Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 39 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- Seite 489 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 489 Mischen Mittel zur Erleichterung der jüdischen Emigration, die Immigrationsmöglichikeiten in den verschiedenen Ländern, die Anpassung der jüdischen Emigranten an die ökonomischen Bedingungen in den Immigirationsländern, besonders an die Landwirtschaft, Gründung einer Emigrationsbank, Hilfe für die Flüchtlinge u. a, m. Zur Konferenz wurden alle jüdischen Organisationen eingeladen, die auf dem Gebiete der Emigration aktiv tätig sind, -wie auch die Hilfsorganisationen, die sich mit Hilfe für die Flüchtlinge befassen. Bisher haben Emigrations- und Hilfsorganisationen aus folgenden Ländern ihre Teilnahme zugesagt: Vereinigte Staaten, Argentinien, Südafrika, Frankreich, Italien, Tschechoslowakei, Polen, Beßarabien und Littauen. (J.P.Z.) Osteuropa Schenkung. D u b n o w , der bekannte jüdische Geschichtsschreiber, hat seine wertvolle Bibliothek der künftigen jüdischen Universität in Litauen als Geschenk zugesagt. Palästina Organisierung einer Musterpolizei in Palästina. (J. C. B.) Die von der Regierung beschlossene Organisierung einer neuen Musterpolizei (Selected Police) ist in vollem Zuge. Die Polizei wird aus Reitereskadronen, einer Kameleskadron und zwei Fußeskadronen bestehen: die Zusammensetzung soll in der Weise erfolgen, daß Juden und Araber in gleicher Zahl (zirka 175) aufgenommen werden. Außerdem soll eine Anzahl Tscherkessen aufgenommen werden. Die Reitereskadron wird aus 40, die Fußeskadron aus 95 Mann, außer den Unteroffizieren, bestehen. Die Entlohnung beträgt für den Reiter ohne Charge 9 Pfund Sterling, für den Fußgendarmen 8 Pfund Sterling im Monat, außerdem Ausrüstung, Wohnung und ärztlichen Dienst. Die Berittenen müssen ihr Pferd selbst mitbringen. Bisher haben sicht beim Waad-Haleumi jüdische Kandidaten in großer Anzahl gemeldet. Landwirtschaftliche Kurse in Mikweh-Jsrael. (J. C. B.) Wie im vorigen Jahre, finden auch heuer in Mikweh-Jsrael landwirtschaftliche Kurse statt, welche von der Arbeiter-Organisation veranstaltet werden. Unterrichtet wird diesmal Geflügelzucht, Bienenzucht und Viehzucht. Für 80 Teilnehmer ist ein Stipendium ausgesetzt worden, um ihnen die Teilnahme zu ermöglichen. Amerika Flüchtlingsheim. In Mexiko wurde mit Hilfe der „Bene Bris Loge“ in Amerika (Sitz des Präsidiums in Chicago) ein internationales Flüchtlingsheim in großem Stile eröffnet. Die Anstalt dankt, ihr Entstehen der Initiative und der kräftigen Mithilfe des Herrn Isidor Slobotzky (eines Frankfurters), dessen Appell rasch ein Echo in allen jüdischen Herzen gefunden hat. Feuilleton Des Rebbens Pfeifenrohr. Alle, und nicht nur die Alten, können sich noch erinnern, wie es Sore-Riwke nicht nur an Kindern, sondern auch an Brot fehlte. Ganz einfach — an Brot! Ihr Mann, Chajim-Boruch, war von jeher ein großer Chossid gewesen; schon von jenem Tage an, wo ihn sein Schwiegervater (er ruhe in Frieden — ein frommer Jude war er gewesen!) aus der Lubliner Gegend hergebracht hatte. Man merkte bald, daß er ein göttliches Gefäß war, ein Segen für seinen lieben Namen! Daß er ein Mensch war, der, wenn auch nicht, gerade Messias Ankunft beschleunigen, so doch zumindest Wein aus der Wand zapfen konnte. Er hatte schon so ein Gesicht gehabt! In seinen tiefliegenden, stets gesenkten Augen zitterte immer ein Flammenschein, gleich als ob jemand in einer finstern Stube mit einem Licht hin und her ginge. Ein blasses Gesicht hatte er; doch beim geringsten Anlaß blühte es auf wie eine Rose: so eine dünne Haut hatte er! An seinen Schläfen pochte und zitterte es immer. Einen gewöhnlichen Jusefower Gürtel konnte er sich an die zehnmal um den Leib wickeln; vielleicht noch mehr! Es versteht sich von selbst, daß von gewöhnlichem Lernen bei ihm'nicht die Rede war: so ein Geschöpf geht in die Tiefe: „Sohar“ lernte er und „Ejz Chajim“ — alles was ihr wollt. Mit dem Rebben, leben soll er, saß er stundenlang zusammen. Sic sprachen zueinander nicht mit Werten, sondern mit bloßen Winken und Blicken. Geh einer und rede mit einem solchen wegen Nahrungssorgen! Warum nannte ihn aber das ganze Bess-Hamidrosch: „Chajim-Boruch Sore-Riwke’s“ oder abgekürzt: „Sore Riwke’s Mann“? Warum hängte man ihn mit allen seinen. „Toren der Weisheit“ an den Topf Erbsen und das bißchen Hefe an, womit Sore Riwke handelte? Das ist eben nicht zu verstehen! Sore-Riwke selbst hatte großen Kummer davon. Es war ja wirklich eine Ehre, daß man ihn nach ihr nannte, — das fühlte sie. Sie wußte aber auch, daß dies bißchen Freude auf dieser Welt auch das einzige war, was sie zu erwarten hatte. Sie pflegte recht oft, einige Male in der Woche, mit ihrem Erbsentopf ins Beß-Hamidrosch zu kommen. „Chajim-Boruch“ schreien die Jeschiwo-Bochers: „Deine Speiserin kommt!“ Chajim-Boruch hat wohl schon ihre Schritte auf der Treppe gehört: er hat sein Gesicht längst in den „Sohar“ vergraben; über dem Pulte zittert nur die fettige Spitze seines Käppchens, an dem immer Federn haften. Doch Sore-Riwke wagt es nicht einmal, auf diesen Zipfel zu schauen; sie schaut überhaupt nicht nach seiner Seite, sie will nicht mit ihren Augen den göttlichen Geist entweihen, der über ihm ruht, wenn er lernt. Sie will ihre Augen nicht schon auf dieser Welt mästen: Alles, denkt sie, will ich lieber dort haben! Dort, auf jener Welt! Und es wird ihr bei diesem Gedanken ganz warm ums Herz. Wenn sie das Beß-Hamidrosch verläßt, hält sie sich aufrechter, sie ist gleichsam gewachsen, und ihr Blick ist heller und freier. Man kann kaum glauben, daß sie schon eine Frau von einigen und zwanzig Jahren ist: die Stirne ist glatt, ohne eine einzige Runzel, das Gesicht anmutig und rosig, gleich als ob sie erst von unter der Ch.uppe käme! Und gerade wenn sie daran denkt, wird ihr so traurig zu Mute. Es wird ihr, so trauert sie, nichts mehr für jene Welt übrigbleiben. Sie wird dort ankommen wie eine gerupfte Gans, ganz ohne Verdienste am Leibe . . . Was tut sie eigentlich? Sie schleppt sich mit ihrem Erbsentopf durch die Straßen und