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Das jüdische Echo · 1921-07-08 · 27 (8.7.1921) · p. Seite 333

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
27 (8.7.1921)
Date
1921-07-08
Page
Seite 333 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 27 8. Juli 1921 8. Jahrgang Der Antisemitismus und die deutschen Parteien. Von Ernst Wolff. Der Antisemitismus ist die beherrsch ie n d1 e T a t s a c ihj e di e r deutschen Innenpolitik geworden, der Angelpunkt, um den sie sich zu drehen scheint. Von allen Reaktionären bedenken- und skrupellos als erfolgversprechendstes und bequemstes Mittel der Stimmungsmache und des Stimmenfangs benützt, von der bürgerlichen Linken mit schamhaftem Schweigen übergangen, von den sozialistischen Parteien gelegentlich schwächlich bekämpft. Wir Juden stehen nun einmal im Mittelpunkt des Parteienkampfes und da hilft es nichts, die Schmutzigkeiten der Judenhetze mit einer Handibewegung verächtlich abzutun oder getröstet von einer der bei a'l'llen WeJtkatastrophen Wiederkehr enden antisemitischen Wellen zu reden, die sich von selbst wieder verlaufen wird. — In einem anderen Zusammenhänge wird davon die Rede sein müssen, welche Lehre die Juden daraus ziehen müssen, daß Judenhetzen zur Begleiterscheinung der Weltkatastrophen zählen. — Dies aber sei hier betont: Unsere moralische Situation in Mitteleuropa, wo man hoffentlich mit Recht glaubt, daß die verbliebenen Reste staatlicher Ordnung den Ausbruch von Pogromen verhindern werden, ja daß die Judenhetzer selbst sich mit dem politischen Erfolg begnügen und ernstlich gar nicht an die Veranstaltung von Pogromen denken, ist um nichts besser, als im europäischen Osten. Die Antisemiten können auch mit ihrem Erfolg vollauf zufrieden sein. Ein so lohnendes Geschäft haben die deutschen Schwerindustriellen und Junker noch nie gemacht — abgesehen etwa vom Kriegsgeschäft dieser einzigen wirklich großen Kriegsgewinnler — als mit der gleich nach der Revolution einsetzenden Judenhetze. Wie geringfügig erscheinen die duich Zeitungskäufe und durch einen im allergrößten Umfang durchgeführten Hetzfeidzug aufgewendeten vielen, vielen Millionen gegenüber dem Erfolg. Ohne diese Judenhetze wäre es überhaupt nicht vorstellbar gewesen, daß dieselben Kreise, die Deutschland ins Unglück geführt haben, nach kurzer Zeit sich nicht nur wieder ans Licht wagen durften, sondern wieder so mächtig sind1, daß nur außenpolitische Faktoren sie an der Übernahme der Herrschaft verhindern. Die neu entstandene täglich deutlicher werdende Macht der Reaktion in Deutschland ist so gut wie ausschließlich durch die Judenhetze erzeugt worden. Nur mit diesem Mittel ist es den reaktionären Parteien gelungen, die deutsche öffentliche Meinung zu täuschen, Wahlgefolgschaften zu finden, die sie selbst überrascht haben dürften. Wie haben sich die anderen Parteien dazu verhalten? Sie haben die Situation offenbar völlig mißverstanden, wenn man aus ihrem Auftreten schließen kann, überhaupt nicht begriffen, daß das Hepp-Hepp-Geschrei ein Hauptkampfmittel um die politische Macht geworden ist und deshalb in seiner Wirkung die demokratischen Parteien mehr berührt, als die Juden selbst. Es war der größte, folgenschwerste Fehler der fortschrittlichen Parteien in den Kämpfen seit der Revolution, daß sie sich dem Antisemitismus gegenüber nahezu völlig passiv verhielten. Gelegentliche schüchterne Einwände gegen antisemitische Angriffe in Wahlversammlungen etwa mit der oftgehörten geistreichen Darlegung, daß es auch nichtjüdische Schieber gebe, können wohl nicht ernstlich gewertet werden. Im übrigen wurde alles aufs ängstlichste vermieden, was den Antisemiten nur den Vorwand für das „Schimpfwort“ Judenpartei oder Judenschutztruppe hätte geben können. Als ein beachtenswertes Beispiel aus dem letzten Reichstagswahlkampf sei ein demokratisches Piakat erwähnt, in dem den Deutschnationalen und der Deutschen Volkspartei ihre Juden und Judenstämmlinge vorgerechnet wurden. Es war geradezu ein Wettbewerb um die größere Virtuosität in der Handhabung antisemitischer Methoden. Von den Mehrheitssozialisten lernten wir einen Leitfaden für ihre Referenten kennen, der sich mit dem Antisemitismus bezw. mit der Judenfrage befaßte und sich mit den abgedroschensten Gemeinplätzen begnügte. Sonst blieb und bleibt die Judenfrage für die fortschrittlichen Parteien im großen und ganzen ein noli me tangere und die Reaktion erkämpft auf diesem Gebiete leichte Siege. Um der Reaktion gerecht zu werden, haben die Fortschrittsparteien gar keine andere Wahl, als den Kampfplatz zu betreten, den die Nationalisten gewählt haben, das heißt, auch ihrerseits den Antisemitismus in den Mittelpunkt der Erörterung zu stellen. Allerdings besteht da die große Gefahr, daß jüdische Parteimitglieder mit der Aufgabe betraut werden, zu der sie sich -—. die meist entjudet, wohl von keiner Sache weniger verstehen, als von der Judenfrage —- am allerwenigsten eignen. Besonders lehrreich ist es, wie die deutsche öffentliche Meinung auf die Ministerschaft Walter Rathenaus reagierte. Für die gesamte rechtsstehende Presse eine willkommene Gelegenheit zu einem Kesseltreiben übelster Art. das auch im Reichstag in den bekannten Anwürfen seinen Ausdruck fand und vom Reichskanzler ebenso schwächlich zurückgewiesen wurde, wie der Antisemitismus überhaupt behandelt wird. Es gab wohl niemand, der beim gegenwärtigen Niveau der deutschen Innenpolitik — die auswärtige ist entsprechend — etwas anderes erwartet hat. auch Rathenau selbst nicht. Wäre dieses ganze Treiben nur, oder in der Hauptsache gegen ihn selbst gerichtet, dann könnte man es seinem eigenen Geschmack überlassen, sich der antisemitischen Horde gegenüberzustellen, ja man könnte seine Selbstlosigkeit bewundern. In der Tat ist aber die jüdische Allgemeinheit bei den Erörterungen um Rathenau die Leidtragende. Über sie ergießt sich der ganze Schmutz, den die Antisemiten aller Schattierungen, von der Deutschen Tageszeitung bis zu dem bayerischen Amtsblatt

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