Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 33 (19.8.1921)
- Date
- 1921-08-19
- Page
- Seite 408 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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408 Das Jüdische Echo Nr. 33 Arbeit eine Wunde und Weihe gegeben ist, durch die Erneuerung des Körpers, die sie dem städtischen und übergeistigten Juden zuteil werden läßt. Wir können heute schon sagen, daß vielleicht gar keine von Obrigkeitswegen festgesetzte Gemeindeform den individuellen und Gruppeninstinkten der Juden Schranken bieten wird, daß vielmehr die Freiheit auch der Gemeindeverfassungen zu einer reichen Mannigfaltigkeit der sozialen Typen führen dürfte. Denn da ein großer Teil der ostjüdischen Sozialistenjugend kommunistisch denkt und' empfindet und nach Palästina geht, um dort den Idealen zu leben, auf die die europäische Gesellschaft mit Nein antwortet, werden wir ganz gewiß eine Vielfältigkeit von Wirtschaftstypen finden, die sowohl den individualistischen (Erbpacht) wie den sozialistischen und kommunistischen Gedankenwelten (Produktivgenossenschaft) irdischlebendige Formen geben werdea Damit wird zweierlei erreicht werden: das jüdische Volk hi Palästina wird sich, was die Beziehung zu Europa anlangt, vor allem denjenigen Staatsorganisationen nahe fühlen, die sich ebenfalls auf den Grundrechten sozialer Gerechtigkeit aufbauen, und es wird zweitens in die imperialistische Herrenstellung des Europäers auch den Fallachen gegenüber eine bald sehr fühlbare Bresche legen. Denn, und das ist das urjüdische in der Grundlage des neuen Gemeinwesens: Die Juden dürfen keinen bornierten Nationalismus mit in den Orient bringen. Sie müssen, wo es sich irgend ermöglichen läßt mit den Fellachen ein kameradschaftliches Auskommen und Miteinanderleben zu finden suchen. Zwar werden sie die Formen des öffentlichen Lebens in einem hohen Grade judaisieren, und die Hälfte der Universität Jerusalem wird den jüdischen Wissenschaften Vorbehalten bleiben. Auch wird die hebräische Sprache, deren kräftige Neubelebung bereits ein Faktum ist im öffentlichen Leben sich durchzusetzen wissen. Aber es hieße die Grundlagen des Judentums negieren, wenn in diesem friedlichen und kulturellen Wettkampf irgendwelche antiarabische Gesinnungen unterlaufen sollten; im Gegenteil wird das Arabische recht bald in den jüdischen Schulen seinen Platz finden müssen. Das arabische Problem, das ernsteste der Siedelung, gliedert sich ein in den großen Kampf um den Boden, mit dem die französische Revolution, aufs Mittelalter zurückgreifend, begann, ohne ihn beenden zu können. Die arabische Welt steht heute noch in der Situation vor 1789: im Wilajet Damaskus z. B. belegt der Großgrundbesitz („Effendis“) 60 Prozent des Bodens gegen 15 Prozent mittelgroßen und 25 Prozent Kleinbesitzes; den bearbeitenden Fellachen gehören in Transjordanien 15 Prozent, in Galiläa 20 Prozent und in Judäa 40 Prozent des Ackerlandes; während die knapp berechnete Durchschnittsgröße einer Fellachenwirtschaft 40 bis 50 Dunam ausmacht, teilen sich in der Gegend von Asa und Ber-Seba 28 Großgrundbesitzer in über 2 Millionen Dunam. Stellt man sich die Wirklichkeit, welche von solchen Ziffern skizziert wird, anschaulich vor, so begreift man, daß jede Berührung mit den gründlich gerechteren europäischen Zuständen selbst in kapitalistisch gesinnten Staaten (vergleiche Lloyd Georges Bodenreform!) auf den erbitterten Widerstand — nicht der Araber schlechtweg, sondern der vor Europa agierenden Araber-Effendis stoßen muß. Daß hier Veränderungen zugunsten der Fellachen unbedingt kommen müssen, sobald der Fellach Kenntnis von seiner ungewöhnlichen Lage erhält, daß keine europäische Verwaltung sich gegen diese Ansprüche des Landproletariats wehren könnte, liegt in der Situation selbst. Führen nun gar die Juden moderne, ertragsteigernde Agrarmethoden ein, die bei Bewahrung der heutigen Situation dem Effendi weit mehr als dem Pächter zugute kämen, so ist der Anstoß zur Agrarreform auch dann gegeben, wenn sich die Juden jeder Einmischung in die arabischen Besitzverhältnisse enthalten. Dies weiß der Effendi so gut wie wir, und mit derselben Logiik wie Europa wehrt er sich gegen das Einströmen der neuen Zeit, indem er den Fellachen irreführt, aufreizt, in Versammlungen und Zeitungen bis zur agressiven Untat erhitzt und so nach außen auf die „Volksbewegung gegen die Fremden“ verweisend, seine eigene Stellung als Herr des Bodens aufrechterhälti Neben diesem Grundproblem verschwinden die übrigen vorläufig ins Nebensächliche; selbst die Tatsache, daß im Kampfe gegen den Zionismus die christlichen Araber (ein verschwindender Bruchteil gegen sechshundertfünfzigtausend Mohammedaner) so auffallend in den Vordergrund treten, erklärt sich durch jenes: gehören doch die weitaus meisten davon zu den Effendis, entweder als Großgrundbesitzer oder als von ihnen Abhängige. Jede jüdische Politik in Palästina kann also nur durch das Vorbild gerechter Wirtschaftsformen den arabischen Widerstand auf seine wahre Größe und seine wirklichen Motive zurückführen, und jede europäische Verwaltung kann nicht anders als im selben Sinne wirken. Der arabische Geist hat lange geruht aber er ist keinem anderen unterlegen; in gemischten Schulen behaupten schon heute arabische Kinder neben den jüdischen fast den gleichen Rang an Intelligenz, und diese Gleichwertigkeit wird sich mit der Zeit auf allen 8 8 8 L. Kielleuthner kgl. bayer. Hoflieferant 43 Maximilianstrasse 43 Bekanntes Haus für erstklassige Herrenbekleidung nach Mass 8 8 8 8 8 8 8 8