Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 52 (30.12.1921)
- Article
- Original - Ungeschnitten
- Date
- 1921-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 58)
- Language
- German
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584 Das Jüdische Echo Nr. 46 stützen konnte, geendet habe. Er legte schließlich den Verlauf der Keren Hajessod-Verhandlungen des Kongresses dar, ging auf das auf dem Kongreß bewilligte Budget ein und beschäftigte sich mit dem Stand der Keren Hajessod-Aktion in der Welt. Nach Amerika würden jetzt unsere besten Männer geschickt, um dort die Arbeit zu beginnen, in Deutschland habe man die Keren Hajessod- Aktiion unter den Zionisten mit relativ gutem Erfolg durchgeführt. Von nichtzionistiischen Organisationen habe man den Rabhinerverband, den neutralen Jugendlverband und die Großloge gewonnen. Der Zentralverein habe eine Resolution gegen die Beteiligung am Keren Hajessod gefaßt; man müsse auf eine Revision dieses Bescfilusses hoffen. Mit hervorragenden Männern des jüdischen Deutschlands stände man in langwierigen aber aussichtsreichen Verhandlungen über ihre Beteiligung an der Aktion. Leider hätten noch nicht alle Zionisten ihre Pflicht erfüllt. Dies und die zunehmende Geldentwertung in Deutschland, die eine Erhöhung bisher geleisteter Zeichnungen erforderlich mache, bedinge die Einsetzung einer Revisionskommission zur Nachprüfung schon getätigter Zeichnungen. Redner behandelt jetzt die Aussichten unserer Kolonisation und zeigt, warum diese, insbesondere die Landwirtschaft, unter den heutigen Verhältnissen Zuschußwirtschaft sein müsse. Er behandelt die Frage der Privatinitiative, beschäftigt sich mit den Möglichkeiten von Handel und Industrie, stellt aber fest, daß Landwirtschaft die Grundlage jeder Arbeit sein müsse. Die Politik der zionistischen Leitung könne uns unsere Aufgabe erleichtern und Schwierigkeiten, die sich der Kolonisation in den Weg stellen, aus dem Wege räumen. Wir brauchten auch unter den heutigen Verhältnissen eine politische Führung, die Beziehungen zu den Großmächten, ja zu allen Ländern der Welt und vor allen Dingen zu den Arabern aufrecht erhalten müsse. Nochmals auf die Struktur des Keren Hajessod eingehend, schildert Redner an Hand des Budgets, in welcher Weise die Gelder verwendet werden sollen. Freilich müsse dafür gesorgt werden, daß sich unsere Mittel nicht nur in den laufenden Ausgaben erschöpfen, sondern daß wirklich Geld für den Aufbau aufgebracht werde. Von den eingehenden Beträgen solle der Nationalfonds 20% erhalten, 50% sind für laufende Ausgaben, 30% für rentable Anlagen bestimmt. Die beabsichtigte Zinszahlung aus diesen 30% sei vorläufig nicht möglich und käme erst nach Verlauf von 5 Jahren in Betracht. Augenblicklich käme alles darauf an, mit größter Energie für den Keren Hajessod zu arbeiten. Unsere Leistungspflicht erschöpfe sich nicht in der Hingabe von Mitteln, wir müßten auch Zeit und Kraft einsetzen. Der Gruppenverband müsse im nächsten Jahre seine Tätigkeit noch intensivieren. insbesondere seien die kleinen Gemeinden mehr zu berücksichtigen. Redner schließt mit den Worten des Kongreßmanifestes an das jüdische Volk. (Lebhafter Beifall.) Dr. Straus-München spricht über Gemeindepolitik. Er zitiert das Wort Theodor Herzls über die Eroberung der Gemeindestuben und geht auf die Anschauungen Achad Haams über die Beteiligung an den Aufgaben der Diaspora ein. Die jüdische Gemeinde sei eine Zelle des jüdischen Gesamtorganiismus, als dessen Teil sie steh fühlen müsse; nichts Jüdisches dürfe ihr fremd bleiben. Die Aufgaben der Gemeinden seien nicht rein religiös begrenzt, sie erstreckten sich auf soziales und nationales Gebiet. Deshalb sei eine wesentliche Forderung die Einfügung der Ostjuden als gleichberechtigte Angehörige in die Kultusgemeinden. Freilich ginge der Widerstand dagegen nicht nur von den Gemein den aus, sondern ergäbe sich auch aus dem kürzlich veröffentlichten religionsgesellschaftliichen Steuergesetz. — Unsere Gemeindepolitik sei eindeutig bestimmt, wir verträten die Gleichheit aller Gemeindeangehörigen, verneinten daher jeden Unterschied zwischen In- und Ausländern innerhalb der Gemeinde und forderten überall demokratisches Wahlrecht und demokratische Zusammensetzung der Verwaltungen. Wir verlangen die Teilnahme der Gemeinde an den großen Aufgaben des Gesamtjudentums, am Aufbau Palästinas, an einer wirklich jüdischen Erziehung der Jugend, an produktiver Ostjudenfürsorge. Mancherlei sei in letzter Zeit, besonders in München erreicht worden. Für einige prinzipielle Forderungen seien vorläufig die Aussichten gering. Deshalb müsse erklärt werden, daß wir zwar noch bereit seien, unsere beste Kraft an die Gemeindearbeit zu setzen, daß es aber auf die Dauer nicht möglich sein könne, in der Weise wie bisher mitzuarbeiten, wenn es sich heraussteilen würde, daß insbesondere in der Ostjudenfrage — aber auch in der Palästinafrage — unsere Forderungen unerfüllt bleiben würden. Redner schließt unter starkem Beifall, indem er darauf hinweist, was der Zionismus für die Stärkung jüdischer Gesinnung in den Gemeinden, was er an positiver Arbeit auf allen Gebieten geleistet habe. 8 0 8 0 0 0 0 0 l L. Kielleuthner kgl. bayer. Hoflieferant 43 Maximilianstrasse 43 Bekanntes Haus für erstklassige Herrenbekleidung nach Mass ►<=HC=>*CD»CDK3*CD«< Ö! Nt 46 Das Jüdische Echo 585 Am Schluß der Vormittagsitzung gab der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland eine Erklärung zu Ludendorffs neuem Buch „Kriegführung und Politik“ ab, in dem der Vorwurf erhoben wurde, der Zionismus habe die Stellung des deutschen Volkes im Krieg untergraben und sich schon im Frieden mit England zwecks Erwerbung Palästinas verbunden. Rechtsanwalt Rosenblüth bezeichnete diese Behauptung als Verleumdung; es werde General Ludendorff schwer fallen, auch nur den Schatten eines Beweises dafür zu erbringen. Die zionistische Politik sei vor und im Kriege stets vom Standpunkt absoluter Neutralität und in voller Loyalität und Öffentlichkeit geführt worden; die Kabinette beider Parteien hätten von unseren Verhandlungen gewußt. Das einzige Ziel der zionistischen Politik sei gewesen, Palästina zur Heimstätte des jüdischen Volkes zu machen, gleichgültig wer als Sieger aus dem Weltkrieg hervorgehen würde. Tatsächlich sei dieses Kriegsziel als einziges bisher unbestritten geblieben. — Es müsse auf die Erklärungen des deutschen Unterstaatssekretärs von der Bussche-Haddenhausen während' des Krieges und auf das Bestehen des Pro Palästina- Komitees hiingewiesen werden, dem Politiker von Westarp bis Ledebour angehörten und das noch nach dem Kriege eine Entschließung zu Gunsten des jüdischen Palästina veröffentlicht habe. Schluß der Vormittagsitzung 1 Uhr. Die Nachmittagsitzung. Als erster Redner zur Generaldebatte sprach Rabbiner Dr. Schlesinger-Buchau. Er wendet steh gegen falschen Radikalismus. Wer ein guter Zionist sein wolle, müsse erst ein guter Mensch und ein guter Jude sein. Heut bekämpfe man Binjan Haarez — mit dem er sich übrigens nicht identifiziere — weil er für den Beitritt zur Organisation nichts fordere als Anerkennung des Basler Programms. Zugleich gingen leitende Zionisten Mischehen ein oder zeigten nicht genug Interesse für die hebräische Bewegung, um selbst hebräisch zu lernen. Er, Redner, sei wie die Referenten für energische Durchführung des Keren Hajessod; man dürfe aber nicht in falscher Großzügigkeit auf kleinere Spenden verzichten. Für die verstreut wohnenden Zionisten müsse gesargt werden. Ob, wie es ein Antrag des Vorstandes verlange, ihre Zuzählung zur nächsten Ortsgruppe zu empfehlen sei, müsse dahingestellt bleiben; man solle es ihnen überlassen, ob sie sich nicht lieber dem Gruppenverband selbst unterstellen und an diesen zahlen wollen. Zu ihrer zionistischen Ausbildung seinen alljährlich 3—Stägige Kurse zu empfehlen, die an den Hauptorten des Gruppenverbandes stattfinden sollten. Man solle sich mehr um Württemberg kümmern, wo die Arbeit freilich sehr schwer sei. (Beifall.) Lichtenauer-Miinchen : Die jüdische Erziehung in den Ortsgruppen sei mangelhaft. Mm solle die Einrichtung hebräischer Kurse von den Gemeinden verlangen. Die Absicht des Sekretariats, ein Palästinahandbuch hierauszugeben, sei ein Eingriff in Aufgaben der J.V.f.D. Man müsse eine stärkere Berücksichtigung Münchens sowohl von Berlin als auch von Nürnberg fordern. Der Sekretär müsse viel öfter in München sein. Auch sollten mehr als bisher führende Persönlichkeiten des Weltzionismus den Gruppenverband besuchen. Etienne Basdi-München verliest namens der zionistischen Jugend die bereits veröffentlichte Erklärung: Paul Grünbaum-München: Die Arbeit in München sei unbefriedigend. Schuld daran seien die Mitglieder der Münchener Ortsgruppe, nicht der Sekretär, ohne den überhaupt nichts geleistet worden wäre. Redner schildert die von ihm gegründete Chaluzimfürsorge in München. Es sei ihm gelungen, Geld dafür aus allen Kreisen, auch von der Gemeinde zu erhalten. Es handle sich hier um eine Arbeit, die unmittelbar zionisierend wirke. Herr Grünbaum weist auf die trostlose Lage der in Ingolstadt internierten Ostjuden hin, um deren Befreiung sich außer ihm niemand kümmere, verlangt für jüdische Landarbeiter in der Umgebung Münchens geistige und materielle Hilfe und schildert die s. E. ungenügende Arbeit des Berliner Palästinaamts. Er verpflichte sich, persönlich der Münchener Ortsgruppe unter den Ostjuden zahlreiche Mitglieder zu werben, wenn nur eine befriedigende zionistische Tätigkeit garantiert werden könne. Dr. Gutmann-Miinchen : Ortsgruppenarbeit sei nicht nur auf Ortsgruppenversammlungen, sondern am besten in kleinen Zirkeln von 5—6 Leuten zu leisten, zu dienen man auch Nichtzionisten zuziehen könne. Redner schildert seine Erfahrungen auf diesem Gebiet. Natzler-Regensbuirg schildert die unerquicklichen Zustände in seiner Gruppe. Glaser-Nürnberg: Die Arbeit im Gruppenverband sei trotz der Klagen des Herrn Natzler im letzten Jahr wesentlich fortgeschritten. Wo sie schlecht stände, hätten die ortsansässigen Zionisten schuld, die sich weder am Keren Hajessod beispielgebend beteiligten, noch zu anderer Arbeit bereit seien. Redner wendet sich gegen die Hoffnung auf zionistische „Kanonen“. Wo es keine Zionisten gäbe, die von Tag zu Tag. von Stunde zu Stunde arbeiten, könnten auch sie nicht helfen. Er dankt den Zionisten, die, wie Herr Lion und andere jederzeit zur Verfügung standen. Dr. Weiß-München geht auf die Chaluzimfürsorge und die Arbeit des Blau-Weiß und anderer Jugendorganisationen ein. Justizrat Dr. Fränkel-Misrachi weist auf die Leistungen der Münchener Ortsgruppe vor allem beim Wahlkampf hin. Man solle nicht zu bescheiden sein. Er vertraue auf die Kraft unserer Sache. Zionismus seii eine beneidenswerte Weltanschauung. Der Antisemitismus könne den Zionisten nichts anhaben. R. -A. Felix Rosenblüth-Berlin: Der Gruppenverbandstag sei über Erwarten gut verlaufen. — Jetzt gelte es in der Diaspora und Palästina weiterzuarbeiten. Möglichkeiten seien vorhanden. Die Amerikaner hätten die Aussichten in Amerika sehr günstig beurteilt. Gelänge dort die Aktion, so gäbe es kein finanzielles Problem mehr. Der schwerste Schlag, der den deutschen Zionismus getroffen habe, sei, daß man noch immer keinen genügenden Kontakt mit Palästina habe. Daran trügen die außerordentlich ungünstigen Valutaverhältnisse teilweise die Schuld. Heute sei Arbeitsfähigkeit und Ausbildung das wesentlichste Kapital, das deutsche Zionisten nach Palästina hin üb erbringen könnten. Der Wert in Deutschland gut ausgebildeter Jugend für Palästina sei, wie Dr. Ruppin erklärt, sehr beträchtlich. Vielleicht werde es in einigen Jahren auch für Familien möglich sein, nach Palästina zu gehen und dort zu existieren'. —