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Das jüdische Echo · 1921-07-08 · 27 (8.7.1921) · p. Seite 335

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
27 (8.7.1921)
Date
1921-07-08
Page
Seite 335 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 Das Jüdische Echo 335 weisend, daß noch immer in Ländern lebendiger Moralität der Schriftsteller das Gewissen und der gute Geist des Volkes ist, das sich adelt und schmückt, reinigt und erhöht, indem es ihn hervorbringt. walten läßt, ihm folgt. Als 1920 die deutsche Reaktion gipfelt, schreit selbstverständlich in dem besiegten Lande ein überaus gründlicher Antisemitismus laut auf: „Die Juden sind schuld an der Niederlage“ —. das hätte, von den Schuldträgern gerufen, noch nicht allzu gefährlich gelautet; es wäre in seiner „Haltetden-Dieb“-Absurdität ersoffen; aber dazu noch schuld am Ausbruch des Krieges, an Deutschlands Ächtung durch die empörten Völker, am Friedens- Vertrag und selbstverständlich an der „Revolution“ und ihren Folgen: der Wirtschafts-Erschöpfung eines ausgehungerten und ausgepumpten Volkes mit allen ihren Folgen — sähen wir nicht den allzu durchsichtigen Mechanismus des Systems arbeiten und seine hetzende Gefährlichkeit für jüdisches Leben — wir könnten lachen über diesen Grad von Überschätzung . . . Und wie fällt er aus, dieser Versuch, nach russischem Vorbild den Zorn des Volkes auf den Prügelknaben der Jahrhunderte zu lenken? Seine Urheber und Regisseure können viel Freude daran haben. Es gelang ihnen, das deutsche Kleinbürger- und Bürgertum gründlich zu vergiften, die Militärbehörden und ausführenden Organe (Offiziere selbstverständlich und die Mannschaften), die Kommunalbeihörden in vielen Orten und eine ganze Einzelstaatsregierung intensiv antijüdisch zu färben: zum Teil, weil die deutschen Intellektuellen, das Gewissen der Nation, dazu schwiegen. Es wäre sehr wenig, wenn sie nur dazu schwiegen. „Nur“: dabei ist vor allem die Auslieferung der Universität an die Reaktion mitverstanden. Was in den nächsten Jahrzehnten in dem bürgerlichen Deutschland Amt und Würden erstudiert hat, wird das schön umgetünchte Bildnis der monarchistischen Zeit im Busen und das Hakenkreuz auf der Krawatte tragen; die Schule wird, das Gericht und selbst das Krankenhaus und die Kirche werden sich in Orte verwandeln, wo Parteienkämpfe und -unterschiede, nicht aber Sachzusammenhänge den genius loci atmosphärisieren und in einer Stickluft allgemeinen Darbens wird eine grenzenlose Gehässigkeit das Miasma des täglichen Lebens sein — kann es da, von deutschem Standpunkt, auf einen Schuß Antisemitismus mehr oder weniger sehr ankommen? Ob aus diesem Grunde oder einem anderen: das Schweigen ist tief und völlig; und fast nur mit Ausnahme des prachtvoll tapferen Heinrich Mann, der, allerdings über Antismitismus schweigend, der noch heute unvermindert mächtigen Reaktion, den Militärs und schweren Herren, sein Buch „Macht und Mensch“ mit einem Schrei: „Der deutschen Republik!“ a*n die Zähne warf, ist unter bürgerlichen (nichtsozialistischen) Nichtjuden eine schöne Einmütigkeit der Reserve und unter nicht-zionistischen Juden eine ebensolche der Scham und stillen Wut zu spüren, die nur Alfred Kerr durch seine „Jerusalem“-fanfare unterbrach und in die die Zeitschriften Hardens, Jacobsohns und von Karl Kraus ihre leidenschaftlichen Kämpfe trugen, von der „Welt am Montag“ und „Berliner Volkszeitung“ redlich sekundiert und sebstverständlich von der radikalsozia'listischen Presse. Aber das sind schließlich Politiker und Zeitungen mitten im Kampfe; wer dagegen stumm, ja im eigentlichen Sinne abwesend blieb, waren die Dichter, Literaten, Gelehrten, die Geistlichen und Geistigen, Deutschlands einzige Macht, die Hüter des erkenntnistragenden Wortes. Hat ihnen der Krieg, in dem sie so eifrig ihr armes, auf eingeflüsterte und eingeschnauzte Lügen gebautes Wort riefen, die Sprache verschlagen? Schweigen sie zu Deutschlands unerhörtem Sinken unter die je für möglich gehaltene Mindestmoral öffentlichen Anstandes aus Gram, Verzweiflung, Erschütterung? Mißtrauen sie ihren inneren Diktaten und jedem Ja und Nein, nachdem ihre Kriegsbejahungen sie so tief in die Irre geführt hatten? Ich weiß, wieviel tiefe Redlichkeit, wieviel Gewissenhaftigkeit und Qualum das Eine, das nottut, heute in Deutschland am Werke ist, in einzelnen, den Besten. Ja, ich hätte all das lieber in der deutsch-nationalen Zeitschrift Gregor Huchs veröffentlicht, die er „Der Deutsche“ nannte, wenn sie nach vier Heften nicht hätte aufhören müssen, zum deutschen Gefühl für Recht und Unrecht zu reden. „Wagner kondeszendiert zu allem, was ich verachte, selbst zum Antisemitismus“: in diesem Worte Nietzsches liegt die noch heute gültige Verknüpfung, die den Antisemitismus auch den Nichtjuden wichtig machen muß, den Gründe allgemeiner menschlicher Art nicht in Bewegung setzen können. Es ist nicht jedes Deutschen Sache, sich um die politische Wahrheit um ihrer selbst willen zu regen, zumal wenn die Verleumdeten nur Juden sind, schon weil es leider nicht jedes Menschen Sache ist, sich für sie zu regen; und auch Gerechtigkeit, öffentlicher Anstand, Menschlichkeit und Sachlichkeit sind im Deutschen gar sehr Abstrakta; man macht sich um ihretwillen nur im äußersten Falle unbeliebt — heute, nach einem Jahrhundert der Anbetung von Macht und Erfolg. Als nämlich 1807 eine ganz ähnliche Katastrophe über Preußen entschieden hatte, schwieg niemand, der einen Geist über seiner Zunge herrschen hatte: aber freilich war ein Jahrhundert moralischer Erlebnisse und der Männlichkeit und Freiheit vorhiergegangen, das achtzehnte — und Preußens Männer hießen Scharnhorst, v. Stein und Wilhelm v. Humboldt. Aber was bei einem so heftig nationalisierten Volke, wie dem heutigen Deutschland, fast unbegreiflich ist: auch aus Gründen des Volkes und seiner Neugeburt macht niemand den Mund auf! Weiß man etwa nicht, daß der Antisemitismus nur das Ventil ist, die Stelle des schwächsten Widerstandes am Kessel, prüft niemand das Gemisch, das da ausströmt? „Alles, was ich verachte“ — alles, was der deutsche Geist um 1880 noch verächtlich nennen durfte! Nietzsche hat die „harte, ungewollte, unabweisliche Aufgabe, endlich aber die Größe ihrer Aufgabe . . ., das böse Gewissen ihrer Zeit zu sein“ den Philosophen Vorbehalten: „Indem sie gerade den Tugenden der Zeit das Messer vivisektorisch auf die Brust setzten, verrieten sie, was ihr eigenes Geheimnis war: um eine neue Größe des Menschen zu wissen, um einen neuen, ungegangenen Weg zu seiner Vergrößerung.“ (Jenseits, Aph. 212.) Der geistige Mensch, dem das Ausmaß und die rangver'leihende Verantwortlichkeit des Philosophen nicht eignet, muß wenigstens jener bescheidenen Aufgabe sich bewußt sein, die Laster und Irrtümer seiner Zeit zu dämpfen oder besser durch Aussprache und Gegenwort zur Abfuhr vorzubereiten. Dies ist seine politische Funktion; biologisch gesprochen, ist er die Haut des öffentlichen Wesens, welche den Körper durch Atmung reinigt. Heute treten alle Schmutzstoffe der Nation entweder in der Form des Antisemitismus oder mit ihm verquickt auf; eine Reaktion gegen ihn ist

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