Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 24 (17.6.1921)
- Date
- 1921-06-17
- Page
- Seite 298 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Das Jüdische Echo Nr. 24 Dinge immerhin verständlich machen. Um sich auf der deutschen Seite beliebt zu machen, haben die Naumannianer nach bewährter alter Methode damit begonnen, alle übrigen Juden als minderwertige Deutsche zu denunzieren. Der Zentralverein — man denke — ist für sie die große unerquickliche Masse der „Zwischenschichtler“, die nicht zwischen Deutschtum und Judentum scheiden wollen, und die Zionisten gar sind so schlechte Deutsche, daß Herr Naumann fordert, es müßten ihnen die Staatsbürgerrechte aberkannt werden. Daß der Rechtsanwalt Naumann dabei über die einfachsten Voraussetzungen des modernen Staates im Unklaren ist, scheint nur ihm selbst unklar zu sein. Seit wann verlangt der moderne Staat einheitliches Bekenntnis aller seiner Bürger zu einer einzigen Nation? Gewiß herrscht in der jüngsten Staatsauffassung die Tendenz vor, daß die Grenzen von Nation und Staat möglichst zusammenfallen sollen. Jedes Kind weiß, daß dies nicht immer möglich ist, und daß historische, wirtschaftliche und andere Faktoren überaus häufig Vermischungen notwendig machen. Hat nicht Deutschland den Polen Oberschlesiens ungestörtes nationales Eigenleben versprochen? Die Naumannsche Formel ist wenig geeignet, die oberschlesischen Polen und ähnliche Bevölkerungsbestandteile in ihrer Zuneigung zu Deutschland zu bestärken. Naumanns Formel ist plattester, geistlosester Nationalismus, der von deutscher Seite mit Recht in anderen Ländern verurteilt wird. Sicherlich wird Herr Naumann der erste sein, der seine Unterschrift zu Protesten gegen staatsbürgerliche Vergewaltigung der Deutschen in Elsaß-Lothringen, Eupen-Malmedy, Nordschleswig, Posen-Pomerellen, Deutsch-Böhmen, Südkärnten und Südtirol gibt. Wie kann er es da wagen, für Deutschland selbst andere Formeln aufzustellen? Ein solcher Mann diskreditiert das wohlverstandene deutsche Nationalinteresse und sollte daher von allen politisch denkenden Deutschen abgeschüttelt werden, da er mit seinen Formeln' die in anderen Ländern wohnenden Deutschen den dortigen Nationalisten ausliefert. Das ganze hilflose und dabei einer wahrhaft konsequenten deutschen Politik entgegenstehende Gebaren Naumanns zeigt sich vor allem in seiner Stellung zur Ostjudenfrage. Obwohl seines jüdischen Stammes bewußt, will der Naumannsche Jude nationaldeutscher Prägung zu dem Ostjuden kein anderes Verhältnis einnehmen, wie etwa zu den Chinesen. Schüchtern klingt aus dieser Wendung das Geständnis, daß ihm in Wahrheit das Phänomen des Ostjudentums noch viel unsympatischer und widerwärtiger ist als das Chinesentum, das ihn zum mindesten kalt lassen wird. Hätte Naumann ein gesundes Empfinden, wäre sein ganzes Denken und Trachten nicht darauf gerichtet, sich bei den Rechtsparteien beliebt zu machen; hätte er wirklich eine innere deutschnationale Stellungnahme, so müßte sein Gedankengang etwa folgender sein: Die Ostjudenfrage ist und bleibt für Deutschland ein Problem. Dem Deutschen nichtjüdischen Stammes ist es unendlich schwer, dieses Problem zu erfassen und die richtigen Wege zu finden. Infolgedessen ist es eine besondere Aufgabe der Deutschen jüdischen Stammes, in dieses Problem einzudringen und diejenigen Lösungsmöglicheiten zu finden, die auch für Deutschland die besten sind. Er müßte alsdann das große jüdische Wanderungsproblem studieren, müßte sich für eine Festigung der jüdischen Stellung in den osteuropäischen Staaten einsetzen und müßte das Palästinaproblem als eine der Lösungsmöglichkeiten ins Auge fassen. Gerade er müßte sich für den Aufbau des jüdischen Palästina interessieren, der zugleich für die deutsche Volkswirtschaft erhebliche Chancen bietet Tatsächlich sind viele wahrhaft national denkende Deutsche zu diesen Schlüssen gekommen; Herrn Naumanns Deutschtum aber ist von allen erdenklichen egoistischen Motiven diktiert und entbehrt der wirklichen nationalen Freiheit und Gradheit. Darum wird sich jeder rückhaltlos und unbeeinflußt denkende Deutsche von einem solchen Deutschtum mit Unbehagen ab wenden. Dr. Erich Marx. Der Kulturwert des Hebräischen für den modernen Juden.*) Für das Vorhaben, die Sprache unserer Gebete, unserer geschichtlichen Überlieferung uns anzueignen, ist die vielumstrittene Frage, ob wir noch ein Volk sind oder nicht, ganz nebensächlich. Es ist darum in Aller Interesse, nachdrücklichst zu fordern, daß diese Frage in den Diskussionen über Erhaltung und Förderung der hebräischen Sprache ausgeschaltet bleibe. Zerbrechen wir uns einmal nicht den Kopf darüber, wie und ob die Termini der Gemeinschaftsgebilde unserer Umgebung auf uns passen oder nicht! Kauen wir nicht immer an den Zankäpfeln herum, die die Juden verschiedener Richtung nur immer weiter trennen und gegen einander erbittern. Was gewiß alle eint, denen es mit dem Judentum ernst ist, ist die Überzeugung, daß die jüdische Tradition, d. h. was unsere Vorfahren gedacht, geglaubt und gedichtet haben, nicht nur gefühlsmäßig kostbarste unveräußerliche Werte darstellt, sondern daß sie unverletzlich ist als Wegweiser, ohne den wir den richtigen geraden Weg, die gesunde Entwicklung als Einzelne wie als Gemeinschaft nicht finden können. Ich will davon absehen, daß bei Übersetzungen Wichtiges, nicht selten das einzig Wichtige, verloren geht; ich will auch gern anerkennen, daß es jedem wahrhaft Gläubigen als Nichtachtung Gottes, geadezu als Gotteslästerung erscheinen muß, wenn unverstandene Worte als Gebete abgehaspelt werden; aber ich muß doch sagen: als etwas Rohes, Ungeheuerliches, das mir die Schamröte ins Gesicht treibt, empfinde ich Gebetbücher, wo auf der einen Seite das Deutsche „zur Benutzung“, auf der anderen Seite das Hebräische „zur Dekoration“ steht. Mir ist es, als ob wir die ehrfürchtig behüteten rätselvollen Geheimnisse unserer Vorfahren plötzlich nackt ausgezogen in eine fremde Sonne stellen würden und mit einer gewissen hämischen Befriedigung zusähen, wie sie, so um ihre Würde gebracht, nicht mehr ihre Bestimmung erfüllen können. Es ist der empfundenste *) Die in Hannover erscheinende „Jüd. Woche“ bringt diesen sehr beachtenswerten Artikel von Oskar Baum, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten möchten. ode ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise W. Braunste, Machen Nouhauserstr. 151, gegenüber der alten Akademie Sport