Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 2 (13.1.1922)
- Date
- 1922-01-13
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9148115--04728-9077396- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
22 Das Jüdische Echo Nr. 2 Ich stellte ihm drei Fragen, zunächst wünschte ich seine Ansicht über den Wert und die Aussichten des Zionismus zu hören. Buonainti antwortete : „Iah hege ernste Zweifel an der Ausführungsmöglichkeit des integralen zionistischen Programms. Nach meiner Ansicht steht der Zionismus vor zu großen Schwierigkeiten, sowohl was die Beziehungen des erhofften Judenstaates zur lokalen Bevölkerung betrifft, als auch was den inneren Aufbau des Judenstaates anlangt. Wird der Judenstaat nach dem Typus des modernen Staates, der von der Revolution aufgebaut ist, geformt, so wird er in Widerspruch zu den Grundsätzen der jüdischen Tradition geraten. Wenn er aber dieser Tradition treu bleibt, wird er da nicht gebrechlich sein wie ein Tongefäß mitten unter Gefäßen von Eisen und Bronze? Was den Wert des Zionismus betrifft, so halte ich das Ideal einer Zufluchtsstätte in Palästina für die von dem blinden und unmenschlichen Haß des Antisemitismus verfolgten Juden für unantastbar; andererseits aber glaube ich. daß die Juden eine höhere Mission zu erfüllen hätten, indem sie, in der Welt zerstreut, einen Keim der fortwährenden Erneuerung des sozialen Fortschritts bilden, der sie ja stets durch ihre Unzufriedenheit und ihre Unruhe waren.“ Auf meine Frage, welche Eindrücke Professor Buoainti vom Karlsbader Kongreß hatte, antwortete er mir: „Die Verhandlungen des Kongresses machten auf mich den Eindruck, daß der Zionismus, vorwiegend dank dem Unaufhörlichen Enthusiasmus der Ostjuden, auch nach dein Kriege in den Stand gesetzt wurde, seine Propaganda und Organisationstätigkeit mit noch verstärkter Intensität wieder aufzunehmen. Besonders die Einstimmigkeit der Delegierten im Beschluß über den Maasser (Keren Hajessod) hat auf mich starken Eindruck gemacht. Es läßt sich allerdings schwer sagen, wie dieser Enthusiasmus sich in Taten wird umsetzcn lassen und zu welchen ernsten und nicht vorauszusehenden Folgen er eventuell führen kann. Aber der Enthusiasmus der Massen ist stets eine Kraft, gegen die ein Widerstand schwer möglich ist.“ Meine dritte Frage, auf die nur dieser katholische Priester eine Antwort geben konnte, betraf das Verhältnis der katholischen Kirche zum Zionismus. Die Antwort war folgende: Ich glaube, daß die Gegnerschaft der katholischen Kirche der zionistischen Bewegung gegenüber hauptsächlich von drei Motiven bestimmt ist: Erstens stellt der Katholizismus für die meisten Völker, bei welchen er die Religion der Mehrheit bildet, eine starke Macht des sozialen Konservatismus dar. Der Katholizismus teilt also die Ängste und die Besorgnisse, die die bestehende soziale Gesellschaft angesichts des Programms der Wiederaufrichtung der jüdischen Rasse empfindet, da diese vielen als von dem unbesiegbaren und zähen revolutionären Geiste beseelt erscheint. Zweitens bewahrt der Katholizismus in seiner Tradition eine buchstäbliche und unabänderliche Interpretation des Fluches, den Christus gegen Jerusalem ausgesprochen: „Es wird in dir kein Stein am Steine bleiben“. Jeder Versuch, Jerusalem einen realen und politischen Wert wiederzugeben, der wie eine Desavouierung der Christus-Drohung erscheinen kann, wird vom offiziellen Katholizismus als eine Beleidigung betrachtet. Drittens wurden die katholischen Kreise durch die Tatsache alarmiert, daß die zionistische Bewegung sich unter den Schutz desjenigen England gestellt hat, das gleichzeitig mit allen Mitteln die protestantische Propaganda im nahen Orient fördert und das heute aus tausend Anzeichen als die unter allen europäischen Völkern am meisten antikatholische Nation erscheint. Es wäre deshalb, um das Mißtrauen und die schlecht verhüllte Gegnerschaft der katholischen Kreise dem Zionismus, wie überhaupt jeder jüdischen Forderung gegenüber zu mildern, folgendes nötig: 1. Vollkommene Garantien zu geben, daß der heilige Kern von Jerusalem außerhalb des Versuches der Modernisierung und des Wiederaufbaues bleibe. 2. Die Bewegung so weit als möglich der britischen Bevormundung zu entziehen und den Zusammenhang zwischen dem Zionismus und der englischen Politik im Orient abzuschwächen. Speziell wäre es nötig, daß die christliche Bevölkerung Posten in der Verwaltung besetzt und an der Regierung von Palästina teilnehme. Nur unter diesen Bedingungen werden die Katholiken aufhören, in der zionistischen Bewegung einen Versuch der Unterdrückung durch die Juden zu sehen. (Wiener Morgenztg.) Gegen den palästinensischsyrisch-arabischen Kongreß Äußerungen des palästinensisch-arabischen Notablen Arif Tukan. Jaffa, ln den ägyptischen Blättern hat der Emir Shekib Arslau vor einiger Zeit mit einer Agitation zur Einberufung eines pälästinensischsyrisch-arabischen Kongresses begonnen. Der Kongreß soll nach dem Appell des Emirs die Propaganda für die „Befreiung Palästinas“ in die Wege leiten. Der Emir verspricht sich von diesem Kongreß eine starke Wirkung auf die arabische Bevölkerung im Innern und auf die öffentliche Meinung in Westeuropa. Dieser Auffassung sowohl wie auch der Idee des Kongresses überhaupt tritt der Notable Arif Tukan aus Sichern im hiesigen arabischen Blatte „Al-Achbar“ durch einen offenen Brief an den Emir Shekib Arslau entgegen. „Vor allem“ — führt Arif Tukan aus — „ist der Emir im Unrecht, wenn er glaubt, daß ein Kongreß tatsächlich die syrische und palästinensische Bevölkerung repräsentiere. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall, besonders was den palästinensischen Kongreß betrifft, in dem nur eine bestimmte Gruppe der Bevölkerung vertreten erscheint. Die Kongreßdelegierten von Sichern wurden in einer Versammlung gewählt, an welcher bloß 25 Personen teilnahmen, und die in Anwesenheit der Intellektuellen, der Scheichs und der Notabein abgehalten wurde. Im übrigen ist es auch nicht wahr, daß die Verwaltung des Landes schlecht seit, sie ist jedenfalls viel besser als sie zu jener Zeit war, da Palästinenser die Verwaltung in ihren Händen hatten. All die Leute, die die Forderung der völligen „Befreiung Palästinas und Syriens“ aufstellen, sind entweder kurzsichtig oder sie haben kein Verständnis für die gegenwärtigen Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen, der Bewohnerschaft. Diese Forderung nach einer völligen Befreiung arbeitet vielmehr in die Hände der europäischen Mächte, als sie den Palästinsern helfen könnte, denn sie wird unausweichlich die Versklavung dieses Landes herbeiführen, als eine natürliche Folge unserer Unfähigkeit, uns vollständig selbst zu verwalten.“