Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1922-02-03 · 5 (3.2.1922) · p. Seite 68

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
5 (3.2.1922)
Date
1922-02-03
Page
Seite 68 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103027-9145370--04777-9077445
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

68 Das Jüdische Echo Nr. 5 tage-, wochenlang, um nur den Mann mit Augen zu sehen und, wie sie sich ausdrückten, den Saum seines Gewandes zu küssen, den Propheten, den Ersehnten, der ihnen die Möglichkeit dieses Glücks geschenkt hatte. Sie hatten ja unter einem gefrorenen Himmel gelebt, seit Jahrhunderten, und ihre Welt war ein Kerker gewesen. Mein persönliches Verhalten zu dieser Bewegung war unsicher, bisweilen schmerzlich unsicher. Erstens mußte ich von Anfang an den Sinn ganz anders richten, da ich mich'ja in ganz andere Zusammenhänge eingelebt hatte. Manche der Adepten sagten, ich müsse erwachen, und ich würde auch eines Tages erwachen, zur Wahrheit und zur Tat erwachen. Sie wußten von mir nichts. Zweitens hatte es sich gefügt, daß ich mit dem Schöpfer der Idee gesellschaftlich in Berührung gekommen war, und daß ich weder Zuneigung für ihn fassen konnte, für ihn als Schriftsteller nicht und als Menschen nicht, noch an seine Ungewöhnlichkeit und Größe zu glauben vermochte, wie er es voraussetzte und heischte. Ich kann nicht umhin, dessen Erwähnung zu tun, weil es mich im stillen oft beschäftigt hat und mir zum Selbstvorwurf geworden ist. Das Bedeutende, eines Menschen wesentlich und nachhaltig verkennen, wäre nicht allein Blindheit, sondern auch Verblendung. Ich war verstockt; ohne Zweifel auch nicht willig; der Anblick und die Nähe kleiner Schwächen und Eitelkeiten verdroß mich, und Gefolgschaft leisten, war mir nicht gegeben, nicht bestimmt. Weil ich den Menschen zu übersehen glaubte, übersah ich sein Werk, schuldvolles Wortspiel, an das sich viel Wahn und Irrtum knüpft. Daß ich von Juden immer wieder für diese lebenswichtige jüdische Sache gefordert wurde, ist begreiflich. Es setzte mich stets in Verlegenheit. Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen, die dafür aufgewendet wurde, Opfer und Hingabe, auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand nicht da, wo sie standen. Ich fühlte nicht die Solidariät, auf die sie mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war. Die religiöse Bindung fehlte, aber auch die nationale Bindung fehlte, und so, in meinem noch nicht zur Klarheit gediehenen Widerstreben, vermochte ich im Zionismus vorläufig nichts anderes zu sehen als ein wirtschaftlich-philanthropisches Unternehmen. Es widerstrebte mir das, was sie die jüdische Nation nannten, rundweg gesagt, denn mir war, als könne eine Nation nicht von Menschen gewollt und gemacht werden; was in der jüdsichen Diaspora als Idee davon lebte, schien mir besser, höher, fruchtbarer als jegliche Realität; was war gewonnen, so schien es mir, wenn im Jahrhundert des Nationalitätenwahnsinns die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten, aufeinander eifersüchtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die jüdische zwei Dutzend und eine geworden wären? Historischpsychologisch betrachtet war ich vielleicht im Recht; die aus der Not geborene Erscheinung gab mir in jedem Augenblick Unrecht. Und die Not baut den Weg. Der Konflikt blieb bestehen. Es handelte sich um die Menschentum ihr Antlitz, um ihr Wesen, um ihre Gebärde, ihr Wort ob sie in mir waren schließlich, ob ich in ihnen war. Ich konnte den oder jenen würdigen, schätzen, lieben, weil er so war, wie er war, eben dadurch würdigens-, schätzens-, liebenswert. Ich konnte aber nicht eine Gruppe, eine Gesamtheit würdigen, schätzen und lieben, nur weil man mich in den Verband einschloß. Vielleicht können es andere; mich hatte Gott nicht so geschaffen. Wirft man mir entgegen: um der Idee willen mußt du die Gruppe, die Gesamtheit, das Volk Heben, so erwidere ich: zu einer Idee, einer unbeirrbaren, mich völlig durchringenden und all meinem Tun gebietenden war ich bereits geboren; sie durch eine andere zu ersetzen oder ihr eine andere koordinieren, war nicht möglich, ist menschlich, geistig, organisch nicht möglich, oder es geht nicht mehr um Wahrheit und Ernst, sondern um Versuch, Gelegenheit und Lückenfüllen. Was man ist und tut, hat man ganz zu sein und zu tun; sonst könnte jeder die Geschäfte eines jeden betreiben. Personalia Marburg. Der Privatdozent an der hiesigen Universität Herr Dr. Adolf Fränkel wurde zum außerordentlichen Professor ernannt. Gemeindenu.Vereins-Echo Bar Kochba München. Zu unserem Maskenfest am 18. Februar 1922 im Hotel „Rheinischer Hof“ werden unsere Mitglieder noch schriftlich eingeladen. Nur bei Vorlage der Einladung ist der Eintritt gestattet. An Kostümen werden nur orientalische zugelassen. Ein Gönner unseres Vereins stiftete für das schönste Kostüm einen wertvollen Preis. Es werden auch Vorträge aller Art geboten, sodaß unseren Mitgliedern ein genußreicher Abend bevorsteht. Neuanmeldungen werden jederzeit an unseren Übungsabenden entgegengenommen, sonst schriftlich bei Masur, Kobellstr. 15, Tel. 53878. Bar Kochba. Sportabteilung. Nachdem der Sportbetrieb leider schon seit einigen Monaten ausgesetzt hat, wollen wir ihn mit aller Energie in vollem Umfange wieder aufnehmen. Die großen sportlichen Ereignisse, wie der Erstlihgsneunkampf und der große Staffellauf Grünwald- München, die wir nunmehr in der A-Klasse aus- KRELLUCKO DAS HAU S imKhfc V V THEATINERSTR. 16 TELEFON 27831—32 BIETET BESONDERE PREISVORTEILE IN: KLEIDERSTOFFEN - SAMT UND SEIDE DAMEN- UND JUNGMÄDCHEN-KONFEKTION TEPPICHEN —GARDINEN — DECKEN

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.