Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 3 (20.1.1922)
- Date
- 1922-01-20
- Page
- Seite 32 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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32 Das Jüdische Echo Nr. 3 Kronenberger; Cassel: Rechtsanwalt Dr. Goldschmidt; Bannen: Sanitätsrat Dr. Ollendorf, 1. Vorsitzender des Vorstandes deir Synagogengemeinde; Heidelberg: Georg Hermann-Borchardt; Berlin: Eugen Caspary, Gewerberat Emil Plotke; Mannheim: Max Goldschmidt, Vorsitzender des Synagogenrates und Mitglied des Oberrates der Israeliten in Baden, Landgerichtspräsident Dr. Stein; Leipzig: Rabbiner Dr. Felix Goldmann. Wir werden die Liste fortsetzen. Tartuffe Kennen Sie Tartuffe? Moliere hat ihm den Namen gegeben; aber er gehört nicht nur dem Reich des Sonnenkönigs oder der christlichen Kirche an. Er ist alt wie das Menschengeschlecht und schleicht, der unvermeidliche Schatten des Erhabenen, durch die Jahrtausende. Er ist in allen Ländern und bei allen Völkern, in allen Richtungen und Parteien, bei allen geistigen und religiösen Bewegungen — Tartuffe ha# tausend Gestalten und tausend Verwandlungen; aber er ist immer derselbe. Er ist falscher Prophet und verschmitzter Augur, simonischer Papst und scheinheiliger Mönch, betrügerischer Mahdi und unechter Messias. Er ist Bußprediger und Volkstribun, Journalist und Staatsmann, Pfarrer und Rabbiner. Er erniedrigt jedes Ideal und jeden Stand. Br ist allgegenwärtig und sehr eifrig; in England als Jingo, als Chauvinist in Frankreich, deutsch-völkisch nennt er sich in Deutschland., christlicher Magyar in Ungarn. Als Jude verdreht er am Taufbecken fromm seine Augen oder singt Skaldenlieder auf der Harfe des Herrn Dr. Naumann. Sein Hauptquartier aber ist Frankfurt a. M., die heilige Stadt der Agudas Jisroel. Wo könnte sich unser jüdischer Tartuffe auch woliler fühlen? —''Freilich, Warschau hat seinen eigenen Reiz. Dort arbeiteten einst zu Ruhm und Ehr der Agudas Haorthodoxim die Herren Pinchas Cohn und Carlebach. Sie halfen die Juden beiden Polen kompromittieren und wunderten sich dann, ach so sehr, über die Pogrome, die später stattfanden. — Soweit ist es bisher in Litauen freilich nicht gekommen, obwohl Tartuffe sein Bestes dazu tat. Er kann stolz auf Kowno sein! In der Schulkommission des dortigen Landtags klagte der bekannte Agudasführer N. P. Getz Hebraisten und Jidischisten des Vaterland Verrates an, beschuldigte /Ve uhcnjs ers/r. 15, gegenüber der alten Akademie lTferrenfcbnelderei ■ (SrsfAl Stoffe' er Minister Soloweitschik, der sein Portefeuille mit einem Sitz in der zionistischen Exekutive vertauschen will, der Interesselosigkeit am Staat! Das war nicht klug; denu die Folgen solcher Denunziation könnten den Denunzianten selber treffen. — Jedoch Tartuffe war in Jerusalem nicht klüger. Er fand es vorteilhaft, die antisemitische Administration gegen die jüdische Bevölkerung zu unterstützen, die wankende Stellung des Protektors der Pogrome, General Storrs, gegen den aufgebrachten Jischuw zu stärken. Welch eine Dummheit! — Aber Dummheiten, die anderen schaden, sind nicht unerfreulich, dachte er, und handelte nach diesem Rezept in London. In London sind die Männer, auf deren guten Willen die entstehende Judensiedlung angewiesen ist, in London weilt die arabische Delegation, die der jüdischen Heimstätte entgegenarbeiten sollte. Welch entzückende Aussichten auf Ränke und Quertreibereien, auf Vereitelung jüdischer Hoffnungen und Parteiprofit! Tartuffe fand bald Beziehungen zu den Arabern, deren judenfeindliche Bewegung seine Presse seit Monaten ermutigt; Tartuffe drängte sich ins Colonial Office, um womöglich die Bestätigung des Palästinamandats zu hintertreiben oder doch Mitträger der jewisfln agency zu werden. Ja, Warschau, Kowno, Jerusalem und London sind glorreiche Erinnerungen des jüdischen Tartuffe. Und doch denkt er nur ungern dieser Städte. Wie wenig dankten Juden, Deutsche, Polen den Pinchas Cohn und Carlebach ihre Arbeit! Wie leichtfertig und spöttisch gingen in Kowno Juden und Niehtjuden über die Beschuldigungen des wackeren Herrn Getz hinweg! Und gar Jerusalem! General Storrs, der Liebling der Agudaihi wird wohl bald im finstersten Sudan die Liebesbriefe seiner jüdischen Freunde, die Danksagungen der Pogromisten beantworten können! Und Tartuffe findet nicht einmal Trost in diesem entsetzlichen Unglück in Londoner Triumphen. Die englische Regierung will von ihm nichts, aber auch gar nichts wissen und die arabische Delegation verhandelt mit den Zionisten! Mißerfolg über Mißerfolg! Nur über Frankfurt leuchtet die Sonne des Glücks; dort herrscht Tartuffe. Vielleicht benennt er bald das Maingestade wie dereinst unsere Vorfahren die Gefilde zwischen Euphrat und Tigris mit stolzem Namen: erez jisroel. Denn in Frankfurt tagt das große Synhedrion der Tartufferie, in Frankfurt haust die Redaktion des „Israelit“. Dort wird das Heilige zum politischen Instrument, Thoratreue, wahrhaft Frommen innerlich innigster Drang zum Propagandamittel erniedrigt. Dort zerstört man — namens der Religion! — immer wieder die Ansätze zu Gesundung und Einigung im Judentum. Dort versündigt man sich — in Gottesnamen! — täglich an der Gemeinschaft der Juden, am Gedanken des Kelal Jisroel! Es ist Zeit, mit Tartuffe abzurechnen, ehe er Wohlmeinende in Gefolgschaft lockt. Er macht es uns nicht allzu schwer. Der Aufsatz „Weizmann auf Reisen“ im „Israelit“, der sich mit der Anwesenheit des Zionistenführers in Berlin befaßt, zeigt allen, die sehen wollen, Tartuffe in seiner wahren Gestalt! Muß man Juden wiederum sagen, wer Weizmann ist? Weizmann hat die Baiiourdeklaration, hat San Remo ermöglicht. Seiner hingebenden Arbeit sind unsere politischen Aussichten in Palästina zu danken. Auch nach Berlin kam Weizmann im wesentlichen für den Palästinaaufbau, den die Pfennige des Keren Hajisehuw der Ajgudah