Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 24 (17.6.1921)
- Date
- 1921-06-17
- Page
- Seite 299 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Das Jüdische Echo 299 Beweis für die klägliche Armut und Hilflosigkeit der rationalistischen Auffassung von der prakth schen Erschöpfbarkeit des Wortsinnes, des Zwecks der Sprache. Ist Jom Kipur und Versöhnungstag oder Langer Tag dasselbe? Wie kraftlos und fremd ist die verständigste, selbst wortgetreueste Übersetzung des Kaddisch z. B., den sicher die Wenigsten genau und vollkommen verstehen, was aber wohl keiner als Einschränkung der Bedeutung und Weihe, des Sinnes dieses Gebetes gelten lassen wird. Das ist die Bedeutung der Sprache als Musik, als geheiligter Rhytmus unserer Erlebnisse in den früheren Formen unseres Blutes, in den Ahnen. Und dieser Dienst der Sprache, der unbegriffenen Laute steht für mich, mein Gefühl höher und dem religiösen Bedürfnis ungleich näher als die verstandesmäßige Verdauung von Formeln, Bildern, Gleichnissen in Ausdrücken einer Kultur, die aus ganz anderen Ursprüngen herkommt, ganz andere Wege gegangen ist und für wesentlich andere Zwecke und Bedürfnisse geformt wurde. Jede Sprache ist eine eigene in sich geschlossene organische Lebenskraft, die durch eine andere Lebenskraft nicht ersetzt oder nachgeahmt werden kann. Man muß, wenn man nicht in sie hineingeboren ist. mit zweckgelöster, reiner Liebe um sie werben, dann aber hat man in geistigem Sinne um ein Leben, um eine Lebenskraft mehr. Das Studium des Hebräischen hat aber heute noch eine ganz besondere aktuelle Bedeutung. Was sind wir moderne Juden in Wahrheit, abgesehen davon, was wir als Zionisten oder Liberale, Sozialisten oder Orthodoxe sein möchten? Was sind wir alle im gegenwärtigen Augenblick wirklich? — Wir sind halb Juden und halb Deutsche. Wer den Juden und den Deutschen gleich stark in sich fühlt und glaubt, gerecht zu verfahren, wenn er auch in seinem äußeren Verhalten die Parität herstellt: politisch, gesellschaftlich, ökonomisch. kulturell, der begeht damit eine geradezu vernichtende Benachteiligung der jüdischen Ansprüche. Das Deutsche strömt aus tausend natürlichen Quellen der Tagesinteressen um uns her. Gewiß sind wir dem deutschen Kulturkreis, in den wir hineingeboren sind, in dem unsere Geistigkeit sich gebildet und entwickelt hat, unauslöschlichen Dank schuldig. Gewiß lieben wir diese Sprache und das Volk, mit dessen Schicksal das unsere so innig verflochten ist und wer mich kennt, der weiß, daß ich der Letzte bin, der unsere Pflicht gegenüber dem Deutschtum zurücksetzen möchte, aber das Deutsche darf die elementaren Grundbedingungen unseres jüdischen Fühlens und Wollens nicht erdrücken! Man beruhigt sich so gern mit dem plötzlich und nur für diese eine Behauptung hervorgeholten Gottvertrauen und sagt: „Wenn das Judentum 2000 Jahre lang nicht unterging, wird es sich auch weiter erhalten.“ Man vergißt, daß es sich mit dem Pochen hierauf nicht erhalten hat. Ich brauche wohl nicht statistisch nachzuweisen, daß die westjüdischen Kultusgemeinden alle, nicht nur zahlenmäßig, in sichtbarem Niedergang begriffen sind und daß diese Erscheinung noch viel auffallender wäre, wenn nicht immer vom Osten der Zuzug käme. Aber der Osten ist bekanntlich so viel wie vernichtet durch die 7 Jahre Krieg, durch den Bolschewismus und durch das Eindringen der europäischen Luft in diese Kulturwelt (die so fest verschlossen gewesen wie einst die japanische und chinesische), und vor allem durch die grauenhaften Ereignisse der letzten Zeit. Unser Reservoir ist in die Luft gesprengt! Wir können also die Rettung nicht mehr auf Andere schieben; sie hängt von uns selbst ab. Was hat das Judentum diese zweitausend Jahre lang erhalten? Nicht nur die äußere Absperrung, das Ghetto, die Konservenbüchse, wie ein jüdischer Führer es einmal nannte. Die innere Lebendigkeit und selbstverständliche Fortentwicklung seines geistigen Inhalts, die natürliche fruchtbare Liebe zu seiner Ideen- und Gefühlswelt und dessen Blutkreislauf: der Sprache. Die ist es, die wieder erneut werden muß! Und wenn jeder tut. was in seinen Kräften steht, wird es gelingen. Wer nur fünf — zehn Minuten täglich Vokabeln und Regeln lernt, steht — abgesehen von dem wachsenden und wirklich vollendeten Bau der herrlichen Sprache in seinem Geist — damit in täglich erneutem und wirksamstem Zusammenhang mit seinem innersten Geistesurquell und dem Urgrund seiner Seele. Nur zaghaft wage ich hier an die Mystik dieser Zusammenhänge zu rühren, aber wer es selbst erfahren hat, darf es wohl sagen, es ist in gewissem Sinne eine Art Gebet. Und man soll nicht etwa glauben, für uns moderne Menschen sei das Eindringen in die großen modernen Weltsprachen praktisch ungleich wichtiger, weil wir doch vor allem auf die Höhe europäischer Kultur gelangen und uns dort behaupten müssen, wollen wir nicht ins Hintertreffen geraten. Müssen aber jene fünf oder zehn Minuten uns denn von etwas abhalten und eine Rückständigkeit verursachen? Aber mehr noch: Auf höherer Stufe des Studiums würden wir durch die geistschäTfende Beschäftigung mit den jüdischen Philosophen, den Bibelauslegungen und Glaubensdebatten unserer Umgebung weit überlegen werden. Ist unsere sprichwörtliche geistige Überlegenheit von heute nicht nur ein Rest der jüdischen Geistesarbeit unserer Vorfahren, der bald verloren gehen müßte, wenn wir ihn nicht von neuem erwerben? Waren die spanischen Hofär^te. waren Spinoza, Rabbi Löw etwa nicht auf der Höhe der Bildung ihrer Zeit? Sie waren Leuchten der europäischen Kultur und doch hatten sie ein tiefes hebräisches Wissen und eine gründliche, vielleicht ausschließlich hebräische Erziehung genossen. Der Augenblick ist die Mitte der Ewigkeit. Wir jeder sind mit dem. was wir eben tun, in jedem Augenblick der Mittelpunkt zwischen tausend Geschlechtern, die nach uns kommen. Darum soll niemand sagen: „Von mir hängt das Judentum nicht ab!“ Oder: „Der eine Tag machts nicht!“ Alle Vergangenheit war vergeblich und alle Zukunft wird hoffnungslos, wenn unsere Gegenwart nicht erfüllte Wirklichkeit ist. Oskar Baum. Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Am 19. und 20. Juni 1921 findet in Nürnberg der erste Zusammentritt der Organe des Verbandes mit folgender Tagesordnung statt: 19. Juni, vorm. 11 Uhr, Versammlung des Rats im Sitzungssaale der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg; Konstituierung des Rats und Beschlußfassung über die Vorlagen, die bei der Tagung eingebracht werden. Nachm, halb 4 Uhr Fortsetzung der Beratung (die Verhandlungen des Rats sind nicht öffentlich). Abends 6 Uhr Eröffnung der Tagung im kleinen Saale des Lehrerheims, Hotel Deutscher Hof, Frauentorgraben, durch den Präsidenten des Rats; Bericht über die Tätigkeit des Überleitungsausschusses, Wahl des Büros, Wahl der Abgeordneten zum Rat und ihrer Ersatzmänner (die Versammlung ist