Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 30 (29.7.1921)
- Date
- 1921-07-29
- Page
- Seite 374 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Das Jüdische Echo Nr.30 Sinn haben — welche im Verein mit dem fast ausschließlich aus dem ostjüdischen arbeitenden Element bestehenden Verein „Freie jüdische Volksbühne“ die nötigen Mittel zur Verfügung stellten. Mit diesen Mittel wurde ein mehr als bescheidener Raum in der Leopoldstadt gemietet und sozusagen adoptiert, man schaffte die allernotwendigste Bühneneinrichtung an und im Dezember 1920 begann unter der Leitung von Isaak Deutsch und Egon Brecher das erste ständige literarischkünstlerisch jiddische Theater in Wien —• unter einem Glasdach, jawohl, unter einem Glasdach zu spielen. Die Eröffnungsvorstellung war das ausgezeichnete Schauspiel ,Jekel der Schmied“ von David P i n s k f, dem begabtesten Dramatiker der modernen Literatur in der Volkssprache. Isaak Deutsch, der Spielleiter dieser Aufführung, brachte auf einer Bühne von der Größe einer Schiffskabine, mit einem Schauspielermateria'l, das zum Teil vom jiddischen Singspiell herkam. also erst auf Darstellung moderner Dramatik abgerichtet werden mußte, zum andern Teil aus jungen kunstbegeisterten Menschen bestand, die nie auf einer Bühne gestanden hatten, eine Aufführung zustande. die auf den besten Bühnen mit der ältesten Theatertradition hätte Aufsehen erregen müssen. Sie erregte kein Aufsehen. Niemand wußte von dem Theaterchen, das irgendwo versteckt lag. Der Besuch war mehr als spärlich. Es fehlte bald an Geld, um die Gagen zu zahlen. Deutschi darbte sich den Bissen von Munde ab, um seinen Schauspielern ihre Hungerlöhne zu geben, aber er wurde nicht entmutigt. Es kamen die Aufführungen von besseren Gordinstücken, von S c h o 1 e m Alejchems „Zesejt un zesprejt“ (dessen köstlicher Dialog von diesem Ensemble meisterhaft hervorgesprudelt wird), von Schalom A s c h’s „Gott der Rache“ (wo Egon Brecher nach kurzem Studium zum ersten Male als Schauspieler jiddisch sprach und eine prachtvolle schauspielerische Leistung bot), von Perez Hirschbeins mystischstimmungsvollem Schicksalsdrama „Der Tkias-Kaf“ (Der Handschlag), dessen Stimmung von dem Ensemble meisterlich geformt wurde; und dann kam ein Gast in das Ensemble, namens B e n - Z w i, der von der russischen Bühne durch allerhand Schicksale in ein theaterloses Dasein nach Wien verschlagen worden war, hier eine Aufführung in dem Theater unterm Glasdach gesehen und beschlossen hatte, als Schauspieler am jiddischen Theater aufzutreten. Isaak Deutsch führte ihn in die Sprache ein und Ben-Zwi trat in einem Gordinstück zum ersten Male auf. Eine große darstellerische Begabung war gewonnen, deren außerordentliches Können, verbunden mit reinster Kunst, in jeder neuen Rolle deutlicher sichtbar wurde. Aber all dies ging sozusagen mit Ausschluß der Öffentlichkeit vor sich. In der jüdischen Presse Wiens, vor allem in der „Wiener Morgenzeitung“, wurde darauf hingtewiesen. welche /jüdischen Werte hier täglich vor unseren Augen entstehen, welche künstlerischen Leistungen Isaak Deutsch und Egon Brecher mit ihren Schauspielern vollbringen, wieviel Volkskraft und1 Volkswesenheit hier ihren Ausdruck findet. Der Zustrom des Publikums aber blieb aus. Nur wenige jüdische Menschen mit Kulturempfinden horchten auf und ka'men und sahen und wurden gefesselt von dem, was sie sahen. Und1 es sprach sich herum. Und hie und da drang etwas in die Wiener Presse, die widerwillig Raum gab, da sie, von Juden gemacht. alles, was jüdisch ist, nach! Möglichkeit zu vertuschen sucht (man kann nie wissen!). Aber, wie gesagt: es sprach sich herum; und bald konnte man in dem ’ Theaterchien unterm Glasdach Vorstellungen lauschen, die alles, was in der Kunstwelt Wiens Rang und Namen hat, besuchte, darunter Richard Beer Hoffmann, Schnitzler, Soltau, Auernheimer, Hofmannsthal; eines Tages sah sich Max Reinhardt das Theater unterm Glasdach an und bewunderte, wie alle übrigen, was hier geleistet wurde. Und je heißer es wurde, desto voller das Haus (wenn man den Namen „Haus“ hier anwenden kann). Die Anerkennung wurde immer lauter, schließlich so laut, daß die „öffentliche Meinung“, die jüdisch-schüchterne Presse, nicht umhin konnte... Es kam die Zeit der begeisterten Feuilletons über die „Freie jüdische Volksbühne“ (so heißt das Theater) mit Lob und Preis und „Wertungen“ und Vergleichen (von den Erlleuten bis zu den Moskauern hinkten sich alle Vergleiche durch). Inzwischen hatte sich der Kreis der am Bestände des Theaters Interessierten erweitert und man konnte darangehen, es finanziell sicherzustellen, und ihm die Möglichkeit einer Ausweitung seiner künstlerischen Ziele, vor allem ein würdiges Heim zu geben. Die Jüdische Künstlerbühne G. m. b. H.“ wurde durch die Initiative der alten und neuen Freunde des Theaters gegründet und ihr ist es gelungen, fütr die nächste Spielzeit bereits dem jiddischen Theater einen geeigneten Raum zu beschaffen, das Wiener „Intime Theater“, das nicht groß, aber getade dadurch für die Darbietungen der jiddischen Dramatik, welche zumeist intime Wirkung erfordern, geeignet ist. PORZELIiAN-NIEDERIiAClE MÜNCHEN THEATINERSTRASSE »3 gegenüber der Feldherrnhalle BRÖSSTK AUSWAHL IN «EBRAVCHSPORZELLAN TÄTLICHE LABERERBÄHZIINB