Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1921-06-17 · 24 (17.6.1921) · p. Seite 297

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
24 (17.6.1921)
Date
1921-06-17
Page
Seite 297 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9103024-9144846--04144-9076969
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Nummer 24 17. Juni 1921 8. Jahrgang Ordnungszelie. Der unabhängige Abgeordnete Gareis ist erschossen worden^ Die Blätter aller Richtungen versichern ihren Abscheu so „bübischem Verbrechen“ gegenüber und stellen fest, „daß politische Fragen nicht mit dem Revolver gelöst werden können.“ Die Regierung sendet Beileidstelegramme und verbietet linksstehende Zeitungen und sozialistische Versammlungen, um in Ordnungs- München die Ruhe zu erhalten; der Besoldungsausschuß des Landtags vertagt sich zum Zeichen der Trauer und Entrüstung und die Polizeidirektion setzt 10 000 Mark Belohnung aus für die Ergreifung des Täters. Somit ist alles in Ordnung und man kann gespannt erwarten, wen sich die Mörder- und Prügelbande als ihr nächstes Opfer aussuchen wird. Sollte aber wider alles Erwarten der Täter ergriffen werden — denn noch heute geschehen Zeichen und Wunder! — so dürfte er gleich seinem Vorbild, dem Eisner-Mörder Arco, Anspruch auf öffentliche Ehrung erheben seitens der Kreise, die seit Monaten ungestört zu Gewalttätigkeiten hetzen, unter den Augen und mit Billigung der Münchner Polizeidirektion. Oder hängen nicht mit obrigkeitlicher Genehmigung die wohlbekannten roten Plakate an allen Säulen Münchens, die ohne falsche Scham zum Judenpogrom und zu handgreiflicher Bekämpfung aller Feinde des kahrbayerischen Regimes auffordern? Oder erscheinen nicht unter dem Belagerungszustand regelmäßig „Völkischer Beobachter“ und „Miesbacher Anzeiger“ und schlachten von Nummer zu Nummer Juden und Judengenossen, die „Weisen von Zion“ ebenso wie die Reichsregierung, Wirth ebenso wie Rathenau? Oder dürfen nicht, während die Polizei mit einem trockenen und einem nassen Auge zusieht, jüdische Gotteshäuser besudelt, jüdische Gelehrte und Rabbiner verprügelt, jüdische Versammlungen gesprengt werden? Das ist beileibe kein amtlicher Antisemitismus; denn der staatserhaltende Lucki wendet den Gummiknüppel nicht weniger ungehindert gegen mehrheitssozialistische Abgeordnete und wird, um die Parität zu wahren, demnächst mit demselben Vergnügen, wie jetzt den armen Herrn Gareis. irgendeinen jüdischen Politiker oder Gelehrten erschießen. Es sind eben sehr gerecht empfindende Kreise! Um so gerechter, als sie ja einer ordnungsliebenden Regierung nahestehen. Man rede nichts gegen Herrn Pöhner und die Seinen. Sie haben ihr leuchtendes Vorbild bald erreicht: Das Ungarn des christlichen Kurses, das sie von Herzen lieben. War es da nicht ganz wie hier? Man kompromittierte die Opposition, mit den Juden und ließ die Juden totschlagem um die Opposition niederknüppeln zu können. Die ungarische Regierung? O nein! Die sandte Beileidstelegramme, setzte 10 000- oder mehr Kronen-Belohnung für Ergreifung der Täter aus, erklärte im Parlament ihren unauslöschlichen Abscheu vor so bübischem Verbrechen und stellte unter dem Beifall der Presse aller Richtungen fest, „daß politische Fragen nicht mit dem Gummiknüppel oder dem Revolver gelöst werden können.“ Nur wurden inzwischen die Führer der Arbeiterschaft gemeuchelt, Tausende von Juden erschlagen, jüdische Frauen zu Hunderten vergewaltigt und zu Tode gequält Wir nehmen an, daß selbst die Herren Roth und Pöhner nicht ganz so weit sind, wie die Horthy, Friedrich und andere Stützen Pogrom-Ungarns. Wir glauben nicht, daß die Regierung als solche Gemeinschaft mit den Mordgesellen und Gesinnungslumpen hat, die in den Kreisen des deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes ihr Wesen treiben und gekauft oder nicht gekauft neben dem Erpresser Braßler und anderen seines Kalibers die Redaktionen des „Völkischen Beobachters“ und der ihm gesinnungsgenössischen Presse zieren. Aber man rede uns nicht ein, daß ohne ein schon nicht mehr geheimes Wohlgefallen der Regierung und vor allem der Münchener Polizeidirektion an diesem Treiben das Gesindel so schäm- und gefahrlos sein Wesen treiben könnte. Ordnungs-München ist zum Paradies politischer Zuhälter und Revolverjournalisten geworden; es ist auf dem besten Wege, zum Eden deutschvölkischer Strolche und Mörder zu werden. Wir dürfen uns leider demgegenüber nicht auf den Schutz der Regierung verlassen. Wir fühlen uns ausgeliefert und allein auf unsere eigenen schwachen Kräfte angewiesen. Ein jüdischer Redner, Gelehrter, Politiker oder Künstler ist vogelfrei. Jeden Augenblick kann eine Horde Rowdies den Saal stürmen und ihn an Leben und Gesundheit bedrohen — und spräche er über die Saturnringe. Ohne Waffe kann heute kein jüdischer Redner, wenn sein Leben ihm lieb ist, sich in München vor die Öffentlichkeit wagen. Ordnungszelle- Karl Glaser. Nationaldeutsche Juden. Seit der Begründung des sogenannten Verbandes nationaldeutscher Juden ist nun schon geraume Zeit verflossen, ohne daß ersichtlich wäre, daß dieser Verband an Bedeutung gewinnt. Dieses Ergebnis konnte vorausgesagt werden. Die offene Verknüpfung mit einem ausgesprochenen deutschen Nationalismus ist selbst für weitassimilierte Teile des deutschen Judentums ein zu starkes Stück, und die kleine Gruppe derer, die bereit sind, den deutschen Rechtsparteien jüdisches Geld zuzuführen, in der Hoffnung, sich dadurch bei den nationalistischen Kreisen „einzupauken“, dürfte von vorneherein nicht erwarten, die immerhin noch liberal gestimmte Masse der deutschen Juden zu gewinnen. Soviel Skepsis bringen die deutschen Juden doch auf, um zu wissen, daß ein Pakt mit der Reaktion in keinem Falle zu der ersehnten innerdeutschen Prestigesteigerung führen kann, daß man in jenen Kreisen jüdisches Geld und jüdische Dienste nur so lange annimmt, als man ihrer unbedingt bedarf, daß man gar nicht daran denkt, das jüdische Geld mit der erhofften vollen Rezeption zu entgelten, und daß man den Juden mit einem Fußtritt wieder von sich stößt, wenn man ihn nicht mehr nötig zu haben glaubt. Indessen, die würdelose Haltung des Naumannschen Verbandes würde einen solchen Gang der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.