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Das jüdische Echo · 1921-09-23 · 38 (23.9.1921) · p. Seite 470

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
38 (23.9.1921)
Date
1921-09-23
Page
Seite 470 (sequence 4)
Language
German
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470 Das Jüdische Echo Nr. 38 schaffen. Denn eine starke Unklarheit, eine tiefe Zweideutigkeit hatte sich in den letzten zwei Jahr ren herausentwickelt. Man hatte nach der Balfour- Deklaration und nach San Remo gejubelt, inan war begeistert, man glaubte, die Grundlage des jüdischen Palästina sei gesichert. Dann kamen die Pogrome in Jaffa, es kam die Rede Herbert Samuels mit seiner einschränkenden Interpretation der Balfour-Deklaration; es kam die Sistierung der Einwanderung, und man war erschrocken, enttäuscht. fast verzweifelt. Zwischen diesen beiden Polen der Stimmung schwankte die Bewegung, zwischen diesen beiden Polen schwankte auch die Stimmung und die Einstellung der meisten Kongreßteilnehmer. Der Kongreß sollte eine Klärung bringen, eine klare eindeutige Darstellung und Kennzeichnung der Situation, eine klare Aussicht und Zukunft. Hat er diese Aufgabe erfüllt? Wir haben nicht das Gefühl, daß er nun wirklich eine Klärung gebracht hat. Den politischen Kurs der letzten Jahre hat er gutgeheißen; aber die großen Erwartungen der ersten Zeit nach der Balfour-Deklaration hat er nicht mehr aufrechterhalten. Man spürte, daß es mit dem I^oliti,sehen allein nicht getan ist, daß man die Bedeutung der rein politischen Erfolge überschätzt hat; aber man sprach es noch nicht klar, offen, eindeutig aus. Man war enttäuscht und man gestand es sich doch nicht ein. Man war oppositionell und wußte nicht recht, gegen wen. So erfolgte keine Klärung, keine Reinigung und Befreiung der Atmosphäre. Die Situation war vielleicht noch nicht reif hierfür; vielleicht wird erst der nächste Kongreß diese Klärung herbeiführen. Das zweite große Problem, das der Kongreß zu lösen hatte, war der Konflikt, der in den letzten Monaten sich entwickelt hatte, der Konflikt zwischen der Londoner Exekutive und der Brandeisgruppe, wobei natürlich die Differenz sich nicht allein auf Amerika beschränkt, da es ja Anhänger der Brandeisgruppe in allen Ländern gibt. In dieser Hinsicht hat der Kongreß ganze Arbeit geleistet und eine klare Entscheidung getroffen. Es war die Entscheidung gegen Brandeis. In wiederholten Erklärungen von Vertretern der wichtigsten Landsmannschaften in Resolutionen und Kundgebungen erklärte sich der Kongreß unzweideutig für die Wahrung und Stärkung des nationalen Charakters der zionistischen, Bewegung, für die Fortsetzung der Galutharbeit und für die Sicherung des einheitlichen Charakters der Weltorganisation. Öffentlich nahm eigentlich keiner für Brandeis Partei; selbst Simon tat es nicht, so sehr er auch in manchem sich mit ihm solidarisch erklärte. Mit einmütiger Entschlossenheit ließ der Kongreß erkennen, daß er an dem nationalen Charakter deir Bewegung nicht rütteln lasse. Dies war der Punkt, in dem er geschlossen Stellung nahm, gegen Brandeis. Hiergegen pflichtete ein großer Teil des Kongresses der Kritik bei, die Brandeis an der Arbeit in Palästina geübt hatte, und die auf dem Kongreß Simon und De Lieme in wirkungsvollen Reden übten. Man war sich klar, daß ein anderes System der Arbeit in Palästina Platz greifen müsse, ein System sachlicher, fachmännischer, rationeller Kolonisationsarbeit. Das dritte zentrale Problem, das eine dringende Lösung verlangte, war die Reorganisation der Bewegung. In den acht kongreßlosen Jahren war eine Desorganisation eingetreten. Die Leitung war durch keinen Kongreß legitimiert; eine wahrhafte Kontrolle fand nicht statt; ein Zustand willkürlicher Autokratie, der alle Macht in die Hände eines einzelnen Mannes legte, hatte sich herausgebildet. Der Kongreß mußte wieder die Demokratisierung der Bewegung durchführen, die Einsetzung ordnungsmäßiger, legitimer Instanzen vornehmen, für eine strenge und wirkliche Kontrolle Sorge tragen. Er hat dies — formell — getan. Er hat eine neue Exekutive gewählt, von der ein Teil in London, der andere in Palästina seinen Sitz haben wird; er hat ein Aktionskomitee von 25 Mitgliedern gewählt, das alle zwei bis drei Monate zusammentreten und alle Maßnahmen der Exekutive zu prüfen hat. Er hat bestimmt., daß wieder alle zwei Jahre der Kongreß tagen, muß; und hat endlich ein umfassendes neues Organisationsstatut angenommen. Formell hat er die Reorganisation der Bewegung vollzogen. Wie weit sie faktisch wirksam sein wird, muß die Erfahrung lehren; vor allem wird sie zeigen müssen, ob in der Tat das System der autokratischen Führung demjenigen der demokratischen, kontrollierten, Platz machen wird. Solche Dinge laufen ja immer auf Personenwagen hinaus; und Personenfragen lassen sich nur schwer a priiori entscheiden; nur die Erfahrung kann die Entscheidung bringen. Die Erfahrung der nächsten Zukunft wird auch schließlich erst ein wirkliches Urteil über die Bedeutung und die Wirkungen des Kongresses bilden lassen. Eine Erkenntnis hat jedenfalls der Kongreß reifen lassen, und diese Erkenntnis allen zu Bewußtsein gebracht zu haben, ist sein wichtigstes Ergebnis; Die Lage der Bewegung, die Lage des jüdischen Volkes ist furchtbar schwer. Es besteht nicht der geringste Grund zu Jubel und Freude und Genugtuung. Die Lage im Osten ist furchtbar, die Lage in Palästina ist schwer und drohend; die Lage innerhalb der Bewegung ist gespannt und schwierig. Nur unter Aufbietung aller Kräfte wird es möglich sein, die gegenwärtige Lage zu überwinden. Die politischen Erfolge, darüber waren sich alle klar, wenn es auch niemand offen aussprach — sind wertlos, wenn sie nicht durch reale Leistungen in Palästina gestützt und gefestigt werden. Alles hängt davon ab, ob es uns gelingt, in Palästina große erschöpfende Kolonisationsarbeit zu leisten. Dies aber hat zur Voraussetzung die Mitairbeit, die Aufopferung' des ganzen Volkes. Ob gute oder schlechte Exekutive, ob gute oder schlechte Politik, wir müssen uns 'gewöhnen, weniger auf London und mehr auf uns zu achten. Wird das Volk große Mittel für die Arbeit in Palästina bereitstellen, werden viele selbst beginnen in Palästina zu arbeiten, dann wird das Werk gelingen, selbst wenn die Exekutive weniger gut und die Politik nicht immer zufriedenstellend sein sollte. Und wird das Volk indifferent bleiben, dann wird die beste Exekutive und dile beste Politik erfolglos bleiben müssen. Es war der Fehler der letzten Jahre zu glauben, andere müßten uns Palästina geben. England wird es machen; Weiizmann wird es machen; die Weltpolitik wird es machen. Es war Selbstbetrug. Niemand kann uns Palästina schenken. Nur wir ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise Mode Sport (.Braun Hie., München Neuhauseretr. 151, gegenüber der alten Akademie

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