Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 39 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- Seite 486 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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486 Das Jüdische Echo Nr. 39 aller Diskussion der Wille steht Palästina zu geben was Palästinas ist: Geld und Menschen. Unverantwortlich aber handelt, wer sich solcher Hingabe in den Weg stellt, oder ihr gegenüber gleichgültig bleibt. Ihm vermochten die vergangenen bitteren Monate nichts zu lehren. Alfons Paquet über den Zionismus.*) Alle bisherigen Versuche zu nationalen Lösungen der Judenfrage führten nicht zu einer Beseitigung der Judenfrage, sondern zu ihrer Erhaltung und zu ihrer Vertiefung. Es ist, als seien diese Versuche zu ihrer Erhaltung geradezu notwendig gewesen. Der Assimilationsgedanke war notwendig, um bekämpft zu werden, der Kampf war notwendig, um Glühendes anzufachen. Nirgends ist Gott zu sehen, wohl aber das Volk, dem er in der Feuerwolke voranging. Der Zionismus, als Ausdruck einer Krisis des Judentums, steht unter einer metaphysischen Wolke. So wenig das Konglomerat von Rechtsanwälten, Agronomen, politischen Agenten und kleinen Geschäftsleuten das sich gegenwärtig im Zeichen des Zionismus in Palästina zusammentut, jüdisches Volk im Sinne der Heimkehr dieses Volkes aus der äußeren Zerstreuung ist, so wenig ist das, was jetzt als offizieller Zionismus einen Apparat von diplomatischen und geschäftsmäßigen Transaktionen und Organisationen in Gang setzt, jüdische Bewegung. Die äußere Zerstreuung hat es seit zwei Jahrtausenden gegeben, die jüdische Bewegung kam erst als eine Antwort auf die innere Zerstreuung, an der die ganze Menschheit teilnimmt. Hier steht Herzl, der der erste Staatsmann und Organisator im jüdischen Risorgimento war, neben Raphael Samson Hirsch, dem Trost der konservativ Gesinnten, und Klatzkin, der von der nationalen Seite her die klarsten Feststellungen gemacht hat und nach neuen außerordentlichen Schutzmaßregeln zum Schutz des zerstreuten Judentums ruft, neben Buber, der um die schöpferische Kraft des jüdischen Geistes ringt. Das jüdische Volk hat die Zerstörung des Tempels überlebt, diie Zerstörung des inneren Tempels würde es nicht überleben, und eine Furcht ist vorhanden, daß selbst der Wiederaufbau des salomonischen Tempels, für den es an Steinen, Gold und Elfenbein nicht fehlt, gegen die innere Zerstreuung nicht helfen würde. Jetzt gibt es im Judentum ein Unterwegs, das drängender und gewaltsamer ist als das zweitausendjährige Unterwegs des Galuth. Hier ist der Kern der jüdischen Frage, hier berührt sie den Nichtjuden, denn die innere Zerstreuung ist das Schicksal der jetzigen Welt, das Judentum ist in diesen Zustand hineingemischt, und seiner ganzen Natur nach, die Aktivität und Feinhörigkeit ist, ist es an ihr in einem hohen Maße beteiligt. *) Aus dem Judenheft des „Neuen Merkur“. ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise Mode Sport V. Brauoi Cie., MOnches Nauhauterstr. 154, gegen* Ober der alten Akademie Wenn es eine Umkehr gibt, so muß sie sich auch im Judentum vollziehen. Nein, nicht auch ilm Judentum. Sondern früh und vorläufig, wie alles Jüdische. * * Wir wollen an der Tatsache nicht vorübergehen, daß mitten in diesen internationalen Ideen und Forderungen, gerade in ihrer Mitte, die Bewegung des modernen Zionismus ihren Platz hat. Aus ihnen hat sie ihre Zwiespältigkeit und ihren Ausblick, Not und Notwendigkeit. Der zionistische Gedanke erwacht mit derselben Leidenschaft unter den vom Alb der ewigen Pogromgefahr bedrückten jüdischen Massen des europäischen Ostens, wie auch bei jenen Juden, die in Europas stillgebliebenen Provinzen wie einst ihre Väter bei den Fleischtöpfen von Mizraim gute und sichere Tage genießen. Vielleicht empfinden diese Gäste den Zionismus als die Lyrik ihrer Fremdheit, vielleicht als einen Überdruß ihrer Freundschaft zu den Dingen des Galuth und als heimliche Verachtung, vielleicht auch als einen Ruf, daß die Zeit gekommen sei, entliehene Macht in eigene Macht zu verwandeln. Wer die neuen Festländer aus den Wasserstrudeln emporsteigen sieht, der mag glauben, daß Jerusalem im Begriffe sei, sich zum geistigen Mittelpunkte des Weltjudentums zu erheben. Es scheint, als ob Rom diesen Vorgang erkenne und als rüste es seine Waffen gegen jene andere geistlich-weltliche Macht von internationaler Ausbreitung, diese Macht, die sich anschiiekt, am Haupt eines jüdischen Vatikans und Kirchenstaates ihr Gesicht zu enthüllen, In der Tat, der Wille zu einer radikalen Änderung der jüdischen Position ist vorhanden. Niemüls waren die Möglichkeiten größer, niemals seit zwei Jahrtausenden legten sich stürzende Großstaaten und Berechnungen neuer weltstaatlicher Machtausdehnung so zu Füßen einer kleinen, reißenden Bewegung, niemals folgten auf Gelegenheiten Verwirklichungen in so schritthafter Aufeinanderfolge wie in dieser Zeit des großen abendländischen Zusammenbruchs. So erscheint die zionistische Bewegung, zusammenr gesetzt, wie sie ist. aus Ressentiment und aus urhaften und begeisterten Antrieben, durchaus als eine endzeitliche Bewegung im Bereich einer zum Abbruch drängenden Geschichtsepoche. Endzeit ist sie erst recht im Sinne der Prophetie. Vielleicht ist sie im jetzigen Augenblick besonders stark durchsetzt mit rationalistischen und prisvilegistischen Elementen. Aber durch die Mischung in der Retorte blinkt dem Auge ein Göttliches entgegen; Banalitäten verflechten sich zu einem Wundergewebe... Die Festsetzung der Nordgrenzen Palästinas. In den ersten Tagen des September übernahm eine britische Kommission in offizieller Weise die Verwaltung des nördlichsten Bezirks Palästinas, die Gruppe von Kolonien und Ländereien um Metulla und Ajun herum, nachdem die französische Verwaltung diese als Teile des britisch-jüdischen Palästina anerkannten Striche verlassen hatte. Die Bevölkerung dieser Gegenden empfing die britische Abordnung begeistert. Die Übernahme dieses Landstriches entspricht einem lang gehegten Wunsch der jüdischen Kolonisten, die durch die frühere willkürliche Grenzlinie vom Mutterlande getrennt worden waren. Die neue Grenzlinie hat Palästina die fruchtbaren Böden des Merdsch