Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 30 (29.7.1921)
- Date
- 1921-07-29
- Page
- Seite 375 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103024-9144856--04228-9077053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 30 Das Jüdische Echo 375 Mit der finanziellen Rückendeckung der Gesellschaft honnte nun knapp vor Saisonschluß die „Freie jüdische Volksbühne“ es wagten, auf einer großen Bühne Wiens, im Josefstädter Theater, ein Gastspiel zu absolvieren. Ängstliche Gemüter warnten. Sie behielten Unrecht von Anfang bis zu Ende. In einer Woche wurden vier Stücke des Repertoirs im Josefstädter Theater zur Darstellung gebracht: Gordins „Der Fremde“, Asch’s „Gott der Rache“, Ossip Dymows „Schma Jisroel“, Perez Hirschbeins „Tkias-Kaf“. Der künstlerische Erfolg war geradezu sensationell. Die Zeitungen jubelten. Über die künstlerische Eigenart der ostjüdischen Dramatik, über die Wiedergabe durch die Schauspieler der „Freien jüdischen Volksbühne“, über das herrliche Zusammenspiel und die feinnuancierte Wiedergabe aller Stimmungen und Schwebungen, aller Töne und Halbtöne, und über die hier völlig neuerschlossenen kulturellen Werte. Und da Wien die Stadt der Schauspielerkultur ist (und sich in dieser Beziehung von anderen Städten vorteilhaft dadurch unterscheidet, daß es schauspielerische Höchstleistung mit einigem Geschmack zu werten versteht), so wurde Ben-Zwi bald der „Star“, das Ereignis, obwohl dieser neugezeichnete Künstler so gar nichts vom Star an sich hat. Und es gehört heute in Wien zum „guten Ton“, das jiddische Theater (das gegenwärtig in einem der größten Sprechtheater Wiens, dem Stadttheater, vor ausverkauften Häusern gastiert), gesehen zu haben. Ben Zwi’s „Fremden“ anzuschauen. Und über besagten Ben- Zwi kursieren schon allerhand Legenden, an denen kein Wort wahr ist: er sei nicht Jude, sondern Russe, komme vom kaiserlichen Theater in Petersburg, habe mit der Zarin ein Verhältnis gehabt und dergl. In Wirklichkeit ist Ben-Zwi ein jüdischer Arzt aus Petersburg, der zur Bühne ging, zuerst am Moskauer Künstlertheater, dann am kleinen Theater in Petersburg spielte und nach der Revolution auf allerhand Umwegen hieher verschlagen wurde. Über die Tagessensation und deren Tratsch hinaus aber hat dieser große Erfolg des jiddischen Theaters in Wien grundlegende Bedeutung. Denn das jiddische Theater in Wien hat nicht nur für seinen kulturellen Eigenwert und seine künstlerische Bedeutung die allgemeine Anerkennung gefunden. nicht bloß seinen Bestand gerechtfertigt und gesichert, sondern es hat in Wien, der Stadt, wo seit Jahr und Tag gegen die Ostjuden, gegen ostjüdisches Wesen gehetzt wird, der Sache des Ostjudentums einen wertvollen Dienst geleistet: es hat gezeigt, daß Ostjudentum ganz etwas anderes ist als nach d'er vielverbreiteten Meinung seelenloses Schiebertum, und es hat Wien vor Augen geführt, daß jüdisches Wesen Werte in sich birgt, die eine kulturelle Bereicherung der Menschheit bilden. All dies wurde in der Presse —■ auch in der antisemitischen Presse — anerkannt. Über das Gastspiel des jiddischen Theaters im Theater in dier Josefstadt haben sämtliche Blätter Wiens (eine einzige deutschnationale Stinneszeitung ausgenommen) geschrieben. Und nirgends war ein Wort des Hohnes oder der Verachtung zu hören. Das christlich^soziale Hauptorgan „Die Reichspost“, in dem stark christlichsozialen Wien und Österreich für die Meinungsbildung der Bevölkerung maßgeblich, schreibt gerade in diesem prinzipiellen Sinne: „Das erscheint uns klar, daß wir Christen keine Ursache haben, diese .... Bühne mit spöttischen oder scheelen Augen ahzusehen. Das Unternehmen ist offenkundig von dem nationalen Volksbewußtsein der ehrlichsten jüdischen Schichte hervorgetrieben worden.“ Und dieser Ton der Achtung vor seinem Wesen, das aus Eigenem schöpfend der Welt Wertvolles zu erschließen imstande ist. ist in allen Stimmen über das jüdische Theater in Wien zu hören, ob es sich nun um die antisemitischen, sozialdemokratischen oder linksradikalen Blätter handelt. Und es ist bezeichnend: Bei den Aufführungen, die auch viel, von christlichem Publikum besucht werden, und in den Kritiken der Presse ist nie ein Lächeln oder Spotten über die Sprache zu hören. Sie wird als der volkswesenha'fte Bestandteil gewertet, der sie ist. So zeigt sich, wie überall, auch) hier, daß. offene jüdische Eigenart geschätzt und geachtet wird und daß nur ihr Bekennen, nie das Verstecken dem Haß und der Hetze Abbruch tun kann. Damit hat auch das jiddische Theater dem Judentum und seiner Leitung genützt. Das jiddische Theater in Wien hat es in dem ha'lben Jahre seines Bestandes vermocht, Wien aufmerksam zu machen auf jüdisches Wesen. Das jüdische Wien und das nichtjüdische. Denn es ist Ausdruck lebendigen Volkstums. Und schreitet mit ihm zu einer kräftigen Vollendung. Es erobert sich seinen Platz, da jüdisches, bewußtes Volkswesen sich Geltung schaffen muß. Und so geht diese lehrreiche und interessante Kulturangelegenheit über das Spezielle hinaus und wird zu einem Wertfaktor, der dartut. wie wir stark sind, wenn wir jüdisch sind. Lehrreich und interessant, nicht? Aktuelles von Theodor Herzl. Am 26. Juli war der Todestag Theodor Herzls. Nahezu zwei Jahrzehnt sind seit seinem Tode verflossen. Man staunt aber über die Aktuellität seiner Gedanken, wenn man die von Felix A. T e i 1 h a b e r in einem Buch „H e er z 1 - W o r t e“*) zusammengestellten markantesten Aussprüche Herzls durchliest. Wir empfehlen jedem Zionisten und Nichtzionisten diie eifrige Lektüre dieses Buches, das schlechthin Ewigkeitswahrheiten über die Judenfrage enthält. * Der Judenstaat ist ein Weltbedürfnis, folglich wird er entstehen. (Der Judenstaat.) * Man findet jüdisches Geld in schweren Massen für eine chinesische Anleihe, für Negerbahnen in Afrika, für die abenteuerlichsten Unternehmungen — und für das tiefste, unmittelbarste, quälendste Bedürfnis der Juden selbst^,fände man keines? (Der Judenstaat.) * Diesen Juden müßte man eine Beschäftigung im Freien geben. Nun ist kein Mensch reich genug, um den Transport der Massen herbeizuführen. Das kann nur erfolgen, wenn man den Gedanken in die Massen hineinlegt wenn man den Mann dazu anregt, sich selbst zu helfen. Das ist ungefähr so, wenn Sie einen Elefanten aufheben wollten, um ihn an einen anderen Ort zu bringen; da brauchte man einen furchtbar großen Apparat dazu — die Elefantenjäger aber kitzeln ihn mit einem Stachel und lenken ihn dorthin, wo sie ihn haben wollen. Dieser Stachel, mit dem wir die Massen nach einem besseren Punkte bringen wollen, ist die nationale Idee. (Rede in Wien.) * •) Berlin, Weltverlag, Preis 14.—; zu haben in München in der Ewer-Buchhandlung. Wagmüllerstr. 19.