Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 5 (3.2.1922)
- Date
- 1922-02-03
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9145370--04776-9077444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 5 Das Jüdische Echo 67 Schwierigkeiten, die sich den kleinstädtischen Juden, bei ihrem Übergange zu den ungewohnten Beschäftigungen und ihrem Versetzt werden in'ganz neue Verhältnisse boten. Alle diese Hindernisse und Hemmnisse jedoch wurden von den Kolonien glücklich überwunden, so daß sie in letzter Zeit wohlgeordnete landwirtschaftliche Siedlungen bildeten, in denen Feldwirtschaft und Gartenkultur in hoher Blüte standen. Die Chersoner und Jekaterinoslawer Kolonien bildeten von jeher und bis auf den heutigen Tag wahre Musterschulen jüdischer landwirtschaftlicher Kolonisierung für sämtliche Einwanderungsländer, so daß man kaum einen* Fleck des von Juden besetzten landwirtschaftlichen Bodens auf dem Erdrund finden wird, der unter seinen Bewohnern keine Auswanderer aus den1 südrussischen Kolonien zählen sollte. Einige der überseeischen jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen, und zwar die bedeutendsten, wie beispielsweise die argentinischen Kolonien, bestehen vornehmlich aus Chersonsehen und Jekaterinoslawer Kolonisten. Viele jüdische landwirtschaftliche Arbeiter und künftige jüdische Farmer erhielten in den Kolonien ihre landwirtschaftliche Ausbildung. Die Kolonien bildeten von jeher und bilden heute noch den Anziehungspunkt für die umgebende städtische Bevölkerung — ja in den letzten Jahren in einem ganz besonders hervorragendem Maße, denn die Beschäftigung mit Landwirtschaft überhaupt und Gartenwirtschaft im besonderen ist für die Bevölkerung Sowjetrußlands die Grundlage der Existenz. Seit dem Jahre 1918 jedoch begann sich die Lage der Kolonien in raschem Tempo zu verschlimmern. Im Jahre 1918 erlitten sie grausame Pogrome, die unzählige Menschenleben dahinrafften, viel lebendes und totes Inventar und viele Saaten vernichteten. Einige Kolonien im Gouvernement Jekaterinoslaw wurden total ausgeplündert und ihre Bevölkerung wurde getötet. In diesem Jahre wurden die Kolonien von einer vollständigen Mißernte heimgesucht. Durch den Mangel an Vorräten wurde diie Mißernte zu einer wahren Katastrophe. Die eingetretene Lebensmitteinot, das Fehlen von Sämereien und Futter zwingen die Bevölkerung der Kolonien zur Auswanderung. Die Kolonisten verlassen in dichten Scharen die heimatlichen Dörfer. Sollten in allernächster Zukunft keine energischen Maßnahmen zur Steuerung der Not ergriffen werden, so droht unseren ältesten und bewährtesten Siedlungen ein restloser Untergang. Derartige Zustände bürden allen jüdischen Organisationen und gesellschaftlichen Kreisen gebieterisch die Pflicht auf, außerordentliche Hilfs- und Abwehrmaßregeln rasch zu treffen. Diese Maßregeln müssen den üblichen Rahmen von Lebensmittelspenden überschreiten. Sie müssen dazu bestimmt sein, die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Kolonisten zu befriedigen und solche Bedingungen ins Leben zu rufen, die die Kolonisten vom Verlassen ihrer Siedlungen abhalten sollen. Feuilleton Jakob Wassermann und der Zionismus Aus: Mein Weg als Deutscher u. Jud e.*) Im Verlag S. Fischer, Berlin, erschien bekanntlich vor kurzem ein Bekenntnisbuch Jakob Wassermanns, das den großen jüdischen Dichter in einem schmerzlichen Konflikt zwischen Judentum und Deutschtum zeigt, den zu lösen er sich als unfähig bekennt. — Die kleine Schrift handelt in Wahrheit nicht nur von der Not eines Einzelnen, sondern von der des deutschen Juden. Wir bringen Wassermanns Ausführungen über sein Verhältnis zum Zionismus teilweise zum Abdruck. Sie zeigen, daß er wohl weiß, wo er Erlösung finden könnte, daß ihm aber — wie vielen anderen — die Kraft der Entscheidung mangelt. (Die Schriftl.) Um die Zeit, als ich nach Wien kam, war gerade der Zionismus im Entstehen. Der dauernde Zuzug aus dem Osten und Norden des Reiches schuf eine völlig andere Stimmung unter den Juden und völlig andere Zusammensetzungen, als sie mir bis dahin bekannt waren. Die Kunde von den Schändlichkeiten, die di;e zaristische Regierung beging, die unzweifelbaren Zeugnisse über Bedrückungen, Mord, Folter und Vergewaltigung, Beugung des Rechts, Verhöhnung des Gerichts, zudem die jammervolle Lage der Juden sogar in den österreichisch-slawischen Provinzen hatten nach und nach eine außerordentliche Gärung hervorgerufen, und einige Männer von Mut und Willen widmeten sich dem Plan der Errichtung eines palästinensischen Reiches. Die Wirkung war gewaltig. Daß der Siiedlungsgedanke nicht als solcher propagiert wurde, daß er sich als staatliche Gründung ins Politische gesteigert und weiterhin als religiöse Idee in messianischer Fassung darbot, verschaffte ihm zahllose Anhänger, ich hörte damals von Juden, die irgendwo in Podolien oder in der Bukowina ihr geplagtes Dasein schleppten und in Tränen ausbrachen, als die neue Heilsbotschaft zu ihnen gelangte. Ich hörte von solchen, die sich auf die Wanderung begaben, *) Zu haben in der „Ewer“-Biichhandlung, München, Wagmüller Straße 19. 8 0 ♦ 8 o L. Kielleuthner kgl. bayer. Hoflieferant 43 Maximilianstrasse 43 8 8 o * 8 8 o + 8 8 8 Bekanntes Haus für erstklassige Herrenbekleidung nach Mass 8 o