Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 25 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- Seite 313 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Das Jüdische Echo 313 fl t den, das auf meine jüdische Empfindung gewirkt und sie belebt hätte. Das änderte sich, sobald ich meinen Wohnsitz nach Berlin verlegte. Dort sah ich die Not vieler junger Juden. Ich sah, wie ihnen durch ihre antisemitische Umgebung unmöglich gemacht wurde, zu einem geordneten Studium zu gelangen und sich zu einer gesicherten Existenz durchzuringen. Insbesondere gilt das von den Ostjuden, die unaufhörlich Schikanen ausgesetzt sind. Ich glaube nicht daß ihre Zahl in Deutschland eine große ist. Nur in Berlin gibt es vielleicht eine größere Anzahl. Dennoch ist ihre Anwesenheit zu einer Frage geworden, welche die deutsche Öffentlichkeit in wachsendem Grade beschäftigt. In Versammlungen, Konferenzen, Zeittungen drängt man auf ihre rasche Entfernung oder Internierung. Man gebraucht die Wohnungsknappheit und die wirtschaftliche Depression als Argumente zur Begründung dieser harten Forderungen. Man übertreibt diese Tatsachen geflissentlich, um die öffentliche Meinung gegen die ostjüdischen Einwanderer zu stimmen. Man macht die Ostjudien zum Sündenbock für alle Gebrechen des heutigen deutschen wirtschaftlichen Lebens und für alle Nachwehen des Krieges verantwortlich. Die Stellungnahme gegen diese unglücklichen Flüchtlinge, die sich aus der Hölle, die Osteuropa heute bedeutet, gerettet haben, ist zu einem wirksamen politischen Kampfmittel geworden, das von allen Demagogen erfolgreich angewendet wird. Ich habe, als die Austreibung der Ostjuden von der Regierung erwogen wurde, eine Lanze für sie gebrochen und im „Berliner Tageblatt“ auf die Unmenschlichkeit und Unvernunft dieser Maßregel hingewiesen. Zusammen mit einigen Kollegen, Juden und Nichtjuden, veranstaltete ich Universitätskurse für Ostjuden, und ich möchte hinzufügen, daß wir in dieser Tätigkeit die offizielle Anerkennung und volle Unterstützung seitens des Unterrichtsministeriums genossen. Diese und ähnliche Erlebnisse haben in mir das jüdische nationale Gefühl geweckt. Ich bin in diesem Sinne nationaler Jude, daß ich die Erhaltung der jüdischen oder irgendwelcher Nationalität als Selbstzweck fordere. Ich betrachte die jüdische Nationalität als eine Tatsache und bin der Meinung, daß jeder Jude aus dieser Tatsache die Konsequenzen ziehen muß. Ich erachte die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins auch im Interesse eines natürlichen Zusammenlebens mit den Nichtjuden gelegen. Das war das Hauptmotiv meines Anschlusses an die zionistische Bewegung. Für mich ist der Zionismus nicht etwa bloß eine auf Palästina gerichtete kolonisatorische Bewegung. Die jüdische Nation ist eine lebendige Tatsache in Palästina sowohl wie in der Diaspora und der jüdische Nationalismus muß in Palästina sowohl wie in allen gegenwärtigen Wohnländern zur Entfaltung gebracht werden. Seine Nationalität in der Diaspora zu verleugnen oder nicht zu betätigen, ist eine schlechte und halbe Sache. Wenn man auf dem Standpunkt steht, seinen Nationalismus nur auf Palästina zu beschränken, dann verneint man die Tatsache der Existenz des jüdischen Volkes und in diesem Falle sollte man den Mut haben, alle Konsequenzen aus dieser Anschauung zu ziehen, und die schnellste und vollkommenste Vermischung anstreben und durchführen. Wir leben in einer Zeit der Übertreibung des Nationalismus. Mein Zionismus schließt nicht kosmopolitische Anschauungen aus. Ich gehe von der Realität der jüdischen Nationalität aus und glaube, daß jeder Jude Pflichten gegenüber seinen Mitjuden hat. Die Bedeutung des Zionismus ist übrigens vielfacher Art. Er eröffnet heute vielen Juden, die in der ukrainischen Hölle schmachten oder in Polen ökonomisch verkommen, Aussichten auf eine menschenwürdigere Existenz. Durch die Zurückführung der Juden nach Palästina und ihre Rückkehr zu einem gesunden, normalen Wirtschaftsleben bedeutet der Zionismus eine produktive Tätigkeit, welche die menschliche Gesellschaft bereichert. Aber die Hauptsache ist, daß der Zionismus die für die Existenz der Juden in der Diaspora notwendige Würde und ihr Selbstgefühl stärkt. Ich habe die würdelose Anpassungssucht vieler meiner Standesgenossen immer als sehr abstoßend empfundea Durch die Gründung eines freien jüdischen Gemeinwesens in Palästina wird das jüdische Volk wieder in die Lage kommen, seine schöpferischen Fähigkeiten zu ungehinderter und voller Entfaltung zu bringen. Durch die Errichtung der hebräischen Universität und ähnlicher Institute wird das jüdische Volk nicht bloß seine eigene nationale Renaissance herbeiführen, sondern Moral, Kultur und Wissenschaft bereichern und wie vor Jahrtausenden in neue, bessere Bahnen lenken. („Wiener Morgenzeitung“.) Aus der jüdischen Welt Palästina Palästinensische Industrie. In dem Jüdischen Volksblatt (Novisad, Jugoslawien), heißt es in einem Reisebericht von Balins Kovacs: Die Industrie war bisher in Palästina eine sehr geringe und der Bedarf wurde größtenteils vom Auslande gedeckt. Die Araber kochten Hausseife, aber die besseren Sorten mußten eingeführt werden. Tonwaren werden in Hebron und Jerusalem erzeugt, aber größtenteils aus Damaskus eingeführt. Handwerke gibt es da: Schuster, Schneider. Tischler, Blechner, Besenbinder, Korbflechter. Bisher gab es keine Fabriken, da der Konsum ein sehr geringer war. Im, Lande wohnen zirka 600 000 Araber, die sehr schwache Konsumenten sind. Und auch die Juden waren bisher arm und konnten nicht viel konsumieren. Jetzt ist die Lage eine ganz andere. Der hohe Einfuhrzoll begünstigt die heimische Produktion, nur ist die Beschaffung von Brennmaterialien noch schwierig. Wenn aber die Ruthenbergschen Elektrizitätswerke fertig sein werden, dann wird die Lage leichter sein. Es werden dort außer den Ruthenbergschen Werken die Wasserfälle reichlich ausgenützt, so bei Tel Awiw, wo eine Ziegelfabrik ist, die 50 000 Ziegel täglich erzeugt. Dieselbe Gesellschaft baut in Jaffa eine Zementfabrik. In Jaffa besteht eine Lodzer Textilfabrik mit 100 To. Maschinen, ferner eine Warschauer Möbelfabrik, eine Rigaer Konserven- und Schokoladefabrik, alles fachmännisch und erstklassig eingerichtet. Alle diese Unternehmungen werden riesige Geschäfte machen. Eine große Zigarettenfabrik bauen amerikanische Juden. Große Zukunft hätte eine Spiritus-, Hefe-, Essig-, Liqueur-, Schuhpasta-Fabrik, Hotel. Kaffeehaus. Badeanstalt und Lederfabrik, Toiletteseife, Ölraffinerien hätten dort große Zukunft. Man könnte den Asphalt des Toten Meeres, außerdem den Jod- und Bromgehalt desselben verwenden. Tinte und Farbwaren, Knopffabrik könnte sehr gut gedeihen. Brunnenbohrungen sind jetzt im Beginn, und auch hier wäre noch vieles zu schaffen.