Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1921-09-09 · 36 (9.9.1921) · p. Seite 449

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
36 (9.9.1921)
Date
1921-09-09
Page
Seite 449 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103024-9145336--04308-9077133
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 36 Das Jüdische Echo 449 Privatkapitalien organisiert, und sind jedem Privatkapitalisten mit Rat beigestanden. Ich wünsche, es wäre mir eine prophetische Zunge gegeben, um Ihnen die Erkenntnis zu vermitteln, daß diese Stunde nimmermehr wiederkehrt. Sie tragen die Verantwortung für die Zukunft unserer Bewegung und des jüdischen Volkes. Ich will die Leitung nicht verteidigen und will am wenigsten mich verteidigen. Wir haben in London und in Palästina schwere Fehler begangen. Das ist menschlich. Ich bitte Sie aber, wenn Sie die Leitung wählen, dann sorgen Sie dafür, daß die Autorität dieser Leitung proportional ist der Verantwortung, die auf sie fällt. Machen Sie Ihre Leitung nicht zum Gefangenen, sondern zum Diener der zionistischen Organisation. Ich erkläre, daß ich mich nicht mehr von meiner eigenen Arbeit werde einfangen lassen. Alle konnten demissionieren, nur ich nicht. Wir werden uns die Freiheit reservieren, auch zuriicktreten zu können. Zwingen Sie uns nicht in Ketten, denn das stört die Arbeit und das macht die Arbeit weniger verantwortlich. Zwingen Sie mich auch nicht, Diktator sein zu müssen. Ich habe nie in Dinge hineingeredet, von denen ich nichts verstanden habe, aber andere haben in mein Gebiet hineingeredet, von welchem sie nichts verstanden haben. Das hat zu Reibungen und zu Fehlern geführt. Es ist das erstemal, daß der Kongreß eine mit der ganzen Autorität ausgestattete Leitung wählen wird. Sorgen Sie dafür, daß die Leitung keine Messerstiche in den Rücken bekommt, dann werden Sie auf dem nächsten Kongreß mit Recht von dieser Leitung größere Taten verlangen können und ich wünsche, daß diese großen Taten auch geschehen. (Stürmischer Beifall. — Die Versammlung erhebt sich.) Über die Nachtsitzung vom Montag berichtet die „Wiener Morgenzeitung“: Der Saal, Tribünen und Logen sind vollgestopft mit Menschen, alle Korridore und Restauranträume des Schützenhauses überfüllt. Vor allen Türen sind Ketten von Ordnern zu sehen, die ein schweres Amt haben. Um 9.30 Uhr abends eröffnet Motzkin die Sitzung. Mit großer Spannung läßt man die Eröffnungsformalitäten über sich ergehen. Alle Redner, auch Simon, der für sich und für de Lieme auf das Wort verzichtet, lassen die Ungeduld des Publikums verspüren. Mit Verwunderung nimmt man die unerwartete Konzession Ussischkins an die Zusammensetzung des Kongresses auf, der nach einigen hebräischen Worten in jüdischer Sprache fortsetzt. Sokolow spricht teils jüdisch, teitls deutsch. Weizmann, der nach 11 Uhr zu Worte kommt, scheint mit einer schweren Indisposition zu kämpfen. Er greift wiederholt an das Herz. Vor seinem Platze ist eine Karte von Palästina, auf der mit roter Farbe der jüdische Besitz eingetragen ist. Weizmann spricht mit langsam gemessenen Gesten deutlich, bis in die fernste Ecke verständlich. Atemlos hört ihn die Versammlung an, die in dieser Stunde keine politische Körperschaft ist. Der jüdische Führer spricht zum jüdischen Volk aus dem Herzen heraus. Man hat die Überzeugung, daß er sein Letztes und Bestes gibt. Er sagt dies auch. „Ich habe alles gegeben, was ein Mann geben kann. Gebt ihr ein Zehntel dessen, gebt Maasser des Lebens“. Eine große und eindrucksvolle Ovation ist die Antwort des Kongresses, als Weizmann erschöpft schloß. Die „Hatikwah“ braust durch den Saal. Leider stört die folgende Debatte den Eindruck. Die Vertrauensresolution, die von dem Block und dem Misrachi eingebracht wurde, schien unklar und entfesselte eine Flut von Erklärungen. Protesten, Deklarationen und Geschäftsordnungsdebatten. Die erregte Stimmung des Kongresses und die späte Nachtstunde — es war zwei Uhr morgens — erzeugte eine ganze Reihe von Mißverständnissen. Endlich entschloß sich das Präsidium. durch die Misrachi einen Vertrauensantrag stellen zu lassen. Um 2.30 Uhr wurde die Sitzung geschlossen. In dem ebenerdigen Kaffee kam es dann noch zu einer spontanen Demonstration für Weiizmann, der dort Platz genommen hatte. Heute mittags nahm der Kongreß, nachdem Ruppin sein Palästina-Referat erstattet hatte, die Abstimmung vor. Die Linksparteien hatten einen eigenen Antrag eingebracht, der 58 Stimmen auf sich vereinigte. Für die Resolution der großen Parteien stimmten 348 Delegierte. Wieder rausche der Beifall durch das Haus. Während der Auszählung stimmte man das Lied der Hoffnung an. Die vom Kongreß beschlossene Resolution lautet: „Der Kongreß spricht den Präsidenten Chaim Weitzmann und Nahum Sokolow Dank und Anerkennung für ihr politisches Wirken aus und erwartet, daß die Errungenschaften ihrer Arbeit. der Kabinettsbeschluß der britischen Regierung vom 2. November 1917 (Balfour-Deklaration) und der Beschluß von San Remo in Erez Israel bald ihre volle Verwirklichung finden werden. Der Kongreß erteilt der Exekutive mit dem Ausdruck des Dankes die Decharge.“ Damit war die große politische Auseinandersetzung beendet. Arn Mittwoch wird Weizmann vor dem Permanenzausschuß seine Auffassung über die Arbeit in Palästina, über die Fragen der Leitung und über die Beziehungen zum Oberkommissär Samuel darlegen. Dort wird die Klärung erfolgen. Die Wiener Thesen. Die Grundlage der Aktion des allgemeinen Zionistenblocks dürften die „Wiener Thesen“ bilden, welche auf einer Vorkonferenz niedergelegt wurden, die auf Einladung des österreichischen zionistischen Landkomitees Anfangs Juli in Wien unter Teilnahme einer Anzahl von Landesverbänden stattgefunden hatte. Vorsitzender des Blocks ist Stricker, außerdem bilden seine Leitung: Dr. Hantke für Deutschland, Lipski für Amerika, Grünbaum für Polen, Dr. Leon Reich für Ostgalizien, Dr. Safkind für Rußland, Rabbiner Dr. Niemirower für Rumänien.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.