Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 20 (20.5.1921)
- Date
- 1921-05-20
- Page
- Seite 253 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 253 passendien Terrains dann verlangen und wohl auch erweirben können, wenn man imstande ist, mindjestens das doppelte dies Landpreises für die Errichtung von Bauten sowie zum Ankauf des Inventars deponieren zu können. Meißner Ansicht nach ist dies aber erreichbar, teils durch Sammlungen für einen Kolonisationsfonds, teils, indem die Verwandten der für die Ansiedlung geeignet erklärten Chäluzim die für seine Installierung erforderlichen Beträge selbst einzahlen. Es würde sich hierbei, falls das Land jedes Kolonisten 300 £ kostet, um einen Einschuß von je 600 £, also etwa 150 000 Mk., für den einzelnen Kolonisten handeln, eine Summe, die zwar hoch, aber doch für manche deutsche jüdische Familie erschwingbar ist und hypothekarisch gesichert werden müßte. Das, was dann noch am Kapital fehlt, muß freilich von der Koloniisationsgesellschaft vorgestreckt werden, falls bis dahin nicht Kreditinstitute mit Hilfe des Keren Hajessod gegründet sein werden. Natürlich müssen im Falle der Beleihung des Anwesens durch Hypotheken¬ oder Agrarbanken die Familienmitglieder mit ihren Forderungen zurücktreten, um der Kolonisationsgesellschaft oder dem Hypothekeninstitut den ersten Platz bei der Hypothek freizumachen. Ich habe mich über die Frage der Gründung einer deutschen Kolonisationsgesellschaft ausführlicher verbreitet, weil ich es für notwendig halte, einmal ganz klaren Wein über die Erfordernisse und Möglichkeiten einer landwirtschaftlichen Siedlung einzuschenken. Ich halte die Gründung einer solchen Gesellschaft im Interesse Palästinas sowohl als auch im Interesse des deutschen Zionismus für durchaus wünschenswert, bin mir aber bewußt, daß sie trotz großer Anstrengung infolge der Zerrüttung unserer Valuta nur ein kleines Scherflein für die eigentliche Besiedlung Palästinas beitragen kann. Die Schlußfolgerung ist, daß die Ergreifung eines landwirtschaftlichen Berufes im Hinblick auf Palästina den unbemittelten deutschen Juden im allgemeinen nicht anzuraten ist, da dile Aussicht in Erez-Jsrael als Landwirt selbständig zu werden, leider fürs erste recht gering ist und ein dauerndes Leben daselbst als landwirtschaftlicher Arbeiter nur äußerst wenige werden aushalten können. Die in anderen Ländern übliche Zwischenstufe des Pächters erfordert gleichfalls nicht unerhebliche Mittel und ist in Palästina auch bisher weder recht bekannt noch empfehlenswert. Wir müssen noch auf eine andere Form der ländlichen Siedlung eingehen, die vor dem Kriege in Palästina (besonders in Rußland) sehr beliebt war, die Pflanzungsgesellschaft (Achusa). Hierbei vereinigen sich wohlhabende Leute, kaufen Land und bepflanzen es gemeinsam mit ausdauernden Gewächsen, Bäumen und Sträuchern, wie Mandeln, Wein, Oliven, oder sie legen Brunnen zur Bewässerung an, um in sogenannten ßujaren hauptsächlich Orangen zu bauen. Vielleicht könnte man jetzt auch Nationalfondsboden hierfür in Erbpacht nehmen, was die Kolonisationsmethode ja verbilligen würde; freilich in Anbetracht der Kosten der Pflanzungen um einen nicht sehr hohen Betrag. Neben geschulten und älteren Arbeitern würden auch manche Chäluzim hierbei Beschäftigung erhalten. Leider ist aber augenblicklich diese Form der Siedlung wenig zu empfehlen, da sie einerseits gleichfalls recht teuer itst, und viele Jahre bis zum Ertrage gewartet werden muß, anderseits in Anbetracht der schwierigen Valutaverhältnisse sowie der gegenwärtigen allgemeinen Geldkrisis ein lohnender Absatz der Produkte noch für lange Zeit recht fraglich erscheint. Ebenso ist die Aufnahme von Gemüsekulturen im Großen gegenwärtig noch ein Problem, auf das sich noch keine Vorschläge für die Zukunft begründen lassen. Es ist zwar wünschenswert, daß sich ein Teil unserer Jugend dem Gartenbau zuwendet, wie viele von ihnen aber ihr Brot gerade in Palästina werden finden können, läßt sich vorläufig noch nicht übersehen, zumal es auch noch fraglich iist, ob die jüdischen Gärtner den arabischen gegenüber bei der Versorgung der Städte mit Gemüse konkurrenzfähig sind. Es liegt mir natürlich fern, unserer Jugend vom landwirtschaftlichen und gärtnerischen Beruf abzuraten; es ist itni Gegenteil sehr wichtig, daß die Juden sich auch diesen Erwerbszweiig erobern, und das können sie am besten, wenn sie die heimische Landwirtschaft und Gärtnerei gründlich und praktisch — nicht im Studierzimmer und an Hochschulen — erlernen, indem sie eine Zeitlang als Knecht bei Bauern oder als Arbeiter in Gärtnereien, im übrigen auf den landwirtschaftlichen Lehrfarmen oder in Gartenbauundi Obstbauschulen tätig sind; die Anlehnung als Eleven auf größeren Gütern kommt für Leute, die nach Palästina wandern, weniger in Betracht, da es sich ia dort nur ausnahmsweise um Großbetiebe handelt. Manchem gut ausgebildeten Landwirt oder Gärtner wird es wahrscheinlich schließlich doch glücken, auch mittellos in Palästina Fuß zu fassen. Jedoch sollte jeder mit deir Möglichkeit rechnen, sich nach einigen Dienstjahren ihi Erez-Jsrael in landwirtschaftlich oder gärtnerisch günstigeren oder besser gesagt fortgeschritteneren Gegenden ein kleines Kapital erwerben zu müssen, bevor er seine Zelte wieder und dann dauernd im Lande der Väter aufschlägt. Neben Landarbeitern sind natürlich auch Erdarbeiter in Palästina nötig, und die meisten der gegenwärtig hinausgehenden Chäluzim finden ia auch an Chausseen und Eisenbahnen, später wohl auch bei Hafen- und Kanalbauten, Beschäftigung. Natürlich kann die Zahl nicht ins ungemessene steigen. Ich glaube, das kleine Land wird auf die Dauer höchstens 10 000 Mann in diesen Tätigkeiten beschäftigen können. Immerhin wird ein ständiger Zufluß nötig sein, da wenige diese Arbeit als Lebensaufgabe ansehen werden, die weitaus meisten sich nach einiger Zeit in Palästina oder anderswo andere Beschäftigung suchen müssen. Es wird sich die Tätigkeit bei öffentlichen Arbeiten mit der Zeit wohl zu einer Art jüdischen Dienstiahres entwickeln; und nur als solches kommt es für deutsche Juden in Betracht; einer Art Vorbereitung bedarf es hierfür kaum, aber nach Absolvierung desselben ist unsere Jugend im allgemeinen kräftiger geworden. Gelernte Arbeit kann sie aber dann noch nicht verrichten; es ist also besser, man lernt irgend ein Handwerk oder Gewerbe in der Heimat, bevor man als Arbeiter hinausgeht. Als Handwerk kommen vorläufig für Palästina am meisten die Bauhandwerke in Betracht, da wohl allmählich eine größere Bautätigkeit daselbst einsetzen wiird, deren Beginn sich schon jetzt bemerkbar macht. Für deutsche Juden dürfte es ratsam sein, sich speziell in solchen Handwerken auszubilden, die mehr Geschicklichkeit und Präzision erfordern, als Kraft und Ausdauer, und hierunter besonders solche, die nicht so leicht von jedem, der sich darauf wirft, gelernt werden können. Genau wie vom Deutschen im allgemeinen in der ganzen Welt, so erwartet man auch vom