Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 27 (8.7.1921)
- Date
- 1921-07-08
- Page
- Seite 334 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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334 Das Jüdische Echo Nr. 27 „Miesbacher Anzeiger“ zu erzeugen vermögen. Dies führt nun beileibe nicht etwa zu einer kräftigen Gegenaktion der Fortschrittsparteien und damit zu einer Auseinandersetzung über Antisemitismus überhaupt die so nötig wäre. Nichts weniger als dies. Die Fortschrittsparteien bleiben weiter in vornehmes Schweigen gehüllt und die antisemitische Gosse kann sich — zumal in Bayern — ungehindert auswirken. (Wir können keinen Unterschied darin sehen, ob wiir vom „Völkischen Beobachter“ oder vom „Nationalsozialist“ mit Schmutz beworfen werden.) Unter diesen Gesichtspunkten erscheint uns die Ministerschaft Rathenaus — den wir abgesehen davon viel lieber an jüdischen Aufgaben wirken sehen würden — durchaus unerwünscht und unerfreulich. Rathenau hat nicht das Recht, sich über die antisemitischen Angriffe hinwegzusetzen, unter denen die jüdische Allgemeinheit viel stärker leiden muß als er selbst. So lange der gegenwärtige schandbare Zustand der deutschen Innenpolitik andauert, so lange die Reaktion das ganze Judentum begeifert, wenn sich ein Jude in den Dienst der Allgemeinheit stellt und so lange die Fortschrittsparteien dazu still schweigen, kurz: So länge jüdische Politiker wissen müssen, daß sie mit ihrem Hervortreten nicht nur sich selbst — was jedermanns eigene Sache ist — sondern das Judentum schutzlos exponieren, so lange sollten sich Juden von Ämtern der deutschen Politik strikte fernhalten. Höre Israel! Kostproben aus dem Begrüßungsartikel für Rathenau in der „Deutschen Zeitung“. „Die amtliche Bekanntgabe der Ernennung Dr. Walter Rathenaus zum Wiederaufbauminister hat helle Freude in der gesamten jüdischen Linkspresse hervorgerufen. Dies ist auch durchaus verständlich. Eine seit Jahren gehegte Hoffnung der Juden ist endlich in Erfüllung gegangen, einer ihrer fähigsten Leute und zugleich ihr sicherer Vertrauensmann ist jetzt in eine Stellung gelangt, die ihm die Möglichkeit gibt, den Volksgenossen bisher ungeahnte Vorteile zu verschaffen. Wir stellen heute nur fest daß die Juden uns in der Zeit der größten Not und Bedrängnis mit Gewalt vier ihrer Rassengenossen als Minister aufgedrängt haben. .... die „asiatische Horde auf märkischem Sande“ hat in ihrem „alten ungesättigten Haß“ dem deutschen „Volk von Kriegern“ die „Krämer und Makler aus der Rosenthaler Straße“ zu Herren gesetzt. Der Bußprediger Herr Dr. Walter Rathenau macht dabei glänzend und „auffällig staffiert“ mit, und sein „Höre Israel!“ ist aus einem Warnruf zu trunkenem Jauchzen geworden. Die „Natur wird rebellisch“ bei unserem Anblick, meinte Dr. Rathenau im Jahre 1902. Daß die Deutschen auch einmal rebellisch werden könnten, scheint dem Dr. Rathenau im Jahre 1921 eine lächerliche Sorge zu sein, wiewohl „nur ein Zeitalter, das alle natürlichen Gewalten gefesselt hält, die Juden vor dem zu beschützen vermag, was ihre Väter erlitten haben“. Erachtet der Herr Dr. Rathenau die interna'tionab jüdischen Fesseln der Gegenwart für so unzerreißbar, daß sie selbst von Verzweifelten nicht gesprengt werden können?“ Die Äntisemitendebatte im Deutschen Reichstag. Die Äntisemitendebatte im Reichstag, bei der die Linke kaum würdiger auftrat als die Rechte, bot ein recht klägliches Schauspiel. Der erste Redner dieser Art war der bayerische Deutschnationale v. Braun, Präsident des Reichswirtschaftsamtes, der sich gegen Rathenau und Gradnauer als Vertreter des jüdischen Kapitals wandte. Ihm erwiderte der Reichskanzler, der das Pflichtgefühl der Angegriffenen hervorhob. Der sächsische Kriegshetzer v. Graefe redete dann über die Herrschaft des Judentums in der Regierung. Der Mehrheitssozia'iist Müller-Franken verlas als Antwort einen Brief einer deutschnationalen Vereinigung an jüdische Reichstagswähler mit der Bitte um Geld. Der Brief enthält die Versicherung, die deutschnationale Partei sei gar nicht antisemitisch. Wer diesen Brief kennt, sagte der Abgeordnete Müller, muß konstatieren, daß man auf dem ganzen Mühlendamm keinen so frechen Juden findet wie Herrn v. Graefe. Das Haus nahm diesen Vergleich zwischen den Trödlern, die auf dem Mühlendamm in Berlin ihre Geschäfte haben, und dem Führer der Antisemiten mit großer Heiterkeit auf. Dann aber richtete der Führer der Unabhängigen, der Abgeordnete Crispien. einige noch kräftigere Worte an die Adresse der Antisemiten. Er sagte: Der Abgeordnete Graefe hat es für ange^ bracht gehalten, eine wüste Judenhetze zu inszenieren. Ich erinnere zunächst an das bekannte Wort von Bebel, daß der Antisemitismus die Religion der Dummen ist. Die Hetze gegen die Juden, die vor allen Dingen von den Deutschnationalen betrieben wird, verrät eine niedrige Gesinnung und die Absicht, für die Taten ihrer Politik vor dem Volke die Verantwortung zu verschleiern. Herr Graefe meint, wenn man die Regierung betrachte, so sehe man dort den jüdischen Einschlag. Dagegen möchte ich sagen: Wenn ich die verschiedenen Exzellenzen im Reiche betrachte, dann frage ich mich, wie es möglich gewesen ist. daß ein Volk so viel Idiotismus so lange hat ertragen können. (Lebhafte Heiterkeit auf der Linken.) Deutsche Intellektuelle.*) Von Arnold Zweig. Als 1916 die russische Reaktion gipfelt, schreit selbstverständlich in dem besiegten Lande ein gründlicher Antisemitismus laut auf: „Die Juden sind schuld an der Niederlage“; dies kommt zu üblicherem (Bereicherung am Kriege usw.) hinzu, um nach dem alten Brauche den Zorn des Volkes auf den Prügelknaben der Jahrhunderte zu lenken. Aber es gelang diesmal nicht: zum Teil, weil die russischen Intellektuellen unter der Führung von Gorki, Ssollogub, Andrejew und anderen gegen ihn in einem Buche, das sie ehrt, protestieren, be- *) Aus einem größeren Aufsatz in den „Freien Zionistischen Blättern“. ode ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise W. Braun&Cie., Maachen Neuhauserstr. 151, gegen* Ober der alten Akademie