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Das jüdische Echo · 1921-05-13 · 19 (13.5.1921) · p. Seite 241

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
19 (13.5.1921)
Date
1921-05-13
Page
Seite 241 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 19 Das Jüdische Echo 241 ....Brutus ist kein Staatsmann, kein Rechner; er ist zu gar nichts Schlechtem imstande und ahnt in seinem Studio nicht, daß die Zeiten und dile Mittel, sie zu beherrschen, sich arg verändert haben. Er fürchtet Cäsar und nur Cäsar, weil er an ihm Größe und Adel kennen gelernt hat, die nun vom Weg republikanischer Tugend abgeirrt sind; er sieht nicht, daß in der Politik beweglichem Volk gegenüber Größe, Adel, Tugend auch geschauspielert werden können, besonders von so einer glänzenden Komödiantennatur wie Antonius, der die Wahrheit in den Dienst der Lüge, den echten Schmerz in den Dienst der Politik stellen kann. Feuilleton Von einem Platze an der Misrachwand. Eine traurige Geschichte, die in Kabzansk passiert ist. Von Mendele Mocher Sephorim. (Aus dem Jüdisch-Deutschen von Theodor Zlocisti.) Kabzansk — zu deutsch Bettelheim geheißen —, einer jener Orte, wo Juden ihr Gezelt aufgeschlagen, war immer in der Welt als ruhiger, heimlicher Winkel gerechnet. Ehrliche, zerbrochene Juden wohnten dort wie alte Patriarchen — fern von der Welt. Still ging ein jeder seinen Weg und lebte nach altem Brauch: man heiratete, bekam Kinder, zankte auch mal, kurz — man lebte das Golus in all seinem freudigen und traurigen Reichtum. Außer Gott und den Zizzith, wie man zu sagen pflegt, ging sie die ganze moderne Welt nichts an. Was waren ihnen die neuen Parlamente mit all ihren Reden, ihrer Politik und ihrem Geschwätz gegenüber ihrer lieben Klaus, ihrem Plätzchen hinterm Ofen und gar ihrem Gemeindebad! Ein Jude im Golus — war einer ihrer Lieblingssätze — soll sich nicht um Ehren reissen und die Nase gar zu hoch tragen. Er mag sich lebendig begraben lassen, er muß alles geduldig tragen, alles mitanhören und mitansehen und zu allem schweigen.... So hat Kabzansk — seitdem es eben Kabzansk ist — schön fein gelebt in wundersamer Stille. Alles, was an Freud und Leid Gott ihnen geschickt, haben sie gelassen hihgenommen. Einen Stoß sogar; und wenn man ihnen ins Gesicht spie, was tat’s?! Es soll einem nichts Schlimmeres passieren. Ja, ja!.... Und plötzlich ist Kabzansk aus seinen Sielen gesprungen und bekam ein ander Gesicht. So still es einst dort gewesen, so wild wallt es und kocht es heute darinnen. Wie aus einem feuerspeienden Berg — soll Gott einen davor hüten — schießt und ergießt sich und strömt Pech und Schwefel daraus; und ein lautes Gepoltere dringt — ach wie weit! Eher hätte man des Städtchens Untergang erwarten können, als von solchen Stürmen in ihm hören. Schrecklich! Schrecklich! Und wie, wird nun jeder fragen, ist diese Wandlung gekommen? Ach ja — es ist lächerlich zu sagen, so bitter lächerlich, daß sich einem das Innere nach außen drehen will. Es fing mit einer Kleinigkeit an, und dann kam zu der Kleinigkeit eine Geschichte und die andere, bis es schließlich ein ganzer Berg wurde, aus dem die Hölle fauchte. Flammen züngelten, Donner krachten bis in den siebenten Himmel — kraeh-traeh-tra-rarach! Und ist das ein Wunder?! Das ganze jüdische Leben hängt ja an einem Haar, steht immer auf der Schwebe, und die geringste Kleinigkeit bringt gefährliche Schwankungen. So sieht nun schon mal das jüdische Leben aus! Wegen eines Hahns und einer Henne wurde einst die Stadt Tur-Malka zerstört und wegen einer eichenen Axt fiel Bethar. So war es einst und so gehts auch heute noch. Aus einem Garnichts wird ein Unglück, aus einem Tuscheln in die Ohren — Donner und Blitz. Und aller Fluch ergießt sich über Israel. Ach, wegen eines Platzes an der Misrachwand ist ganz Kabzansk jetzt in Aufruhr. * * * Seit altersgrauen Tagen (von der Erbauung der großen Klaus an bis in die späteren Zeiten) hatten den Platz an der Misrachwand die Leibeies besessen. So hieß nämlich die größte und vornehmste Familie in Kabzansk; — nach dem Urahn Reb Leibele — sein Andenken sei zum Segen —, nach dem Vornehmen, dem Monatsvorsteher, der adligsten Familie in der ganzen Gemeinde, auf die Kabzansk nicht wenig stolz war. Jenen Platz an der Misrachwand vererbte der Ahne auf den Sohn, und so gings weiter bis auf Reb Eljakim Gezel, der auch ein braver Mann war, sehr einflußreich und die rechte Hand des Grafen, des Herrn von Kabzansk und anderer großer Majorate. Reb Eljakim Gezel hatte Kabzansk vom Grafen gepachtet; und er war ein reicher Mann. Man schätzte ihn auf drei bis vier Säcke Gold. Sein Erbe — eine große vornehme Ausspannung in guter Bürgerlichkeit und mit einem Boden voll Heu, das — schlecht gerechnet — schöne, gute etliche hundert Rubel wert sein mochte. Ja, es ist sogar die Möglichkeit, daß es noch ein bißchen mehr wert war. Sein Reichtum, seine Größe gingen fast über die Grenzen der natürlichen Möglichkeit. Was heißt Größe! Groß, nicht nur deswegen, weil jüdische Kinder vor ihm wie Espenlaub zitterten, ja mit Ehrfurcht in sein lichtiges, königliches Antlitz schauten und sich labten an seiner breiten Behäbigkeit, mit der er z. B. auf seinem Misrachplatze saß. Den greisgrauen Bart zerflossen, den Talles mit den glitzernden Tressen über dem Kopfe, sich hin und her schaukelnd — es war eine Pracht! — Nein, das war noch gar nichts! Daß Juden ihn schätzten, wem kann das imponieren? Sondern was denn? Sogar Christen neigten sich vor ihm und nannten ihn nur: Unser Alakum! (Gezel konnten sie nicht aussprechen, das war ihnen zu schwer.) Der Ökonom des Gutes und manchmal auch direkt des Grafen Kammerdiener in seiner betreßten Uniform und den messingnen Knöpfen pflegten Sabbat und Festtag zu kommen, um bei ihm Fisch zu essen. Vor Pessach pflegte Gezel vom Gute Weizen zu Mazzoth zu bekommen und ein paar Truthähne — als wäre es eine feste Vereinbarung. Als er sein jüngstes Töchterchen verheiratete, war die Braut morgens nach der Hochzeit, begleitet von. den Eltern und Schwiegereltern und den Hochzeitsmusikern, zum Grafen auf das Gut gegangen und hatte mit eigener Hand dem Grafen ein Tablett voller Süßigkeiten vom Hochzeitsschmaus gebracht: Lebkuchen und Eingemachtes, Strudel und Königskuchen. Der Graf hatte die Geschenke mit merkwürdig süßem Lächeln angenommen und auf das Tablett einen güldenen Imperial gelegt als Hochzeitsgeschenk und in einer zermischten Rede, die einem den Kopf wirr machen konnte, alle seine hebräischen Brocken

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