Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 31 (5.8.1921)
- Date
- 1921-08-05
- Page
- Seite 383 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 383 Das Jüdische Besonders hoch ist auch das Schulwesen entwickelt, und es steht zu erwarten, daß mehr und mehr vom Erziiehungswesen (auch von der Waisenerziehung) der jüdischen Welt nach Palästina verlegt werden wird. Jede jüische Kolonie und jede jüdische Stadtgemeinde hat hier ihre Kindergärten, Volks- und höheren Schulen. Neben mehreren Gymnasien bestehen Seminare und andere Lehrerausbildungsanstalten. Ein Technikum war bei Kriegsausbruch fast betriebsfertig und dürfte bald eröffnet werden. In dien letzten Jahren wurden auch verschiedene wissenschaftliche Institute wie Ärztevereinigungen, Technikerveirbände begründet, und für die Errichtung einer hebräischen Universität ist auf dem Skopus bei Jerusalem bereits der Grundstein gelegt. Diese ganze kulturelle Entwicklung geht Hand in Hand mit der Auferstehung der hebräischen Sprache. Schon jetzt ist sie Umgangs- und Unterrichtssprache im jüdischen Palästina, und wenn man dort auch mit den anderen Sprachen der Juden noch ganz gut auskommen kann, so breitet sich auch von Palästina her das Hebräische über die ganze jüdische Welt aus. * Die gegenwärtigen wirtschaftlichen V er-hältnisse sind noch die einer ausgesprochenen Übergangszeit. Während des Krieges, zu dessen Schauplätzen Palästina gehört hat, war die Produktion in vielen Dingen zurückgeblieben, während andererseits Hilfsaktionen viel Geld ins Land brachten. Infolgedessen waren Waren- und Materialpreiise sowie Arbeitslöhne sehr hoch gestiegen. Zum Aufessen von Geld — besonders schlechter Valuta — ist daher Palästina gegenwärtig wohl das am schlechtesten geeignete Land. Umso besser sind die Chancen für eine arbeitsame Einwanderung und für in Unternehmungen angelegte Kapitalien. In erster Reihe stehen hier Hausbau, Vorbereitung von Heimstätten u. dgl. Besonders große Chancen bietet auch die Aufforstung, sowohl wegen des Holzmangels in Palästina und im ganzen Orient, als auch in Anbetracht der außerordentlichen Schnellwüchsigkeit von Bäumen in diesem Klima. Sehr hohe Gewinne sind in diesen Arbeitskomplexen erzielbar und zwar bei geeignetem System, ohne Ausbeutung der Einwanderung, sondern in einer durchaus kolonisationsfördernden Weise. Aber alle diese Tatsachen und Entwicklungen bilden doch erst die Voraussetzung und die Grundlage zu einer alles bisherige weit in den Schatten stellenden jüdischen Mitwirkung am Ausbau P a4 ä s t i n a s. Die jüdische Welt muß es verstehen, daß die Erklärungen der Mächte ihr die Verpflichtung auf erlegen, von allen diesen Privilegien Gebrauch zu machen. Die Rettung der Juden im Aufbau Palästinas ist die große Aufgabe, die der Judenheit der Gegenwart gestellt ist, und in der alle Schattierungen dieser vielgegliederten Gemeinschaft ihr größtes gemeinsames Arbeitsfeld finden. Die finanzielle Teilnahme an diesem Werke kann im Wege des Opfers geschehen, das man sich kn Interesse der großen Aufgabe auferlegt. Der Jüdische Nationalfonds hat sich in seinem zwanzigjährigen Bestehen zu einem immer stärkeren Instrument der jüdischen Palästina-Bestrebungen entwickelt; aber alles das sind doch erst Anfänge. Der neue „P a 1 ä s t i1 n a-G ründungsfonds (Keren H a j e s s o d)“ hat im ersten Jahre seiner Werbetätigkeit bereits den Beweis dafür erbracht, daß in ihm die größte materielle Aktion der -gesamten Judenheit verkörpert ist. Seine Organisation sieht die Sammlung von Geldern für nationale wie wirtschaftliche Zwecke und für diese letzteren eine entsprechende Verzinsung vor. Aber große Mittel lassen sich auch aut rein wirtschaftlicher Basis und mit der Sicherheit einer guten Rentabilität im Aufbau Palästinas anlegen. Diie dringendste Aufgabe, die vor uns liegt, besteht darin, raschestens eine so starke jüdische Einwanderung nach Palästina zu bringen, daß damit neben allem anderen die Lage im Osten wirksam entlastet, der Aufbau Palästinas beschleunigt und sobald als möglich die jüdische Majorität im Lande angesiedelt wird, die allein uns die Dauer und Weiterentwicklung des jüdischen Palästina gewährleistet. Nunmehr ist es Sache der gesamten Judenheit, von diesen Möglichkeiten den entsprechenden Gebrauch zu machen und in einer starken zusammengefaßten Tätigkeit für den Aufbau Palästinas die jüdische Frage für alle Zeiten zu lösen. („Wr. Mrgztg.“) Die Heldentaten des deutschen Selbstschutzes in Oberschlesien. Wie der deutsche Selbstschutz in Oberschlesien seine patriotische Aufgabe auffaßt, darüber gibt die letzte Nummer der „Breslauer jüdischen Volkszeitung“ Aufschluß, in welcher eine_ Reihe von Überfällen und Exzessen gegen Juden in Breslau und anderen ober schlesischen Orten berichtet wird, diie von den Mitgliedern des Selbstschutzes begangen wurden. Der roheste Fall ist folgender: Am 4. d. M. stieg in ein Abteil des Zuges, der von Breslau gegen die schweizerische Grenze abgeht, ein jüdisches Ehepaar ein, von welchem der Mann 75 Jahre, die Frau 73 Jahre alt ist. Ein Mitglied des deutschen Selbstschutzes bemerkte, daß die beiden alten Leute einsfiegen und rief den Schaffner, damit er die „verfluchten Juden“ auswaggoniere. Der Schaffner weigerte sich, dies zu tun. mit der Begründung, die beiden Leute hätten Fahrkarten, daher das Recht zur Benützung des Abteils. Darauf betrat der „Held“ das Abteil, versetzte dem alten Manne einen Stoß und rief: „Ihr verfluchten Juden dürft nicht mitfahren, ihr müßt hinaus!“ Der Alte mußte dem Recken weichen. Als die Frau bat, man möge doch ihren greisen Gatten im Koupe bleiben lassen, bekam sie von dem trefflichen Verteidiger deutscher Geinarke einen Stoß. Einige jüdische Passagiere protestierten gegen die rohe Behandlung der alten Leute, dafür wurden sie von dem erwähnten Rohling und anderen Mitgliedern des Selbstschutzes beschimpft und mit Prügeln bedroht, einer der Helden zog drohend sein Bajonett. So sehen die vaterländischen Tendenzen des deutschen Selbstschutzes aus. Aus der jüdischen Welt Jüdische Dramaturgenliga in New York. Alle jüdischen Theaterdirektionen in Europa werden auf diesem Wege aufmerksam gemacht, daß der Klub der jüdischen und hebräischen Schriftsteller, Wien IX, Hahngasse 28/15, die Vertretung der Jüdischen Dramaturgenliga in New York besitzt und fordert alle jüdischen Theaterleitungen auf, sich mit der genannten Organisation bezüglich der Tantiemen für die Stücke der in New York lebenden jüdischen Autoren sofort ins Einvernehmen zu setzen.