Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 38 (23.9.1921)
- Date
- 1921-09-23
- Page
- Seite 474 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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474 Das Jüdische Echo Nr. 38 wir eine ähnliche Erscheinung gesehen? Es ist keine Mode, kein bloßer Jugenddrang! Es ist in der Geschichte noch nicht vorgekommen, daß Tausende von jungen Leuten sich selbst zu solcher Zwangsarbeit verurteilen. Das ist eine einzig dastehende Erscheinung auf der ganzen Welt. Und wenn wir überhaupt eine Hoffnung haben, unser Loben zu veredeln und es menschlicher zu gestalten, so beruht diese Hoffnung ausschließlich auf unserer Jugend. Vielleicht werden sie die ersten sein, die den Traum der Besten der Menschheit verwirklichen werden. Was nicht durch die Gewalt geschehen konnte, das wird durch sie im Stillen vollbracht. Und ich bin überzeugt, daß sie auch diese Tat echt jüdisch vollziehen werden. Es ist für sie keine Pose, kein Spiel. Sie haben zu diesem Ideal der Arbeit dasselbe Verhältnis wie das alte Judentum zu den Geboten der Thora. Es ist für sie eine Religion, ein Kultus der Arbeit. Und diese neue Religion hat uns Palästina gegeben; der Hapoel-Haza’fr, Brenner und seine Freunde waren die ersten, die diese neue Religion gepredigt hatten. Diese Bewegung wurzelt tief in den religiösen Gefühlen unserer Jugend, ohne vielleicht, daß sie es weiß oder zugeben will. Und einst wird in Palästina eine neue Religion entstehen, die Religion der Arbeit, und diese Religion werden wir ebenso treu halten, wie wir die alte Thora gehalten haben. Aber die Vertreter der Linken sollten nicht die Rechte geringschätzen oder sie gar verachten. Vielleicht ist die Rechte, die bis jetzt treu die Ideale der Thora aufrechterhalten hat, diejenige, die Ihnen diese Ideale überhaupt ermöglicht hat. Die Orthodoxie hat treu das einzige Dokument bewahrt, kraft dessen wir unser Land verlangen. Unser einziges Dokument auf Palästina ist die Thora. Wäre nicht das fromme Judentum, wer weiß, ob Sie überhaupt soweit gekommen wären, ob Sie gerade Palästina gewählt hätten, und ob Sie gerade in Palästina die Rettung Ihrer Seele und der Seele des ganzen Volkes gesucht hätten. Das Zentrum aber, diejenigen, die auf beiden Stühlen sitzen, die das eine war tun, aber auch das andere nicht lassen möchten, die sich als gute Rechenmeister betrachten und Palästina nur nach kühlen Berechnungen bauen wollen, frage ich: wo wart ihr mit euren Rechenkünsten vor zwanzig Jahren? Habt ihr damals nicht berechnet, was euch die Galuth jährlich kostet, was euch die Ansiedlungs-und Übersiedlungsschwierigkeiten kosten? Hättet ihr vor zwanzig Jahren berechnet, was der Krieg und die Revolution gekostet hat — ihr hättet euer Vermögen nach Palästina gerettet und wäret nicht gezwungen, Delegationen nach Amerika zu schicken, um dort bei den reichen Juden zu betteln. Aber nicht mit Geld werden wir Palästina bauen, wie wir es auch nicht mit dem Schwert bauen werden. Genau so wie beim Bau des Tempels der Klang des Elsens nicht ertönen durfte, weil Eisen Vernichtung bringt, während der Tempel Frieden stiften soll — genau so sollten wir bei dem Bau Palästinas nicht den Klang des Silbers vernehmen. Weder der Klang des Eisens noch der Klang des Silbers — der Klang des Arbeiterliedes wird Palästina aufbauen. (Stürmischer Beifall.) Ihr gebt den Arbeitern nur Geld, aber sie geben euch eure Ehre. Sie waschen die Schande des Parasitentums von euch ab und machen euch wieder zu einem Volke der Arbeit, das auf seine eigene Kraft vertrauen kann. Und nun möchte ich ein paar Worte unseren Führern widmen. Wir haben sie gewählt und haben ihnen unser Vertrauen ausgesprochen. Wir müssen säe aber bitten, daß sie genau so wie das Volk zu ihnen Vertrauen hat, auch zum Volke Vertrauen haben. Das Volk wird sie nicht im Stiche lassen. In der Stunde der Not mögen sie sich an das Volk wenden, das sich hinter sie stellen wird. Das wird aber nur dann geschehen, wenn wir dem Volke ein neues Ideal geben werden, wenn wir nicht bloß schlechte Nachahmer von kleinen Völkern sein werden. Das Fundament unserer Wiedergeburt muß ein hohes Ideal werden, eine bessere Lebensform als die, in der sich unser Volk befindet. Wenn wir uns aber nicht von diesem hohen Ideal leiten lassen werden, wird Gott nicht in unserer Mitte weilen. Bei dem Auszuge aus Ägypten, in der Wüste, auf dem Wege nach Palästina, gingen die Priester voran, das Volk folgte ihnen in Stämme geteilt, jedoch von einem Führer geführt. In der Mitte aber über allen erhob sich die Bundeslade, in der sich die Tafeln des Gesetzes befanden. Auf unserer jetzigen Wanderung müssen wir uns neue Tafeln geben, auf denen ein neues Lebensideal geschrieben steht. Und nur dann wird das Volk den Führern folgen. Im Kampfe mit Amalek stand; Moses auf dem Berge und stützte seine Hände auf Aron und Chur. Aron ist das Symbol des Priestertums, Chur das der Kunst und des Gewerbes. In unserem jetzigen Kampfe müssen sich unsere Führer ebenfalls auf die Thora und auf die Arbeit stützen; dann ist unser Sieg sicher. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Dr. Sehmaria Lewin: Nach Bialik habe ich nichts zu sagen. Bialik hat Ihnen eigentlich Moral gepredigt. Ich werde Ihnen auch etwas Moral predigen. Wir haben im Zionismus viele Generäle und wenig Soldaten. Wir müssen alle die einfache Arbeit leisten und dadurch dem Volke helfen. Es ist die Frage, wie wir zum Volke kommen sollen. Es soll niemand von Ihnen glauben, daß wir Palästina mit Wundern aufbauen werden. Das Wunder besteht in der Generation. Ein Volk besteht nicht nur aus Lehrstuben, sondern auch aus Friedhöfen. Glauben Sie nicht, daß wir in fünf Jahren Palästina aufbauen werden. Wir müssen zuerst die Beziehungen zum Volke anknüpfen und wir können das nur durch seelische Beziehungen erreichen. Wir müssen die jüdischen Dichter und Künstler an uns heranziehen, denn sie werden den Weg zum Volke finden. Ich bitte Sie, seien Sie aufrichtig und ernst in diesem Moment. Konzentrieren Sie alle Kräfte, damit unsere Arbeit fruchtbar sei. Glauben Sie nicht, daß die Exekutive große Dinge tun wird. Große Dinge kann nur ein Volk leisten. Ich schließe mit der Hoffnung, daß das Volk kommen und das jüdische Land aufbauen wird. Präs. Dr. Weizmann: Die Stuhde ist spät und der Worte sind genug gefallen. Ich werde sehr kurz sein, denn es gilt jetzt, weniger zu reden, mehr zu schweigen und viel zu tun. Ich habe eine angenehme Pflicht zu erfüllen: Ihnen im Namen meiner Kollegen und in meinem eigenen Namen für die Wahl zu danken. Wir sind uns bewußt, daß wir eine schwere Aufgabe auf uns genommen haben. Die sorgenvollen Stunden, die wir hier zugebracht haben, haben uns die Größe der Aufgabe gezeigt. Ob wir ihr gewachsen sein werden, wird der nächste Kongreß