Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 32 (12.8.1921)
- Date
- 1921-08-12
- Page
- Seite 395 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 Das Jüdische Echo 395 Vertreter des Hrbeiterfürsorge* amtes beim Reichsminister des Innern. Die Sekretäre dies Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands Herr Berger und Dr. Senator wurden am 27. Juli vom Reichsminister des Innern, Herrn Dr. Giradnauer, empfangen. Im Laufe der Unterredung, die ungefähr eine Stunde lang währte, wurde festgestellt, daß der Minister mit der Politik des Arbeiterfürsorgeamtes durchaus einverstanden sei. Er gab der Ansicht Ausdruck, daß zwar ein neuer Zuzug von Ostjuden in das unter der Überfüllung aller Berufe leidende deutsche Reichsgebiet nach Möglichkeit verhindert werden müsse, daß aber andererseits die bereits in Deutschland ansässigen, zum großen Teil arbeitsfähigen und arbeitswilligen ostjüdiischen Elemente auf dem Wege über eine verständige Sozialpolitik deir deutschen Volkswirtschaft reibungslos würden einge gliedert werden können. Er begrüße dahier diie Tätigkeit des Arbeiterfürsorgeamtes, die in der oben angedeuteten Richtung beste Erfolge erzielt habe. Vom Stargarder Internierungslager. Die Verhandlungen des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands mit dem preußischen Ministerium des Innern in der Stargarder Angelegenheit haben zu wesentlichen Erfolgen geführt. In dem genannten Lager ist auf Grund dieser Verhandlungen die Verpflegung erheblich verbessert worden, die Briefzensur, die bestand, wurde vollkommen aufgehoben, außerdem wurde die Instruktion! der Wachmannschaften dahin abgeändert, daß sie bei Beschwerden gegen Insassen dieselben direkt dem Lagerkommandanten vorzuführen hätten, ohne erst irgend welche Entscheidungen zu treffen. Ein Teil der Wachmannschaften, der sich durch besonders rigoroses Vorgehen gegen die Insassen straffällig gemacht hatte, ist seines Postens enthoben worden. Die betreffenden Fälle sind der Staatsanwaltschaft zur weiteren Veranlassung übergeben worden. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation bei Lloyd George. Dr. W-eizmann, der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, hat neuerdings an einer wichtigen Konferenz über die Palästinafrage teilgenommen, bei welcher Lloyd George, Balfour, Churchill und Sir Maurice Hankey anwesend waren. Weizmann stellte den britischen Ministern die gegenwärtige Lage in Palästina ausführlich dar und machte schließlich eine Reihe von Reformvorschlägen, die für die Verwirklichung der Balfourdekiaration erforderlich sind. Er hob dabei hervor. daß ein weiterer Aufschub der Bestätigung des Palästinamandates für alle Beteiligten Nachteile hervorrufen könne. Nach lebhafter Aussprache, in deren Verlauf Dr. Weizmann viele Fragen der britischen Minister beantwortete, gab Lloyd George dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation die Versicherung, daß das Kabinett allen seinen Mitteilungen die größte Aufmerksamkeit schenken werde. (Ziko.) H. W. Steed über den Zionismus. (Ziko.) In einem Leitaufsatz über die Judenfrage von George Batault, den die belgische Zeitung „La Nation Beige“ bringt, werden Aussprüche über den Zionismus von H. W. Steed, dem berühmten englischen Publizisten und außenpolitischen Redakteur der „Times“ zitiert, die wir in der Übersetzung der Prager „Selbstwehr“ wiedergeben : „Die einzige Hoffnung, in der Judenrrage zu einer annehmbaren Lösung zu kommen, besteht in der Offenheit und in der ernsten Auffassung. Und zwar ist das deshalb der Fall, weil das wahre Ideal, der Zionismus, so orientiert ist, daß es die glücklichste Erscheinung darstellt, die in der Judenheit seit Jahrhunderten aufgetreten ist. Die Anhänger der Assimilation werfen dem Zionismus vor, daß, wenn es jemals zur Bildung eines anerkannten jüdischen Staates käme, sich die Antisemiten der Welt erheben und den Juden sagen können: „Jetzt habt Ihr Euer eigenes Land, geht dorthin.“ Dieses Argument besitzt guten Glauben und offenbart die Zweideutigkeit der Stellung, die jene Juden eingenommen haben, welche den Grundsatz der Assimilation aufrecht erhalten. Während sie ihre Zerstreuung durch die Tatsache, kein eigenes Land zu haben, erklären und rechtfertigen, und während sie fortfahren, sich zum „Messias“ zu bekennen, der das Reich Israel wieder auf richten soll, ist ihren Wünschen nichts ferner, als die Erfüllung des Gebetes „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Von hier stammt die Abneigung, welche die reichen Parteigänger der Assimilation und der Zerstreuung gegen den reinen Zionismus hegen. Ihr Ideal scheint die Aufrechterhaltung des internationalen jüdischen Einflusses zu sein als wahres Reich der Reichen, „Imperium in Imperiiis“. Die Vorstellung des wahren Grundes ist bei ihnen zur zweiten Natur geworden, und sie beweinen und bekämpfen mit Erbitterung jedes Streben, der Welt freimütig die Judenfrage zu stellen. In Wirklichkeit ist es nicht im geringsten zu fürchten, daß die eventuelle Errichtung eines jüdischen Staates dazu führen könnte, die Juden aus anderen Ländern zu vertreiben, noch weniger, reiche jüdische Gemeinden aus dem westlichen Europa und Amerika. Nichtsdestoweniger ist es wahrscheinlich, daß die Schaffung eines jüdischen Staates früher oder später die Stellung der Juden in der Welt ändern dürfte. Sie würden möglicherweise gezwungen, zwischen der Eigenschaft als jüdischer Bürger und der vollkommenen Identifizierung mit ihrem angenommenen Vater lande zu wählen. Die Nichtjuden können diesem Fortschritt (Zionismus) nur mit Sympathie folgen, die umso größer wird, als ihnen die Bedingungen näher vertraut werden; eine positive Sympathie, wenn si'c gesunde Erscheinungen annimmt, eine negative, wenn sie sich bemüht, den ungesunden Neigungen zu widerstehen. Aber vor allem müssen sie sich die Kenntnis der jüdischen Gesellschaft zu erringen trachten und den Mut aufbringen, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen und sich nicht zu einer philosemitischen Haltung verleiten zu lassen, die ganz gefühllos und kritiklos ist, und das antisemitische Geschrei zurückweisen, von dem es nicht an Urteilskraft gewinnt. Die Judenfrage ist eines der größten Weltprobleme, und kein Mensch, sei er nun Schriftsteller, Politiker oder Diplomat, kann als reif betrachtet werden, so lange er nicht versucht, ihr nahezukommen.“