Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 7 (17.2.1922)
- Date
- 1922-02-17
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Das Jüdische Echo 91 Unter diesen Verhältnissen ergibt sich für dile jüdische Jugend, soweit sie sich sozialpolitisch betätigt vierfache Arbeitsmöglichkeit: Zunächst in der Ostjudenfrage, die nur durch eine gesunde Arbeits- und Arbeiterpolitik der Lösung näherzubringen ist. Es handelt sich darum, die Eingewanderten zu produktiver Tätigkeit zu überführen und ihre Arbeit dem Wiederaufbau Deutschlands nutzbar zu machen. Sodann in der Fürsorge für den jüdischen Mittelstand in Deutschland, von dessen Erhaltung der Bestand der deutschen Judenheit abhängt. Hier muß man von dem Gedanken ausgehen, daß diese wirtschaftlich schwer gefährdete Schicht unter allen Umständen gestützt, daß vor allem aber die ihr enstammende Jugend „unterstützt“, das heißt berufstüchtig gemacht werden muß. Arbeitsnachweise, Kurse und ähnliche Institute sollen den Berufseintritt erleichtern, die Erwerbsmöglichkeit erhöhen, die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen fördern. Weiter beim Palästinaaufbau und seiner finanziellen Vorbereitung, die ja jetzt über die parteimäßige Behandlung hinausgekommen ist. Diese Frage hat in diesem Zusammenhang nur insoweit Bedeutung, als die jüdische Jugend sich in die marschierenden Kolonnen eingliedert, um nach ihren' Kräften das Werk zu fördern. Schließlich und entscheidend beim Wiederaufbau Deutschlands. Die Jugend zieht richtige Konsequenzen aus den heutigen Verhältnissen und wird hierbei geleitet von einer neuen Gesinnung, mit der sie an die Berufe herangeht, von dem Gedanken der Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft, vor allem gegenüber dem Staat! Nicht mehr Beruf zum Zweck des Gelderwerbs, sondern Berufung zur Pflicht sei die Losung. Jüdische Jugend sucht Anschluß an die deutsche, vor allem Zusammenarbeit mit proletarischer Jugend. An den Ausschuß deutscher Jugendverbände, das Parlament der deutschen Jugendbewegung, wird in den nächsten Tagen die Forderung auf Errichtung von Arbeiterkursen ergehen. Aufgabe der deutschen und der jüdischen Jugend ist es, hier mitzuarbeiten. Berufsumschichtung hat nur Wert in Zusammenarbeit mit der proletarischen Jugend. Es gilt dabei, sich Vertrauen zu schaffen, dies Vertrauen jedoch nicht zu mißbrauchen, wie es der Fall wäre, wenn die Berufsumschichtung unsachlich, aus mehr gefühlsmäßigen und daher keine Dauer verbürgenden Motiven sich vollzöge. Wenn sie Erfolg haben soll, muß sie sachlich, d. h. von erprobten, erfahrenen Menschen geleitet werden, soll Sachkenntnis, nicht mehr nebenamtlich, sondern hauptamtlich, aber nicht nur amtlich verwaltungsmäßig, sondern menschlich entgegenkommend und hilfreich in der Ausgestaltung jugendlichen Lebens. Von der Delegiertentagung des Verbandes Jüdischer Jugendvereine Der Gesamtvorstand des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands tagte am 29. Januar d. J. in Berlin. Auf Antrag des Verbandsvorsitzenden wurde einstimmig folgender Beschluß gefaßt: Der Gesamtvorstand hält es für notwendig, daß der Delegiertenversammlung, soweit erforderlich, eine Satzungsänderung und WahJvorschläge unterbreitet werden, durch die der Einfluß der jugendlichen Mitglieder innerhalb des Gesamtvorstandes und in der Leitung des Gesamtverbandes, der Landesverbände und der Vereine erhöht wird. Die mit der Ausarbeitung der neuen Verbandssatzung betraute Kommission wird insbesondere mit der Prüfung der Frage betraut, inwieweit den Jugendlichen und den Wanderern selbständige Zusammenkünfte und selbständige Gruppierung ermöglicht werden soll. Auch wird der Kommission die Prüfung der Frage aufgegeben, ob es nötig ist, besondere Vorkehrungen zu treffen, daß die tätige Mitarbeit und der Rat älterer bewährter Mitarbeiter gesichert bleibt. Die Delegiertentagung des Verbandes findet Pfingsten dieses Jahres voraussichtlich in Bonn statt. In den Vorstand wurden Dr. Ludwig Frank- Nürnberg und Grete Kovacs-Berlin. die derzeitige Geschäftsführerin des Verbandes, hinzugewählt. Zum stellvertretenden Vorsitzenden wurde einstimmig Kurt Neu-Berlin gewählt. Die Verbandszeitschrift wird ab 15. März d. J. zweimal monatlich und zwar am 1. und 15. eines jeden Monats erscheinen. Sie soll als repräsentatives Organ derjenigen Schichten des deutschen Judentums ausgestaltet werden, die auf dem Boden der Einheitsidee des Jugendverbandes stehen. Die Redaktion liegt in den Händen von Dr. Alfred Apfel-Berlin, Dr. Gustav Löffler-Frankfurt a. M., Grete Kovacs-Berlin, Kurt Neu-Berlin. An der Vorstandsitzung nahmen Vertreter der Großloge für Deutschland, des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, des Jüdischen Frauenbundes, des Rabbinerverbandes und des Verbandes der Jüd. Lehrervereine im Deutschen Reich teil. Feuilleton Der große Maggid und seine Nachfolge*) Wir bringen heute aus diesem neuerschienenen Buch Martin Bubers unseren Lesern einige Proben. Buber setzt darin seine verdienstvolle Aufschließung der chassidi’- schen Geisteswelt für die deutsche Leserwelt in überaus glücklicher Weise fort. Eine ausführliche Besprechung des Buches behalten wir uns vor. Ich habe vergeben. Als Rabbi Levi Jizchak einst in der hohen Glut des Versöhnungsgebets an die Worte kam: „Und Gott sprach: Ich habe vergeben“, brach er ab und rief: „Herr der Welt, wir haben nicht mehr die *) Erschienen bei Rütten & Loening, vorrätig in der „Ewer“-Buchhandlung, Wagmüllerstr. 19. Kraft zu sagen: Und Gott sprach—Herr der Welt, sag du selber, du selber sag: Ich habe vergeben!“ Einst und jetzt. Der Berditschewer sprach: Eine verkehrte Welt sehe ich vor mir. Einst war in Israel die ganze Wahrheit in den Gassen und auf den Märkten, da sprachen alle wahr. Wenn sie aber ins Bethaus kamen, brachten sie auch eine Lüge zustande. Jetzt hingegen ist es umgekehrt. Auf Straßen und Plätzen reden alle falsch, im Bethaus aber bekennen sie die Wahrheit. Denn einst war es also in Israel: Wahrheit und Treue waren die Leuchte vor ihren Schritten, und wenn sie auf den Markt und in die Welt des Handels kamen, bewährten sie mit ihrer Seele das Wort: Dein Ja sei rechtschaffen und dein Nein sei rechtschaffen, und all ihr Handel geschah in Treuen. Kamen sie aber ins Bethaus, da schlugen sie sich auf die Brust und sprachen: „Wir haben gefehlt, wir haben ver-