Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 30 (29.7.1921)
- Date
- 1921-07-29
- Page
- Seite 373 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 Das Jüdische Echo 373 1. München bildet einen Stimmbezirk. _ 2. Die Wahl ist geheim, jeder Wähler muß persönlich im Wahllokal erscheinen. Er übergibt dem Wahlvorstand seine Schekelquittung, die er abgestempelt wieder zurückempfängt. Er erhält darauf vom Wahlvorstand einen Stimmzettel, den er persönlich in die Urne legt. Auf dem Stimmzettel ist die Nummer des Wahlvorschlages sowie mindestens der Name des an erster Stelle stehenden Bewerbers zu vermerken. Wähler, die den Schekel entrichtet haben, jedoch nicht mehr im Besitze einer Schekelquittung sind, müssen sich über ihre Person ausweisen, und erhalten, falls sich ihre Schekelzahlung aus deir Wählerliste erweist, die Wahlberechtigung. 3. Gesinnungsgenossen, die nicht im Besitze einer Schekelquittung sind und sich im Zweifel über ihr Wahlrecht befinden, können im Zionistischen Büro, Wagmüllenstr. 19, während der Wahlzeit Auskunft erhalten, ob sie in der Wählerliste stehen. 4. Alle Schekalim, die bis zum 7. August gezahlt sind, berechtigen zur Ausübung der Wahl. Der Schekel kann an den Wahivorstand entrichtet werden. 5. Schekelzahler, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, besitzen keine Wahlberechtigung. 6. Die Wahl findet vom 1.—5. August im Zionistischen Büro, WagmüllerStr. 19, und zu folgenden Zeiten statt: Montags und Mittwochs von 10 bis 12 Uhr und 3—5 Uhr, Dienstags und1 Donnerstags Abend von 7—9 Uhr. Persönliche Wahlaufforderungen ergehen nicht. Der Wahlausschuß der Zion. Ortsgruppe München i. A.: Etienne Basch Jüdisches Theater in Wien. Von Siegfried Schmitz, Wien. Nahe am Saisonschluß gab es in der Wiener Theaterwelt eine Sensation, die noch stärker war als das Gastspiel des Moskauer Künstleirtheaters, welches vor einigen Monaten die Wiener in entzückte Erregung versetzt hatte. Die neue Sensation heißt: „Freie jüdische Volksbühne“. Das ist ein jiddisches Theater, welches seit wenig mehr als einem halben Jahr in Wien besteht und in diesem kurzen Zeitraum zu einer Kulturangelegenheit geworden ist. Wie das kam, ist lehrreich und nicht uninteressant und möge daher erzählt werden: Wien, der Kreuzungs- und Ubergangspunkt zwischen dem jüdischen Osten und Westen, besitzt Theater in der jüdischen Volkssprache, die hier — mit dem Rechte, das die Verderbtheit von Übergangsmenschen oder Preßwanzen sich anmaßt — Jargon genannt wird, seit mehr als dreißig Jahren, also beinahe solange als das jiddische Theater (bekanntlich 1877 von Goldfaden begründet) überhaupt besteht. Aber während das jiddische Theater im Osten und in Amerika sich in modernem jüdisch-kulturellem Sinne entwickelt hat. blieb das Wiener jiddische Theater bis heute auf der Entwicklungsstufe des volkstümlichen, oft zum Schund verpöbelten Singspiels der Goldfaden, Lateiner, Horowitz usw. stehen, kam höchstens zu den rührenden Familienbildern G o r - dins. Dieses Theater fristet als „Jüdische Bühne“ seit Jahren in einem Rauch-Lokal im Judenviertel Wiens, der Leopoldstadt, sein Dasein. Sein Publikum bildete das noch nicht ganz vom Übergang erfaßte jüdische Element Wiens, das in der Zeit des alten österreichischen Großsta'ates in nicht allzustarkem, aber stetigem Zustrom aus dem Osten (Galizien, Rußland) hierherfloß. Da jeder Übergang aber auch Entartung mit sich bringt, so entartete auch das schwache jüdisch-kulturelle Bedürfnis in einigen dieser Übergangsschichten zum Bedürfnis nach dem Belachen einer eben erst abgestreiften Kulturhülle. So entstand die Jargonistenbühne in Wien, die sich allmählich zur Wiener Spezialität herausbildete. Eisenbach (übrigens ein genialer Darsteller), Rott, Taussig und wie sie alle heißen, wurden die Vertreter dieser Gattung, die in der vergröbernden und verzotenden, mit dem in Wien herrschenden widerlichen deutsch-jüdischen Jargon versetzten Selbstverspottung des jüdischen Wesens so recht das Übergangsjudentum Wiens und sein kulturelles Niveau charakterisiert Hier kommt noch der Einfluß des ungarischen Judentums hinzu (bezeichnend ist daß die bedeutendste Jargonpossenbühne Wiens „Buda*pester Orpheum“ hieß), also der Einfluß des entartetsten, verderbtesten Zweiges der gesamten Judenheit. Aber der jüdische Charakter Wiens wurde in den letzten Jahren bestimmter. Es kam durch den Krieg eine zu große Welle von Ostjuden nach Wien, als daß sie in dem Räderwerk des Überganges haltlos und) spurlos hätte verschwinden können. Indes war auch in Wien selbst eine bewußt jüdische Intelligenz aufgewachsen, welche die jüdischen Kulturwerte in sich aufzunehmen geeignet und bereit war. So wurde auch da*s jüdische Theater in seiner alten Wiener Form bald als nicht entsprechend und in seiner speziellen Entartung zur Jargonpossenbühne als schmachvoll empfunden. Schon vor einem Jahrzehnt versuchten einige junge jüdische Menschen, voran der verstorbene Dichter Hugo Zuckermann. Wien modernes jiddisches Theater zu zeigen. Ohne Erfolg. Erst als der Krieg die große Ostjudenwelle nach Wien brachte, konnten die Bemühungen des für diesen kulturellen Zweck begründeten Vereines „Freie jüdische Volksbühne“ da*s ostjüdische Theater wenigstens zu einem Samstagnachmittagsvergnügen machen. Es kamen mit Mitgliedern der erwähnten „Jüdischen Bühne“ einige wertvolle Aufführungen von modernen jüdischen Theaterstücken in der Ursprache zustande, überdies durch den Schauspieler %und Regisseur Egon Brecher, der schon mit Zuckermann bei der ersten Bestrebung mit Eifer dabei gewesen war, einige interessante Darstellungen von Werken der ostjüdischen dramatischen Literatur in deutscher Übertragung. Egon Brecher aber wollte mehr, er wollte eine gute, künstlerisch wertvolle ständige jüdische Bühne in Wien, der größten Judengemeinde des europäischen Kontinents schaffen. Und in dieser Beziehung begegnete er sich mit Isaak Deutsch, einem Mitglied des erwähnten jiddischen Singspieltheaters in der Leopoldstadt, der mit hingebungsvoller Energie diesen Plan zur Verwirklichung zu bringen bemüht war, ein Ensemble zusammenstellte, es für moderne jüdische Darstellungskunst schulte, bei den Samstagaufführungen der Volksbühne die Regie führte und immer und überall darauf hinwies, welchen Wert ein gutes jüdisches Theater in Wien hätte. Der Boden war vorbereitet. Das Wiener Publikum begann Interesse für jiddisches Theater zu zeigen. Es fehlte nur an Geld, wie stets. Und da waren es wieder, wie so oft, einige Ostjuden, — und das muß und wird immer wieder hervorgehoben werden, weil es zeigt, daß sie und nur sie, die als Schädlinge und unkultivierte Parasiten galten, für einen wahrhaft kulturellen jüdischen Wert