Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 22 (3.6.1921)
- Date
- 1921-06-03
- Page
- Seite 278 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Das Jüdische Echo Nr. 22 literarisches Echo Helene Hanna Cohn: Frauenfragen in Palästina. Jüdischer Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. kart. Mk. 4.50. Das Buch schildert den Typ der jüdischen Frau von der stumpfen kleinbürgerlichen Hausfrau mit aller Enge ihres Ausblicks bis zur hyperintellektuellen Emanzipierten unserer Großstädte. Dem wird das ideale Bild der mütterlichen Frau gegenübergestellt, die innerhalb ihrer natürlichen Grenzen durch die Kraft des weiblichen Gefühls beseelende und belebende Wirkung übt. Im Neuland Palästina können die Maßnahmen getroffen werden, durch die eine Heranziehung solcher Frauen ermöglicht wird. Es wird ausführlich dargelegt, daß zu diesem Zweck die Mädchen-Arbeitsschule, gegliedert in Elementarschule und technische höhere Mädchenschule, als am besten geeignet erscheint. Schließlich wird noch das Problem des weiblichen Dienstjahres, das in Europa um seiner politischen Wirkung willen diskutiert wird* als eine Frage der Sozialethik behandelt. Das weibliche Dienstjahir wird als eine Erziehung der Frau zur Gemeinschaft gefordert und gleichzeitig praktisch mit dem Dienstbotenproblem auf das glücklichste verknüpft. Das Buch ist nicht nur für das Problem des palästinensischen Aufbaues, sondern darüber hinaus für alle an der Frauenfrage Interessierten von Bedeutung. Feuilleton Von einem Platze an der Misrachwand. (Fortsetzung.) Wollt ihr Politik — er ist ein Politiker. Wollt ihr Philosophie — er ist ein Philosoph, Kurz — er ist ein ganz moderner Gehirnmensch, und deshalb hat sich auch Alt-Kabzansk mit ihm abgefunden. Ja, sogar es würde fast auf ihn schwören, weil er ein gutes Herz hatte, sich fein benahm, selbst für den niedrigsten zugänglich war; aber geradezu lieb gewannen sie ihn. als er sich ganz zu ihnen schlug und von dem neuen Beth-Hamidrasch in Neu-Kabzansk zu ihnen ins alte übersiedelte. Warum er das eigentlich tat? Dafür gibts eine Menge Deutungen. Aber das tut doch schließlich nichts zur Sache. Er hatte eben Alt-Kabzansk lieb; und Alt-Kabzansk hatte ihn lieb, und damit Punkt. Die Klaus nahm Chaikel-Chajim herzlich auf. Sein Platz war am Ofen. Andere bessere Stände waren jetzt nicht frei, aber der Platz am Ofen ist auch nicht schlecht. Er hat so seine besonderen Zauber, die die Menschen locken wie Magneten. Es ist ein stilles Plätzchen für die feineren Seelen unter den schlichten Leuten. Man kann sich dort wärmen, in ein Buch hineinblicken, nicht gerade in die man allen Scharfsinn hineinlegen muß, sondern in die Hagadah, in die Midraschim, in denen von seltsamen Dingen gesprochen wird: Märchen und Wunder, die einem so warm ums Herz machen und die Seele so leicht. Ja, dort hinter dem Ofen ists lieb und gut. Und jedes Wort hat dort einen besonderen Ton, eine besondere Stimmung. Und Chaikel-Chajim mit seiner feingeschliffenen Sprache, mit seiner Tüchtigkeit — ei! war er für sie ein edles Stück. Wie oft saßen sie um ihn und lauschten seinen frischen Worten, so frisch, wie man sie sich früher nicht mal zu träumen gewagt hätte. Seine Geschichten lehrten sie die Welt verstehen, entfachten ihren Mut, und eine neue Seele kehrte bei ihnen ein. Der Kreis um ihn wuchs von Tag zu Tag. Es war eine Lust, ein kluges Wörtchen von ihm zu hören. Er hieß nicht umsonst Chaikel-Chajim. Denn eine neue Welt mit neuem Leben brachte er nach Alt- Kabzansk. Arme, vom Leide zerschlagene Kabzansker Leutchen, sie begannen nun erst zu fühlen, daß auch sie Menschen sind und daß auch ihre Seele nicht aus dem Staube der Gasse ward. Und von solchen Gefühlen der Menschenwürde durchbraust, wie bitter mußte ihnen da zu Mute sein, hundertmal bitterer denn je, da sie sahen, daß das Eckchen heiliger Stätte, ihr einziger Trost im Leben, das einzige Winkelchen, ihr Heim, ihr ein und ihr alles, zu dem es einem mit Gewalt zog, wo man sein Herz ausschütten konnte vor dem Vater im Himmel, daß dieser heilige Platz — ihr ganzes Leben — nun in der Hand des Gutsherrn war als Spiel und Gespött. Er soll da tun können, was ihm die Laune sagt, e r ist dort Herr, und sie, die Kabzansker, sind nur die Gäste. Wo kann es ein schlimmeres Elend geben?! Andere mögen vielleicht die ganze Kabzansker Affäre mit höhnischem Lachen hinnehmen — als Narreteien, derentwegen ma^ sich ganz unnötig erregt. Aber fühlten jene nur die Schmach der Kabzansker Gemeinde, und die Größe ihres Jammers, verstünden sie ihre Not, fortan so ganz von eines Gutsherrn Laune abzuhängen, und könnten sie ahnen, welchen Wert der heilige Ort für solch einen Grafen hat — wahrlich, dann würden sie andere Worte sprechen. Chaikel-Chajim aber begriff die böse Lage der Kabzansker Gemeinde. Schließlich ist er ja auch nur ein Kabzansker, der, wie man so zu sagen pflegt, mit ihnen in der gleichen Tinte sitzt. Er empfand den Zustand als Schmach und Schande, und in Wehmut, so bös erniedrigt zu sein und sich wie ein Wurm zertreten zu lassen, vor dem Grafen zu kriechen und zu seinem Gespött das Sabbatlied: „Ma johfis“ zu singen. — Nein. Das paßte ihm nicht. Und der Gedanke wühlte sich ihm immer tiefer ein, die heilige Stätte zu befreien. Wenigstens dort, im eigenen Heim, sollte man sein bißchen Ruhe haben. Einstmals, am Chanukkah, wenn im Juden der Mensch lebendig wird, und Stolz in ihre Herzen einzieht ob der Taten und Kriege ihrer Helden aus alten Zeiten, am Chanukkah, wenn sie das Lobgebet auf Gottes Wundertaten sagen: al hanissim, sie beim „Drendel“spielen erfüllt, daß sie noch einmal mit des Höchsten Wunderkraft die Welt umdrehen werden — damals gab Chaikel-Chajim im Gespräch über das Chanukkahfest der Gemeinde zu verstehen, daß Wunder eigentlich gar keine Wunder sind, weil jeder Mensch nur seine Pflicht erfüllen muß, und daß das Wunder des Chanukkah sich nicht ereignet hätte, hätten die Makkabäer nicht den Kampf mit dem Feinde aufgenommen. Diesen Gedanken weiter ausspinnend, kam er auf die Kabzansker und den Platz an der Misrachwand, > der nun in fremden Händen war, und spornte die Gemeinde zum Nachdenken an, wie s i e Herren des Platzes werden könnten. „Was mich betrifft,“ fügte er hinzu, „so will ich keine Mühe scheuen und keine Zeit. Und wenn ihr wollt, wirds auch an Geld nicht fehlen.“ Die Süßigkeit dieser Worte drang ihnen tief zu Herzen. Man fand Geschmack an diesem Vorschlag, den man nun von allen Seiten her diskutierte. bis schließlich ganz Kabzansk davon widerhallte. Reb Schmelken traf die Geschichte bis in die siebente Rippe, bis tief ins Herz. Und warum das?