Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 36 (9.9.1921)
- Date
- 1921-09-09
- Page
- Seite 446 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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446 Das Jüdische Echo > r. Üi bereits gegen die großen Lasten aufzuiehnen beginnt. England braucht aber den Verbündeten im Mittelmeere und wird unseren vernünftigen Vorschlägen sicher Gehör schenken. Die Ausführungen über die Vorfälle in Jerusalem sind ein Beispiel für die Geschichte von den halbgelesenen Büchern. Ägypten stand damals im Aufruhr, alle weißen Soldaten gingen dorthin. Nur die Inder blieben im Lande und außer ihnen die Juden. Niemand hat es bis dahin gewagt, die jüdische Bevölkerung anzurühren. Aber als aus den 5000 Mann 3000 und 2000 und noch weniger wurden, was geschah? Am zweiten Tage war der Pogrom. Es fand eine Versammlung in Jerusalem statt, in der vorgeschlagen wurde, die Legion nach Jerusalem zu bringen. Ich war dagegen, denn ich hatte nur 300. Man darf nicht mit dem Feuer spielen, das ist bekannt, aber wenn man es tut, so gibt es nur eine Form: die organisierteste, alles andere ist falsch. Nun zu einem für mich peinlichen Punkt. De Lieme sagt: „Ich gehe nicht nach Palästina, um dulden zu lernen. Man hat Jabotinsky begnadigt zusammen mit einem Araber und wir haben nicht protestiert.“ Diese Schmach habe ich getragen. Aus Akko telegraphierte ich an Samuel: „Begehen Sie nicht diesen Fehler, stellen Sie mich nicht auf eine Stufe mit diesen Schwarzen.“... (Dr. Buber: „Das sind doch keine Schwarzen!“) Ich meine moralisch Schwarze. Ich bin in Haifa zum Telegraphen gegangen und habe mir gesagt: „Jetzt tagt die Londoner Konferenz und wird mir helfen.“ Ich schickte eine lange Depesche an den Vorsitzenden, an Brandeis, und Brandeis hat die Depesche in die Tasche gesteckt. Es ist eine unverdiente Ehre, wenn ich ein Revolutionär genannt werde. Revolution und jüdischer Nationalismus gehören zu den lateinischen Worten, die ich nicht verstehe. Als es mir zur Zeit des Krieges gut schien, daß unsere Wege mit England gehen müssen und man mir sagte, das bedeute eine Verbrüderung mit der Autokratie, antwortete ich mit den Worten Maczinis: Ich arbeite für Palästina und wenn ich mich mit dem Teufel verbinden müßte. Bauen wir die Brücke zueinander, es gibt Arbeit für alle. Alle, die auf dem Boden des Zionismus stehen, die genug Sinn für Toleranz haben, sind dazu aufgefordert. Auf denen aber, die für die Zusammenarbeit nicht zu haben sind, weil sie den Standpunkt eines anderen nicht anerkennen wollen, bleibt die Verantwortung. Dr. Schmarjahu Lewin: Eine Statistik in unseren Reihen würde ergeben, daß sich 90% der Zionisten mit Politik beschäftigen, daß 80% von den Führern bis zu den Soldaten ausgezeichnete Ratschläge geben, daß sich aber kaum 5% mit der Frage befassen: Wie gewinnt man das Volk und gewinnt man Geld? Ich will deshalb über praktische Dinge sprechen. Wie können wir über ökonomische Fragen debattieren, wenn doch sogar Jabotinsky, der Nationalökonomie studiert hat, nicht einmal diese Fragen versteht? (Lebhafte Heiterkeit.) Über einen Kanalbau kann kein Parlament entscheiden, sondern nur Sachverständige. In Amerika wie in Europa handelt es sich um zwei Strömungen: Wir miissen jüdisch werden und dürfen keinen Personenkultus treiben. Es handelt sich um die Verschiedenheit der Beziehungen zu Erez Jsrael. Brandeis und Mack stehen persönlich sehr hoch. Wir bekämpfen sie auch nicht als Person, sondern nur in ihrer zionistischen Auffassung. Die amerikanische Auffassung verneint des Galuthjudentum. Wir glauben, daß der Aufbau Palästinas durch das Galuthjudentum vor sich gehen muß. Da entsteht die praktische Frage: Kann Erez Jsrael durch das jüdische Volk auf gebaut werden, damit dort ein neues Volk entsteht, oder wird es bloß eine Fortsetzung des Galuth? Ohne die lebendige Kraft des jüdischen Volkes, das heißt ohne die Galuthjuden, kann Erez Jsrael nicht entstehen. Daß man Palästina mit Geld und Sachverständigen aufbauen kann, ist falsch. Ohne die Liebe zum lebendigen Volk ist dies ein Ding der Unmöglichkeit. Jene große Menschen glauben, daß man die Juden nur nach Jaffa zu bringen braucht und sie dort neu anzieht. (Heiterkeit.) Es handelt sich aber um die Frage, ob wir überhaupt als Juden existieren werden oder nicht. Wir haben jetzt in Amerika dreieinhalb Millionen Juden, das sind 25 Prozent der gesamten Judenheit. Dieses Judentum hat sich nach zwei Seiten entwickelt: Die eine ist die Reformbewegung, die ist antinatiional und rekrutiert sich zumeist aus den reich gewordenen deutschen Juden, die zweite Gruppe sind die aus dem Osten eingewanderten Schwerarbeiter, die unter sozialistischen Einfluß geraten sind, also ebenfalls antinational wurden. Nun sind aber die Massen aus dem Todesschlaf erwacht und daraus entstand ein Konflikt zwischen den Massen und den Führern. Die Geschichte kennt kein Wunder. Weder Weizmann noch Ussischkin, noch ich haben das Wunder vollbracht, sondern die natürliche Entwicklung der Dinge. PORZELIi4N-NIEDEKL4€!£ MÜNCHEN THEATINERSTRASSE »3 gegenüber der FeldherrnhalLe TÄTLICHE LAGEßEßOÄBiZlING