gewachsener Mann, aber ein schweres Siechtum zehrte an seiner Kraft. Dennoch erhob er sich, auch wenn er am Abend von den Schmerzen erschöpft gewesen war, zu jeder Mitternacht von seinem Lager, ging wach und stark aus seiner Kammer und sprach die Klage um Jerusalem. Darum sagten die Chassidim, das Wort des Hohenliedes „Die Stimme meines Freundes pocht“ sei an ihm offenbart, denn die Stimme der trauernden Gottesherrlichkeit pochte sichtbarlich in ihm und erweckte ihn. Rabbi Hirsch hatte von dem wundersamen Tun des Sassowers um Mitternacht gehört. Als er in seinem Hause weilte, verbarg er sich einmal, um ihm zuzusehen. Um Mitternacht sah er, wie der Sassower Bauernkleider anzog, auf den schneebedeckten Hof ging, eine Last Holz aus dem Keller holte, sie zusammenband und sich damit belud. Dann verließ er das Haus, und Rabbi Hirsch folgte ihn in den klirrenden Frost der Winternacht bis ans Ende der Stadt, wo Rabbi Mosche Leib an einer armseligen Hütte stehenblieb und das Holz ablud. Der Schüler schlich sich ans hintere Fenster heran und sah in eine leere Stube, einen erloschenen Ofen und auf einem Bette liegend eine Frau, die mit trostloser Gebärde ihr neugeborenes Kind an die Brust preßte. Schon aber stand der Sassower in der Stube, Rabbi Hirsch sah ihn auf die Frau zutreten und hörte ihn sie in ruthenischer Sprache anreden: „Ich habe eine Last Holz zu' verkaufen und mag damit nicht weitergehn; willst du sie mir um geringen Preis abnehmen?“ Die Frau antwortete: „Ich habe keinen Heller im Haus.“ Der Rabbi aber ließ sich nicht abfertigen. „Das Geld will ich mir ein andermal bei dir holen, nimm mir nur das Holz ab.“ Die Frau widersprach weiter: „Was soll mir das Holz? Kann ich es doch nicht in kleine Scheite hauen, und ein Beil ist auch nicht da.“ Darauf der Sassower: „Dafür laß mich sorgen“, ging vor die Tür hinaus, zog ein Beil hervor und hackte das Holz klein. Und während er das Holz klein hackte, hörte Rabbi Hirsch ihn den einen Teil der Mitternachtsklage sprechen, der unter dem Namen der Urmutter Rahel stellt, und die Worte drangen zu ihm: „Erwache, vom Staube erhebe dich, Gefangne Jerusalems!“ Dann trug der Rabbi das Holz, sich tief bückend, um durch die niedere Tür Eingang zu finden, in die Stube und heizte den Ofen. Während er die Scheite hineintat, sprach er mit leiser Stimme den andern Teil der Mitternachtsklage, der unter dem Namen der Urmutter Lea steht, und beschloß ihn: „Du wirst dich Zions erbarmen, die Mauern Jerusalems wirst du aufbauen.“ Sodann verließ er die Stube und ging eilenden Schrittes nach Hause. Knut Hamsun: Spiel des Lebens Erschienen im Albert Langen-Verlag, München. Zur Erstaufführung in den Kammerspielen. „Die Frauenseele: sie sucht Christus und Napoleon, Diogenes und Hölderlin vereint in einem Wesen! Diese einzige Wahrheit des noch Lüge-losen und Konzessions-freien Herzens nennen die Hunde: Backfischträume!“ (Peter Altenberg,) Ach die Liebe: was ist sie? Der wahre Kern des Lebens, Himmel und Hölle, das verlorene Paradies — Zeitverschwendung, Irrtum, Mißverständnis — glückseliges Mißverständnis zuerst — feindseliges Mißverständnis zuletzt. „Was wollten Sie eigentlich von mir?!“ „Die Wünschelrute bog sich in meiner Hand, als ich vor Ihnen stand.“ „Wie sie sich jetzt vor dem Andern beugt.“ „Ja.“ „Und was lieben Sie an ihm?“ „Vielleicht seinen Buckel — Gott mag es wissen!“ Das ist schon der Zynismus der Verzweiflung. Teresita hat begriffen, daß die einzige Wahrheit des Lüge-losen, Konzessions-freien Herzens ein Backfischtraum ist. Da kommt es schon auf einen Buckel, sei er körperlich oder geistig, nicht an. So heikel darf man also in der „wirklichen“ Welt nicht sein. Die Wünschelrute lügt. Kein Backfischtraum wird sich erfüllen. Christus — Napoleon? Ach Armselige! Stümper! Unzulängliche! Das Blut, das unerlöste, stößt brausend gegen die Schädel wand. Stolz, Scham, Trieb, schreckliches Bedürfnis nach Wärme, nach Zärtlichkeit — alle Dämme reißen, alles stürzt ineinander, das Chaos bricht los in dem kleinen Behälter: Frauenleib. Büchse der Pandora! Die Urkraft reißt den schmalen Körper hin und her — und alles Wehren DAS HAUS KREII-UCKO THEATINERSTR. 16 TELEFON 27831—32 BIETET BESONDERE PREISVORTEILE IN: KLEIDERSTOFFEN - SAMT UND SEIDE DAMEN- UND JUNGMADCHEN-KONFEKTION TEPPICHEN-GARDINEN-DECKEN