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Das jüdische Echo · 1921-09-09 · 36 (9.9.1921) · p. Seite 445

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
36 (9.9.1921)
Date
1921-09-09
Page
Seite 445 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 36 Das Jüdische Echo 445 Der Vorwurf der Amerikaner gegen die Gegenwartsarbeit in der Diaspora ist unberechtigt. (Lebhafter Beifall.) Schluß der Sitzung 2 Uhr. Der Nachmittag war wegen des Turnfestes sitzungsfrei. Sodann ergreift unter ungeheurer Spannung des ganzen Auditoriums, das sich bis auf das letzte Plätzchens gefüllt hat, Jabotinsky: das Wort. Er sagt: Ich wollte nur hebräisch sprechen. Da ich aber die Absicht habe, Leute, die nuir deutsch verstehen, anzugreifen, so beginne ich in deutscher Sprache, ich meine Simon und de Lieme. Das, was sie vorgebracht haben, iist in vieler Hinsicht unrichtig und einseitig. Sie sehen die Dinge in einer völlig unpraktischen Art. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß das Schulwerk aufrecht zu erhalten ist und daß man dem Jischuw, der nur 70 000 Seelen zählt, nicht zumuten kann, ein Schulwerk zu erhalten, welches zwei Gymnasien, Kindergärten, Elemetarschulen. höhere Schulen usw. enthält. Das muß als ein Unding bezeichnet werden. Stellen Sie sich eine russische Kleinstadt vor mit 70 000 Seelen, ob sie in der Lage wäre, ein solches Werk zu tragen, wobei man noch an die materielle Situation in Jerusalem denken muß. Wollten wir das dem Jischuw zumuten, so wäre das Schulwerk aus dem Leben gestrichen. Man muß mit den Tatsachen rechnen und kann sich auf keine theoretischen Ziffern einlassen. Es ist Tatsache, daß der Jischuw das nicht tun kann und daß wir damit rechnen müssen. Zu privater Initiative bei der Kolonisation könnten wir uns ja verstehen. Wir müßten der Privatinitiative den breitesten Spielraum lassen, wenn ein solcher vorhanden wäre. Seien wir uns doch klar, daß es eine Privatinitiative in Palästina nicht geben kann. Der Kleinbürger, der früher in Rußland und anderswo ein gewisses Vermögen hatte, konnte während der türkischen Zeit nicht kommen, obzwar er gerne gekommen wäre. Heute, wo er kommen könnte, kann er aus Rußland nicht heraus oder ist wirtschaftlich ruiniert. Aus gewissen Ländern, wie Österreich, kommen Leute mit riesigen Beuteln voll Geld, aber sie besitzen eigentlich gar nichts, wenn sie in Palästina angekommen sind. Unsere Kolonisation kann derzeit nur eine künstliche sein. Unsere Leute sind nicht widerstandsfähig genug. Die Arbeiter brauchen Spitäler, Gemeinschaftsküchen und dergleichen, die die arabischen Arbeiter nicht brauchen, weil sie an das Klima gewöhnt sind. Unsere Kolonisation ist also, wenn man so sagen will, eine künstliche. Zugegeben! Aber wir haben keinen anderen Weg, wir müssen eben alles tun, um unseren Besitzstand zu erhalten, sei es auch mit dem Aufwand aller Kräfte. Diese Herren Simon und de Lieme sprechen von Palästina und haben von dem Nachkriegspalästina kaum die leiseste Ahnung. Ihre Wirtschaft kann man nur als eine Touristenwirtschaft bezeichnen. Sie kommen für zwei, drei Wochen ins Land und glauben dann alles zu übersehen, alles zu verstehen und über alles entscheiden zu können. Sie tragen den veränderten Verhältnissen keine Rechnung. (Zwischenrufe: Sie haben sie ja selbst hingeschickt!) Jawohl, wir haben sie selbst hingeschickt, darüber werden wir noch einmal sprechen. Was den Rücktritt Simons anbelangt, so habe ich noch zwei Tage vor seiner Demission ihm nahegelegt zu bleiben und ein Ressort zu übernehmen, das seinen Wünschen entspricht. Ich komme nun zur Auseinandersetzung mit Brandeis. Hier muß ich sagen: Es wird uns vorgeworfen, daß Kreise, die uns ungeheuer nützlich hätten sein können, von der Organisation abgestoßen wurden. Ich muß diesen Vorwurf zurückweisen. Wir hatten mit den Amerikanern namenlose Geduld und wirkliche Selbstverleugnung. Wir haben die Sache so lange gehalten, als es ging, aber ich muß Ihnen sagen, das ging nur bis zu einer gewissen Grenze. Wir konnten uns nicht entschließen, die Leitung an Neophyten auszuliefern. Brandeis verlangte die Führung, die wir ihm nicht geben konnten. Bedenken Sie die ungeheure Gefahr, die damit verbunden gewesen wäre. Solange alles gut geht, mag das noch angehen. Wie aber, wenn eine Panik entsteht? Werden Neophyten eine Panik aushalten? Das werden Sie mir zugeben: Neophyten dürfen nicht von oben kommen, sondern müßten von unten als gemeine Soldaten beginnen. Und dann muß ich Ihnen sagen, daß der ungeheure Respekt, den wir für große Namen empfinden, eine Gefahr bedeutet, der wir aus dem Wege gehen müssen. Ich will von dem Ausgleich zwischen mir und Dr. Weizmann sprechen, die eine der Ursachen war, durch welche die Herren zur Amtsniederlegung gezwungen wurden. Ich bin, von Naiditsch und Zlatopolski aufgefordert, zu Weizmann gegangen und habe ihm gesagt: Wir haben uns lange nicht gesehen. Es ist vieles vorgekommen. Vielleicht stimmen wir jetzt überein. Das Leben selbst führt gewisse Änderungen herbei und ich habe konstatiert, daß wir übereinstimmen. Der Inhalt dieses Ausgleichs bezog sich auf 4 Punkte. Ich fragte erstens: Es. wird vielleicht eine Zeit kommen, wo auf dem Ölberg (Regierungsgebäude in Jerusalem) eine Änderung notwendig sein wird. Werden wir verlangen, daß unser Recht, dabei mitzusprechen, garantiert sein wird? Weizmann meinte, wir müssen das anstreben. Der zweite Punkt betraf die Legionen. Hier war ein Ausgleich nicht nötig, denn wir hatten in diesem Punkt jahrelang zusammengearbeitet. Der dritte Punkt betraf die Palästinawirtschaft. Ich fragte: Sind Sie dafür, daß die Palästinenser in jeder neuen Institution ihre Vertreter haben? Die Antwort war: Ja. Viertens habe ich gefragt: Ist durch die Reorganisationskommission das Recht des Aktionskomitees abgeschafft? Die Exekutive hat das Recht, ihre Vertreter zu delegieren, sie hat aber nicht die Rechte des Aktionskomitees. Die politische Lage ist schwer, wir sind eine Minderheit in Palästina, aber hat man in Amerika mit Zustimmung der Roten und Australien mit Zustimmung der Schwarzen kolonisiert; so muß es auch mit den Arabern gehen. Man kann im Laufe der Aufbauarbeit Bedingungen schaffen, die beruhigend wirken, aber im ersten Stadium der Kolonisation braucht man eine Verteidigung, die nur von Kräften durchgeführt werden kann, die diesen Aufbau lieben, und nicht von solchen, die ihn hassen. Eine unbillige Administration schafft manche Schwierigkeiten, aber wir haben wenigstens ein verläßliches Instrument und das kann man von englischen Soldaten nicht sagen. Einem englischen Soldaten muß ein Kampf zwischen Juden und Arabern im Jahre 1921 doch über die Hutschnur gehen. Wir dürfen nicht vergessen, daß England von der öffentlichen Meinung beherrscht wird und daß der englische Steuerzahler sich

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