Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 38 (23.9.1921)
- Date
- 1921-09-23
- Page
- Seite 469 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 38 23. September 1921 8. Jahrgang Ein Manifest des Zionistenkongresses. An das jüdische Volk in der Verbannung! Vor 24 Jahren hat der erste Baseler Kongreß die Fahne der Wiedergeburt und der Erlösung entfaltet. Er hat vor der ganzen Welt verkündet, daß das jüdische Volk lebt und daß es seine Kräfte sammelt, um sein Vaterland wieder zu begründen, um sein nationales Heim in Erez Israel wieder aufzubauen, um seine Zerstreuten zu sammeln und seinen Geist aus der Verbannung zu befreien. Unter dem Rufe des ersten Baseler Kongresses, der in alle Länder der Zerstreuung drang, erzitterte das Volk. Es scharte sich um die Fahne des neuen Lebens, es ging an das schwere Werk der Befreiung und des Aufbaues. Unbeirrt von Unglück und Leid, unbeirrt von allen Störungen und Hemmnissen, hat dieses Werk keinen Augenblick geruht. Die Kräfte des Volkes wurden geweckt und sammelten sich, der jüdische Besitz in Erez Israel wurde vergrößert und gestärkt. Es entstand in Erez Israel jüdisches Leben und hebräische Kultur, die Keime des künftigen, freien Lebens. Als der Weltkrieg kam, stand unsere Schar fertig und gerüstet da für das Werk der Wiederbelebung. Wir waren bereit, in der großen Zeit von Zerstörung und: Aufbau die Hoffnungen des Volkes zu erfüllen. Aus der Niederung von Schmerz und Qual kam die belebende Sehnsucht nach Freiheit und Erlösung, die Sehnsucht, mit anderen unterdrückten Völkern zu Freiheit und Erlösung zu gelangen. Unsere Anstrengungen in der ganzen Welt, insbesondere in England, Frankreich, Italien und Amerika, haben Früchte getragen. Völker und Staaten anerkannten unser Anrecht auf den Aufbau unseres nationalen Heims. Es öffnete sich der Weg, unser Vaterland mit der Arbeit unserer Hände wieder zu erwerben, mit unserem Gut und unserem Blut. Der Weg zum neuen Leben war frei. Es fehlte nur die Anstrengung, welche dem erhabenen Ziel entspricht. Sie ist noch nicht gekommen. Wohl haben sich die Reihen unserer Freunde verstärkt, wohl haben sich starke Kräfte aus allen Schichten unseres Volkes, aus allen Ländern der Zerstreuung gesammelt; wohl haben sich unsere Mittel vermehrt, aber all dies kann noch nicht das Wunder der Wiedergeburt des jüdischen Volkes schaffen, das Wunder der Rückkehr nach Zion. Wir wissen; Leid und Pein, einzig in der Geschichte unseres Volkes, unser Martyrium haben uns gehindert, die Größe der Stunde wahrzunehmen, uns und die jüdischen Massen in der Zerstreuung, die stets Stütze und Stab unseres zionistischen Strebens waren, die stets die Quelle schöpferischer Kraft waren für unser nationales Leben. Aber uns drängt die große Stunde, in welcher unser Volk in Erez Israel zu Leben und Licht erwacht. Wir können nicht warten. Schon ist durch die Schwäche unseres Bemühens unser Werk in Erez Israel gefährdet. Israels Blut ist geflossen in Israels Land, das Blut unserer Kinder, die ihr Herz geweiht haben auf dem Altar des heiligen Vaterlandes für die Freiheit des Volkes. Dieses Blut ist das Blut des Bundes. Es verklärt ihn mit neuer Weihe. Aus der Schwäche unseres schöpferischen Strebens ist politische Schwäche entstanden. Ein Schatten fällt auf unsere Rechte, die wir uns im Krieg und im Friedensschluß erworben. Volk Israels! Die Stunde ist ernst! Es mehren sich die Störungen und Hindernisse, die Feinde, die unsere Hoffnung erdrosseln wollen, heben die Köpfe! Die Stunde der ernsten schweren Prüfung ist gekommen! Unser Volk muß seine schaffenden und bauenden Kräfte zusammenraffen, es muß ungeheure Mittel schaffen, damit wir unsere Arbeit und unseren Willen über das Land ergießen und seine Bewohner in diesem Strom mitreißen können. Jüdisches Volk! Diese Stunde darfst du nicht versäumen! Leben und Vermögen, Werk und Wirken mußt du opfern! Man darf nicht sagen, daß wir die Größe des Augenblicks nicht erkannten, daß wir uns vergingen gegen die Seele unseres Volkes. Schließt euch zusammen in der Arbeit zu dem großen Wunder, welches seinesgleichen nicht findet in der Geschichte der Menschheit! Bauet Zion! Bringet Erlösung dem Volke und dem Vaterlande! Die Lehre des XII. Kongresses. Es ist sehr schwierig, schon jetzt unmittelbar nach dem XII. Zionistenkongreß eine erschöpfende Würdigung seiner Resultate und seiner Bedeutung zu geben. Die Probleme, die sich im Laufe der letzten, 8 Jahre, in denen kein Kongreß stattgefunden hat, angehäuft hatten und die der Kongreß lösen sollte, sind so zahlreich und schwierig, daß man noch nicht recht zu übersehen vermag, inwiefern der Kongreß eine definitive Lösung wirklich herbeigeführt hat. In gewissem Sinne mußte ja dieser Kongreß neu beginnen, war er nicht der zwölfte, sondern der erste Kongreß. Die kontinuierliche Linie, die die früheren Kongresse verbunden hatte, war nach dem Kriege unterbrochen worden. Die Balfour-Deklaration hat den Zionismus in eine ganz neue Situation hineingestellt. Es galt damals neue Grundlagen für die Arbeit, neue Richtlinien für die Politik dier Bewegung aufzustellen. Greift man aus der Fülle der Probleme, die der Kongreß zu lösen hatte, die wichtigsten heraus, so ergeben sich drei Aufgaben vor allem, die er erfüllen mußte. Die erste, konkret am schwierigsten zu formulierende, in Wahrheit aber wichtigste und wesentlichste, war eine Aufgabe, man möchte sagen, atmosphärischer Art: es galt, die Atmosphäre der Bewegung zu reinigen, zu klären; es galt, klare Erkenntnisse, klare Stimmungen hinsichtlich des weiteren Entwicklungskurses des Zionismus zu