Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 7 (17.2.1922)
- Date
- 1922-02-17
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Das Jüdische Echo Nr. 7 tem, zu gemeinsamer Tat zu einen. Er begeistert nicht mehr nur Zionisten, er wirkt, kraft der ihm immanenten „Richtigkeit“ noch auf Männer, deren Denken er umgestalten mußte, um verstanden zu werden. Ein fast Indifferenter, dessen Lebensrichtung allem Jüdischem abgewandt war, schilderte mir nach Unterzeichnung des Keren Hajessodaufrufs, wie er um seine persönliche Entscheidung habe ringen müssen: „Ich habe Tag und Nacht darüber nachgedacht...Ich glaube, nicht nur er nahm die Sache so ernst. — Wer süddeutsche Juden, süddeutsches Judentum und insbesondere die Verhältnisse in Bayern kennt, wird mir recht geben. Zweifellos hat sich die Mehrzahl der nichtzionistischen führenden Persönlichkeiten erst nach langem Bedenken, nach schwerem innerem Kampfe zu der Überzeugung gefunden, für den Keren Hajessod einzutreten sei jüdische Pflicht. So groß und außerordentlich erschien diesen Menschen der Gegenstand, daß sie sich auch durch öffentliche Unterstützung des Keren Hajessod seitens der größten jüdischen Organisationen, durch die Fülle prominentester Namen unter dem Aufruf der Pflicht eigener sorgfältiger Prüfung nicht enthoben, persönlicher Verantwortung nicht entledigt fühlten. — Sie hatten Instinkt genug, das Besondere der Aufgabe zu spüren, der sich mit dem Gesamtjudentum die deutsche Judenheit unterzieht, und zu wissen, daß mit einer gleichgültigen Namenshergabe oder mit einer Spende von hundert, tausend oder zehntausend Mark wie bei anderen Sammlungen der Sache nicht gedient sei. — Sie hatten jüdisches Empfinden genug, um zu erkennen, daß sie nicht nur den Beutel verpflichteten, sondern auch das Herz, daß sie im Begriff sind, sich und ihre jüdischen Mitbürger vor eine unerhört gewaltige Aufgabe zu stellen. Wenn daher die Führer der bayerischen Juden sich für den Keren Hajessod an ihre Stammesgenossen wenden, so hat das den Wert eines Bekenntnisses. Im Bewußtsein der ganzen Schwere ihrer Verantwortung bekunden sie damit, daß der Aufbau Palästinas Kraft und Hingabe aller Juden beanspruchen darf. In voller Erkenntnis bestehender Gegensätze erklären Männer aller Richtungen, daß dies große Werk fern vom Streit der Parteien Aufgabe aller Juden geworden ist. Unbekümmert um Anfeindungen und gewolltes oder ungewolltes Mißverstehen bekennen sich jüdische Männer, Führer der Judenheit Bayerns, zur jüdischen Zukunft. Das wollen wir ihnen gedenken. Wir wissen, daß kaum einer von ihnen je Zionist werden wird gegenüber der alten Mademie und daß wir noch manchmal mit ihnen werden die Waffen kreuzen müssen. Wir wissen, daß die Kluft zwischen unserer nationalen Auffassung'vom Judentum und der ihrer nicht kleiner geworden ist. Aber wir wissen auch, daß sie gute Juden sind und glauben, daß es noch manche Möglichkeit friedlicher Zusammenarbeit geben wird. Wir sind nicht eitel genug, um anzunehmen, daß w i r im Stande waren, die Vorsitzenden der großen Kultusgemeinden, die Führer des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden zu veranlassen, wenn auch nur für ihre Person den Aufruf zu unterzeichnen. Die Palästinaidee ist mächtiger als wir. Beteiligung am Keren Hajessod ist keine Verbeugung vor dem Zionismus, kein Rückzug, keine Konzession. Wer für ihn zeichnet, tut es aus Gründen seines Judentums, seiner eigenen jüdischen Anschauung. Der Nürnberger Rabbiner Dr. Freudenthal hat in einem vielbemerkten Aufsatz im „Liberalen Judentum“ nachgewiesen, daß Palästina auch für den liberalen Juden heiliges Land und heilige Aufgabe ist. So möge denn der Aufruf für den Keren Hajessod hinausgehen und an die Herzen pochen. Ein Werk soll aufgerichtet werden*, das noch spätesten Geschlechtern heilbringend, groß und glückhaft erscheinen wird. Das Fundament soll gelegt werden für neues, freies, jüdisches Leben, für jüdische Arbeit auf jüdischem Boden, für jüdische Leistung zur Ehre unseres Volkes und zum Heil der Menschheit. Mit Almosen ist da nichts getan. Großes Werk erfordert große Anstrengung. Der Maasserbeitrag der Zionisten möge auch Nichtzionisten zum Maßstab ihrer Leistung werden. Zum erstenmal seit langer Zeit wird das deutsche Judentum aufgerufen nicht zur Erhaltung des Bestehenden, sondern zu schöpferischer Tat. Da mögen Kleine und Kleinliche knausern. Wir glauben, daß uns Juden der Mut zur Hingabe und die Kultur des Gebens nicht verloren ging. Nur stumpfe Menschen trotten gefühllos an den großen Gedanken ihrer Zeit vorüber. Die Besseren lassen sich von der zwingenden Kraft, der beglückenden Gewalt der Idee erfüllen. Jedes Opfer scheint ihnen gering in dem Bewußtsein, mitstrebend jüdische Zukunft sichern zu dürfen. G—. Palästina als Judenland Wir haben Herrn Lehrer Hirsch Oppenheimer-Laudenbach, dessen Verdienste um die jüdische Lehrerschaft Bayerns bekannt sind, gebeten, unseren Lesern seine Stellung zum Keren Hajessod darzulegen. Wir geben den Ausführungen des geschätzten Verfassers gern Raum und hoffen, daß sie insbesondere in den Kreisen seiner Kollegen Gehör finden werden. Die Schriftleiitung. Sie erwiesen mir die Ehre, mich aufzufordern, über Keren Hajessod vom Standpunkt des jüdischen Lehrers aus zu schreiben. Sie haben sich in der Wahl der Persönlichkeit vergriffen. Ich besitze kein Mandat einer Lehrerorganisatilon. das mich berechtigte, in ihrem Namen zu sprechen. Wenn Sie aber meine Mitarbeit als jüdischer Lehrer schlechthin wünschen sollten, so will ich darlegen, wie der jüdische Lehrinhalt Stellung nimmt zum Wiederaufbau des jüdischen Landes. Als Motto möchte ich über meine Arbeit die Worte setzen: „Ich spreche es aus: Die Welt wird durch Liebe und Güte aufgebaut.“ (Psalm 89, 3.) Noch sprachen die Kanonen; der Drei- und Vierbund hatten ihre Friedensoffensiven eröffnet