Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 26 (1.7.1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 323 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Das Jüdische Echo 323 begeisterung viel versprechen. Wir glauben aber, daß es immerhin von Wert gewesen wäre, hätte man bayerischen Juden in größerer Zahl Gelegenheit und Grund gegeben, an dieser ersten Zusammenkunft ihrer Vertreter teilzunehmen. Ich hätte gern Hunderte von Zuhörern den Verhandlungen mit jener festlichen Anteilnahme lauschen sehen, die dem Bewußtsein von der Bedeutung des Tages entspringt Ich höre geradezu die Eröffnungsrede, die nicht gehalten wurde, jene so überaus notwendige Rede, die den großen Aufgaben der jüdischen Gemeinschaft Bayerns gerecht wurde und über die kleinen Notwendigkeiten des Tages hinweg auf jene religiösen, kulturellen und sozialen Fragen einging, deren Lösung sich der Verband wird zuwenden müssen und an denen sich sein endgültiger Wert zu erweisen haben wird. Wie wertvoll wäre es gewesen, wenn die Parteiführer in Beantwortung dieser Ausführungen in fester Würde den programmatischen Standpunkt ihrer Fraktionen dargelegt und an den Forderungen des Tages und der Zukunft die Einsicht und Arbeitsfähigkeit ihrer Parteien bewiesen hätten. Eine so repräsentative Eröffnung der Tagung hätte Widerhall gefunden. Sie erst hätte die jüdische Allgemeinheit von der Bedeutung der Sitzung und der Wichtigkeit und Größe des Beratungsstoffes überzeugen können. Sie hätte erkennen lassen, daß man bei verschiedener Grundanschauung und Grundstimmung sich jüdischen Fragen von Bedeutung nicht verschließt, ob es sich nun um die würdige Vertretung der bayerischen Judenheit nach außen, ob es sich um soziale oder kulturelle Aufgaben oder ob es sich um organisatorische und finanzielle Ausgestaltung und Auswirkung des Verbandes selbst handelt. Man sage nicht, daß eine derartige Aussprache das Niveau der Tagung herabgedrückt, daß eine solche Debatte zu kleinlicher Polemik geführt hätte. Das Verantwortungsgefühl der Abgeordneten und nicht zum mindesten eine gebührende Vorbereitung aller beteiligten Faktoren hätte der Sitzung Würde und Bedeutung gewährleistet. Vor allen Dingen aber wäre ein für allemal die Gefahr der Bagatellisierung des Verbandes abgewendet und den Arbeitssitzungen der rechte Rahmen gegeben worden. — Freilich hätten auch diese einer anderen Vorbereitung bedurft, als das diesmal der Fall war. Die drei Hauptreferate über „Das religionsgesellschaftliche Steuergesetz“, „Die Lage der Lehrer und Kultusbeamten in den Gemeinden“, und über „Verfassungsänderungen“ mußten wenigstens 8 Tage vorher den Abgeordneten oder doch den Fraktionen im Druck zugestellt werden. Einer orientierten Tagung gegenüber hätten kurze Darlegungen der Referenten genügt. Dann erst hätte man die Möglichkeit gehabt, sachlich auf die Dinge einzugehen; die Tagung hätte ihren Einfluß nicht aus Mangel an Zeit und Kenntnissen in der Wahl von Ausschüssen zu erschöpfen brauchen, sondern fruchtbare Arbeit leisten und den Ausschüssen für ihre Arbeit Richtlinien vorzeichnen können. Dann auch wären nicht wichtigste Angelegenheiten, wie die Schaffung eines Verbandsorgans, von der unendlich viel für die Popularisierung und Auswirkung des Verbandes abhängt, aus Mangel an Zeit unter den Tisch gefallen, oder wie die Frage des Anschlusses des Landesverbandes an den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund mit geadezu beleidigender Eilfertigkeit und Teilnahmslosigkeit behandelt worden. Es wird keinen geben, den diese Sitzung der Tagung befriedigt hätte. Es wird keinen geben, der nicht einen Teil der Schuld an diesem Verlauf den vorbereitenden Organen des Verbandes und der Gastgeberin, der Gemeinde Nürnberg, der freilich nicht einen ebensogroßen Schuldanteil den Fraktionen der Tagung selbst und ihren Mitgliedern wird zumessen müssen. Es fehlte der Veranstaltung die Größe. Darüber half auch die gewiß berechtigte Hochachtung, die man einander immer wieder bekundete, nicht hinweg. Es fehlte der Schwung, der aus leidenschaflichem jüdischem Interesse geboren wird; es fehlte aber auch die Möglichkeit zu fruchtbarer Arbeit, die bei anderer Vorbereitung zweifellos hätte geleistet werden können. Die Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden war in dem Kampf um die jüdische Seele eine verlorene Schlacht, sie braucht kein verlorener Feldzug zu sein. Die Schaffung des Verbandes wird dann ein Werk von historbscher Größe gewesen sein, wenn er der große Anreger und Befruchter des jüdischen Lebens in Bayern wird, wenn aus ihm das bayerische Judentum zum Bewußtsein gemeinsamen Wollens gelangt. Vorher wird freilich jener Geist der Selbstbeschränkung überwunden werden müssen, der sich scheut, auf wichtigste jüdische Probleme einzugehen, weil der oder jener an ihrer Besprechung Anstoß nehmen, weil diese oder jene Zuständigkeit verletzt werden könnte, mag es sich dabei um Fragen der Erziehung und Ertüchtigung der heranwachsenden jüdischen Generation oder um die Einfügung der eingewanderten Ostjuden in die bayerische Judenheit, um die Anteilnahme der bayerischen Juden am Aufbau Palästinas oder an anderen Aufgaben der Gesamtjudenheit handeln. Vorher wird jene Ängstlichkeit verschwinden müssen, die sich auf dieser Tagung der Annahme einer scharfen Resolution gegen die unerträgliche Judenhetze der letzten Monate widersetzte. Vorher wird vor allen Dingen aber auch jener Überzeugungsmut und jene Verantwortungsfreudigkeit die Tagung beherrschen müssen, die sich nicht davor scheut, große Angelegenheiten tatsächlich zum Austrag zu bringen und die, wo es um wichtige Dinge geht, bereit ist, zu kämpfen, freilich aber auch bereit, sich überstimmen zu lassen, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen, die den Bestand des Ganzen gefährden. Dann wird der Verband bayerischer israelitischer Gemeinden trotz vielleicht heftiger Auseinandersetzungen innerlich stark und dauernd gesichert sein. Er wird nicht nur dem bayerischen Judentum seine kleinen Gemeinden erhalten und einen gut durchgebildeten Beamten- und Lehrerstand schaffen, er wird mit dazu beitragen können, jüdisches Bewußtsein zu stärken und jenes Gefühl jüdischer Würde zu verbreiten, das freilich nur geboren werden kann aus jüdischer Leistung. Colonel Wedgewood und Major Ormsby Gore zur Rede Churchills. Im Anschluß an die bereits veröffentlichte Erklärung Churchills über die englische Politik im Mittleren Osten hielt der bekannte radikale Abgeordnete und Vertreter der Arbeiterpartei Colonel Wedgewood eine ausführliche Rede, in der er den Zionismus verteidigte. Es entspreche nicht den Tatsachen, wenn behauptet wird, daß die starke Garnison in Palästina nur mit Rücksicht auf den Zionismus not-