Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 33 (19.8.1921)
- Date
- 1921-08-19
- Page
- Seite 406 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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408 Das jüdische Echo Nr. 33 Sowjetregierung in Rußland zusammenbricht. Sie ist heute die einzige faktische Staatsgewalt in Rußland. Und nun ist die große Frage, ob es möglich ist, grade jetzt möglich ist, eine neue staatliche Ordnung in Rußland aufzurichten, ohne daß es zu Bürgerkrieg und Blutvergießen kommt. Wer kann und will heute in Rußland die Verantwortung für ein ruhiges Übergleiiten in ein anderes Regierungssystem übernehmen,? Es ist zu befürchten, daß eruptive Ausbrüche des durch unsägliche Qualen verbitterten Volkes erfolgen und ein Chaos ausbricht, das, von den dunklen Elementen der Reaktion noch vergrößert, furchtbares Unheil bringen kann. Und die ersten, gegen die sich der Ansturm der Volkswut richten wird, sind die Juden Rußlands. Nicht die Bolschewiken jüdischer und nichtjüdischer Abstammung wird dieser Ausbruch treffen, denn sie werden sich selbst rechtzeitig in Sicherheit bringen oder in Sicherheit gebracht werden (es ist bezeichnend, daß eine Hundstagsmeldung schon heute davon spricht, daß die Bolschewikenführer sich in englischen Kolonien ansiedeln werden), sondern es kann dazu kommen, daß das Blut aller Juden vergossen wird, der großen jüdischen Massen, die nicht nur unschuldig am Bolschewismus, sondern seine Opfer sind. Angesichts der heutigen Verhältnisse in Rußland ist es mehr als fraglich, ob eine friedliche Umwälzung wird erfolgen können, die auf der Vereinigung aller sozialistischen und demokratischen Parteien beruht. Bricht aber ein Bürgerkrieg aus, dann haben die Juden das Schlimmste zu erwarten; die Reaktion wird gewiß nicht verfehlen, ihre Ziele durch Aufreizung der Volksinstinkte gegen die Juden als vorgebliche Träger des ruinösen, bolschewikischen Systems zu maskieren und zu popularisieren. Was die militärischen Banden der Reaktion leisten, dafür sind grauenvolle Beispiele vorhanden. Dazu kommt der Umstand, daß im Augenblick, wo die Zügel der Macht den Bolchewiken entgleiten, keine autoritative Gewalt da ist. welche die bösen Instinkte im Zaume halten kann. Schon heute sind Aufstandsbewegungen oder andere Ereignisse, welche die Macht der heutigen Regierung schwächen, von Ppgromen begleitet. Nicht zu vergessen ist, daß die Sowjetmacht über eine riesige Soldateska verfügt, dife, entglitten den Machthabern die Zügel der Gewalt, sich sofort zu den übrigen Mordbrennerbanden gesellen und naturgemäß auf der Linie des schwächsten Widerstands, also bei den Juden, durch Raub, Plünderung und Mord ihren „Unterhalt“ finden würde. Der Pogrom, der Massenmord der Juden, ist heute die unmittelbarste Gefahr, die aus den Verhältnissen in Rußland erwächst; sie ist viel größer als die der Verschleppung von Infektionskrankheiten, von der gefaselt wird. Und diese „russische Gefahr“ bedroht einen großen Teil des Judentums und einen seiner wertvollsten. Ihr muß vorgebeugt werden, solange es Zeit ist. Es gilt diesmal, rasch einzugreifen, um Unheil zu verhüten, nicht, wie bisher immer, Hilfe zu bringen, sobald das Unheil seinen Lauf genommen hat. Und diese Verhütung des Unglücks ist Sache der gesamten Judenheit. Denn ist das Unheil im Lauf, dann ist die gesamte Judenheit bedroht. Es ist daher Sache der gesamten Judenheit, der Juden in allen Ländern, schon heute alles daranzusetzen, um die drohende Gefahr von ihren russischen Brüdern abzuwenden. Vor allem müßte überall eine Aktion eihsetzen, um bei den Mächten, beim Völkerbund, vor allem bei den gegenwärtigen Machthabern in Rußland selbst. Schutz der Juden zu erwirken. Alle politischen Faktoren, welche für den Fortbestand Rußlands in Betracht kommen, müßten in diese Aktion einbezogen werden. Rasch muß die unbedingt nötige politische Arbeit für die Sicherung der russischen Juden einsetzen, ehe es zu spät ist. Sonst sind die Juden der ganzen Welt mitschuldig am Unheil ihrer Brüder in. Rußland, mitschuldig aber auch an dem Unheil, das sie selbst treffen kann. Diie „russische Gefahr“ ist eine jüdische Gefahr. Das Judentum muß alles tun, um sie abzuwerden. (W. Morgenztg.) Die Einwanderungssperre in Hmerika. Ein Vertreter der „J.P.Z.“ interviewte Jacob Fishmann, den Herausgeber des „Jüd. Morgenjournai“ in New York, der sich gegenwärtig auf einer Europareiise befindet. Fishmann sagte u. a.; „Die Lage der Emigranten ist durch die neuen Einwanderungsbestimmungen sehr schwierig geworden. Ich habe den Eindruck, daß die amerikanischen Behörden gewisse Instruktionen haben, dien Juden Schwierigkeiten zu machen. An manchen Stellen sagt man offen, man könne die Juden nicht brauchen, weil sie die Städte überfüllten; Amerika könne gegenwärtig nur Landwirte aufnehmen. Manche äußern sich unverhohlen antisemitisch. Der Arzt z. B., der in Antwerpen die Untersuchung vorniimmt, soll bereits mehrfach antisemitische Bemerkungen gemacht haben. Als ich ihn besuchte, äußerte er sich allerdings sehr loyal und erklärte, daß er nur „gegen die Läuse und das Ungeziefer aus dem Osten“ kämpfe. Bei den Untersuchungen spielen sich oft herzerschütternde Szenen ab. Ich sah zwei Kinder von 8—10 Jahren«, die allein reisen, weil ihre Eltern beim Pogrom umgekommen sind. Die Lage der Emigranten ist besonders traurig, wenn sie tagelang warten müssen und keine Antwort von ihren amerikanischen Verwandten bekommen, so daß sie ihr Geld aufzehren und neuerliche Geldsendungen abwarten müssen. Der größte Sammelpunkt wartender Emigranten ist Antwerpen, weil dort alle Einwanderer hereingelassen werden, auch solche, die gar nicht nach Amerika kommen können und auch keine Visa besitzen. Holland hingegen läßt nur die mit allen notwendigen Reisedokumenten und Geld versehenen Emigranten herein, daher sind die Verhältnisse in Rotterdam besser. Das amerikanische Konsulat in Antwerpen hat den ukrainischen Flüchtlingen, denen in Rumänien rumänische Pässe ausgestellt und; vom amerikanischen Vertreter visiert worden sind, die Einreisebewilligung annulliert, weil es rumänische Pässe für ukrainische Staatsbürger nicht anerkennen könne. Diese Leute sind jetzt in prekärer Situation, denn es ist selbstverständlich, daß die Ukraine ihnen keinen Paß Mode ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise V.BrasQ&Cie., München Neuhauserstr. 151, gegenüber der alten Akademie 8port