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Das jüdische Echo · 1921-09-09 · 36 (9.9.1921) · p. Seite 443

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
36 (9.9.1921)
Date
1921-09-09
Page
Seite 443 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36 Das Jüdische Echo 443 Am deutlichsten zeigt sich das in der Ideenlosigkeit unseres inneren Kampfes. Die Diplomatie ist die Herrin, die reale Arbeit ist die Magd geworden. Die Folge ist die Zusammenhanglosigkeit unserer realen Arbeit, ihr un ökonomisch er, mechanischer und improvisierter Charakter. Eine Änderung tut not. Es müssen die besten Kräfte für diie reale Arbeit, für das Wesen unserer Arbeit gesammelt werden. Dazu gehört allerdings für uns alle eine innere Wandlung. Weitzmann ist uns unersetzlich, aber er muß darauf bedacht sein, uns seine Unersetzliehkeit nicht aus Stolz zu einer Demütigung zu machen. Er soll die Männer, die ihm als Mitarbeiter gegeben werden, neben sich stellen. Indem er ihre Ämter hebt, hebt er sein eigenes Amt vor dem Volk und vor der Geschichte. Wir haben keine Volkserziehung, sondern nur Agitation. Die Idee wird zum Zynismus mißbraucht. Es ist eine falsche Frage: Wie gewinnt man das Volk? Man muß das Volk erziehen, dann gewinnt man es; man muß Großes versprechen und Großes fordern. Das kann man aber nur, wenn man selbst den ganzen Menschen einsetzt. Aber die Folge unserer Politik ist der Abfall unserer geistigen Kräfte und die Erstarrung des Nachwuchses, seine Abwanderung zu anderen Parteien, Es ist eine neue Zeit nationaler Assimilation, wie wir solche in unserer Geschichte schon durchgemacht haben. Man kann das Volk nicht durch politische Augenblickserfolge gewinnen, Das ist nur ein Scheingewinn. Eine Gemeinschaft, die von ihren Mitgliedern Geld verlangt, wird Almosen bekommen. Wenn sie den ganzen Menschen verlangt, wird sie auch sein Geld bekommen. Es gibt nur einen echten Heroismus in Palästina, den Heroismus der Arbeit. Es gilt, die Gemeinschaft als die oberste Gewalt zu proklamieren und den Einzelnen ihr unterzuordinen. Diesen Arbeitern müssen wir in ihrer Ausbildung und in ihren wirtschaftlichen Interessen helfen, wir haben sie aber ignoriert und vernachlässigt. Wir kennen den Zweck der Balfour-Deklaration, die eine reine Rahmendeklaration ist, in di'e alles hineingeht: die Reden Weizmanns und die Erklärungen Herbert Samuels. Sie umfaßt ganz entgegengesetzte Welten und bedarf einer authentischen Interpretation. Heute, vier Jahre nach der Balfourschen Deklaration, müssen wir um das Recht unserer freien Einwanderung kämpfen. Die Sicherung des Lebensminimums unserer realen Arbeit in Palästina ist versäumt worden. Goldberg (Amerika) knüpft an die Kritik Simons und de Liemes an. Wir hatten die Wahl zwischen Zionismus und Birandeis und wählten den Zionismus. Wenn Brandeis Zionist wäre, so säße er hier und würde mitstreiten. Simon und de Lieme sind hierhergekommen und darum tut es uns leid, beide in der Gesellschaft von Brandeis zu sehen. Brandeis hat Bedeutung und Einfluß in der nichtjüdischen Welt, das ist aber kein Grund, ihn zum Führer der Juden zu machen. Dieser Kongreß, an den wir große Hoffnungen knüpfen, muß unseren völligen Zusammenschluß bringen. Die amerikanischen Juden haben sich zum Ziele gesetzt, binnen fünf Jahren ein großes Palästina -Äufbauprogamm durchzuführen. Das jüdische Volk in Amerika beginnt zu erwachen und wird sich seiner Pflicht bewußt. Ich sage Ihnen: Wir müssen entschlossen marschieren, unser Ziel fest im Auge behalten und dann werden auch die Oppositionsmänner, die sich heute beleidigt abseitsgestellt haben, zu uns stoßen. Oberrabbiner Dr. Chajes (Wien): Er kommt zunächst auf die Äußerungen Simons zurück. Seine Amerikareise hatte den Zweck, Frieden zu stiften. Ich will nicht als Parteimann, sondern rein historisch berichten. Simon hat Vorwürfe gemacht. Brandeis könnte die zionistische Organisation erweitern, in der Bewegung Tür und Tor allen öffnen. Dr. Chajes erklärt, daß diese Forderungen sich erübrigen, weil sie in den geltenden Statuten verwirklicht sind. Ich habe Juden, nicht Zionisten kennen gelernt, die gerne am Palästinawerk teilnehmen würden, ohne der zionistischen Organisation anzugehören. Auch in anderer Hinsicht sind die Äußerungen Simons unrichtig. Brandeis hat es nicht zur Bedingung gestellt, daß man in die zionistische Organisation eintritt. Sie wissen, daß das gleiche mit Jakob Schiff der Fall war. Er wollte seine Kräfte dem Palästina-Aufbau widmen. Wir, die wir für den Zionismus leben und sterben und unseren letzten Blutstropfen hingeben, wir sind tolerant, wir verlangen von den Juden, die für Palästina arbeiten wollen, absolut nicht, daß sie den Schekel zahlen oder daß sie in die zionistische Organisation eintreten müssen. Man wird sagen, es könnte sich daraus eine Gefahr ergeben. Viel größer aber wäre die Gefahr, wenn sie in Massen bei uns wären, ohne Zionisten zu sein. Berl Katzenelson: (Palästina): Ich will hier die Stellung meiner Kameraden in Palästina darlegen. Es zeigt sich, daß wir in all den Jahren keine politische Arbeit geleistet haben. Die zionistische Politik hat kein Verständnis für den Selbstschutz gehabt. Die Pogromadministration und die Polizei sind geblieben. Herbert ist den Arabern untertänig. (Beifall.) Im Palästina-Budget befindet sich keine Post für das jüdische Schulwesen. Redner greift sehr scharf Herbert Samuel an: Er habe in den politischen und allgemeinen Dingen versagt. Das Schrecklichste aber ist das Einwanderungsverbot. Das war das Geschenk für die Pogromisten. Der Kongreß muß vor der ganzen Welt erklären, unser Einwanderungsrecht darf uns niemand nehmen. (Lebhafter Beifall.) Wir haben auf Palästina, unser Mutterland, ein ewiges Recht. (Lebhafter Beifall.) Dann kamen die Repressalien. Man schob angeblich Bolschewiken vor, wollte aber immer den Arabern zeigen, wie man gegen die Juden scharf vorgeht. (Beifall. — Pfuirufe.) Der Pogrom, der Tod Brenners, darf nicht vergessen bleiben. Jedes Kind kennt die Mörder Brenners und nur die palästinensische Polizei kann sie nach vier Monate nicht entdecken. Das jüdische Volk darf diese Fclvrach nicht ertragen. In Palästina hat sich schon jüngst eine pansemitische Bewegung gebildet, die eine natürliche Verständigung zwischen Juden und Arabern herbeiführen wird. Wir sind von Anfang an gegen jede Herrenpolitik. Die jüdischen Arbeiter würden es nie dulden, daß es ein Herrenvolk und ein Knechtvolk im Lande gibt. Man sagt, daß heute ein Verhandeln mit den Arabern nicht gut möglich ist. Das ist wahr, weil das arabische Volk noch in keiner festen nationalen Organisation lebt. Sobald eine solche bei ihnen wie bei uns vorhanden sein wird, werden sich bestimmte Verhandlungsmöglichkeiten ergeben, die sicherlich zu einem Ziele führen werden. Der Araber bildet überhaupt ein schwieriges menschliches Problem, dem wiir näherkommen müssen. Das wird eine wichtige Aufgabe für uns alle sein. Was die ara-

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