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Das jüdische Echo · 1921-09-30 · 39 (30.9.1921) · p. Seite 485

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
39 (30.9.1921)
Date
1921-09-30
Page
Seite 485 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 39 30. September 1921 8. Jahrgang 5 6 8 1 Das verflossene Jahr endete im Zeichen des XII. Zionistenkongriesses. Dem Kongreß war eine gewaltige Volksabstimmung vorangegangen. Über 1 000 000 Schekolim waren bis zum Tage des Kongreßbeginns eingegangen und gaben Zeugnis davon, daß die weitaus überwiegende Mehrzahl deir Juden auf dem Standpunkt des Baseler Programms steht und aus seiner Anerkennung durch diie Großmächte Rechte und Pflichten herzuleiten bereift ist. Dadurch erst rechtfertigt sich wahrhaft der Anspruch der zionistischen Organisation als Vertretung des Gesamtvolkes, und demgemäß als jewish agency, als Vertretung der Judenheit in Erez Israel zu gelten. Man überlege: die deutsche Sozialdemokratie, die stärkste Partei eines 60-Millionenvolkes, wies mit Stolz auf ihrem Görlitzer Parteitag auf ihre 1 200 000 organisierten Mitglieder hin. In einem 14-Mil.lionenvolk ist eine Gruppe von 1 000 000 organisierten Anhängern nicht nur die stärkste; sie ist das Volk selbst. Das jüdische Volk hat auf diesem Kongreß die Balfourdeklaration, den Beschluß von San Remo entgegengenommen. Das jüdische Volk hat die Männer benannt, von deren Arbeit es die Verwirklichung seiner Ansprüche erwartet. Das muß am Ende eines bedeutsamen Jahres, das uns manche Enttäuschungen gebracht hat, festgestellt werden. Denn der Aufbau Palästinas wurde in den verflossenen Monaten nicht gefördert und die 10 000 Chaluzim, die neu ins Land kamen, konnten nicht leicht einer Wirtschaft eingefügt werden, die heute nur knapp die Ansässigen zu ernähren imstande ist. Man hat je nach Anschauung und Temperament Gründe für das Versagen der Aufbauarbeit angegeben oder ermitteln wollen. Man hat: alle Schwierigkeiten aufgezählt, die im Lande selbst, im Widerstand seiner arabischen Majorität, in der Passivität oder Verständnislosigkeit der Okkupationsmacht zu suchen und zweifellos auch zu finden sind. Man hat mit dem gleichen Recht auf die Fehler verwiesen, die von der zionistischen Organisation, ihren Führern in London und Jerusalem und von den Menschen gemacht worden sind, die nach Palästina kamen, um das Land aufzubauen. Und wir haben erleben müssen, daß die bitteren Erfahrungen dieses Jahres zu einer Krise im Zionismus und in Palästina führten, die der Kongreß endlich überwunden zu haben scheint. Die amerikanische Kontroverse innerhalb des Zionismus war ein Symptom dieser Krise. die schließlich die ganze Arbeit gefährdete. Ihre wahren Gründe sind in der Passivität zu suchen, mit der weite Kreise der Judenheit das Geschenk der Balfourdeklaration entgegengenommen haben, einer Passivität, die zwar zu lauter Freude, nicht aber zu stiller Hingabe bereit war. Ihre wahren Gründe liegen in der Tragik des jüdischen Volkes, das in einer Zeit, die ihm alle Möglichkeiten gewährt, aber all seine Kräfte verlangt, durch die Katastrophe im Osten gelähmt wurde. Das russische Judentum, die Ukraine allein hätten in normaler Zeit Palästina aufgebaut. Der Zusammenbruch des Ostjudentums aber zwang die zionistische Leitung mit weit weniger zuverlässigen Schichten unseres Volkes zu rechnen, mit Schichten, die durch die Arbeit für Palästina vielfach zu jüdischem Denken und Willen erst erzogen werden mußten. So wurde notwendigerweise der politische Erfolv zum Propagandamittel, während er doch lediglich Aufgabe, Ermöglichung und Veranlassung angespannter Arbeit hätte sein sollen. Es rächte sich der wilde Kampf der Assimilation gegen den nationalen Gedanken: die assimilierten und wohlhabenden Schichten des Volkes waren zur Opferfähigkeit für Palästina vielfach noch nicht reif. Sie versagten in einem entscheidenden Augenblick; sie waren nicht imstande, weil sie nicht national genug waren, die Mittel für den Aufbau bereitzustellen. Der Zionismus aber, der mit einer im Judentum bisher unerhörten Offenheit seine Fehler und Fehlschläge erörterte, hat bereits den Beweis erbracht, daß er nicht gewillt ist, die Ergebnislosigkeit dieses Jahres zu einer den Aufbau endgültig gefährdenden Gewohnheit werden zu lassen. Die Jahreskonferenz in London hat den Keren Hajessod, den Palästinagründungsfonds geschaffen, der Kongreß hat die Maasserforderung des Keren Hajessod legalisiert. In Deutschland und anderswo sind in der jüdischen Geschichte bisher unerhörte Mittel durch Zionisten aufgebracht worden. Der Wille, das Äußerste für Palästina zu geben, wird immer mehr Gemeingut der Bewegung. Immer mehr auch wächst der Wille, das eigene Leben mit Palästina zu verbinden. Hier brachte das verflossene Jahr Fortschritte. Und es ist nicht ohne Interesse, daß sogar in Rußland unter dem Druck der Sowjetherrschaft junge Juden zu hunderten aufs Land und in die Werkstätten gehen, um sich reif zu machen für Erez Israel. Das verflossene Jahr war ein Lehrjahr. Es lehrte uns politische Erfolge und Rückschläge richtig einschätzen. Es zeigte uns mit seinen entsetzlichen Katastrophen im Osten, mit seinem zunehmenden Antisemitismus im Westen die unglückselige und immer gefährdete Lage aller Juden, wo und unter welchen Bedingungen sie auch leben mögen. Es ist bezeichnend, daß trotz vieler Mißerfolge der Palästinagedanke an Anhängern gewonnen hat. Man beginnt die Gefahren der jüdischen Entwurzelung zu spüren und fühlt, daß nur eigene Kraft und Leistung sie zu überwinden vermögen. Am Ende des Jahres steht der Kongreß. Er war ein Anfang. Aus seiner Sachlichkeit, aus seinem Verzicht auf Manifestation erwuchs die Sicherheit, daß jene, die vom Vertrauen der jüdischen Majorität getragen in den nächsten Jahren für unsere Zukunft verantwortlich sein werden, ohne Illusionen aber mit starkem Willen an die Arbeit gehen werden. Daß man heute weiß, daß Palästina kein Geschenk sein kann und daß die jüdische Zukunft errungen werden muß. Daß über

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