Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1921-04-29 · 17 (29.4.1921) · p. Seite 214

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
17 (29.4.1921)
Date
1921-04-29
Page
Seite 214 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103024-9144832--04054-9076879
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

214 Das Jüdische Echo Nr. 17 Äus der Münchner israelitischen Kultusgemeinde. Wir bringen nachstehend den Wortlaut der in unserer vorigen Nummer nur kurz wiedergegebenen Rede des Herrn Oberlandesgerichtsrats Dr. Neumeyer, die für unsere Leser gewiß von Interesse sein wird. Meine Damen und Herren der Gemeindevertretung! Der von Ihnen gewählte Vorstand tritt heute zum erstenmale zu gemeinschaftlicher Arbeit mit Ihnen zusammen. In liebenswürdiger Weise hat Ihr verehrter Herr Vorsitzender meiner Person gedacht. Ich möchte ihm herzlich danken. Ich habe nur zögernd das verantwortungsvolle Amt übe morn men und weiß nicht, ob ich es neben meiner Berufsarbeit ausfüllen kann. Wenn ich schließlich glaubte, Ihrem Rufe folgen zu müssen, so geschah dies, weil alle Richtungen dieser Versammlung an mich herangetreten sind, und weil dies einmütig bekundete Vertrauen mir den Mut und die Kraft gegeben hat, die schwere Aufgabe auf mich zu nehmen. Danken möchte ich auch meinen beiden Mitarbeitern in der Leitung der Geschäfte. Ihre Mitwirkung hat mir den Entschluß wesentlich erleichtert. Mit Freude gehe ich an das Amt, denn seit früher Jugend verbinden mich Interesse und Familienüberlieferung mit der Münchner Gemeinde. Dem Vorstand obliegt die Leitung der Geschäfte. Da läge es nun nahe, daß der Vorstand am Beginn unserer gemeinschaftlichen Tätigkeit mit einem Programm, also mit der Darlegung der leitenden Grundsätze an Sie herantreten würde, die für seine Geschäftsführung maßgebend sein sollen. Wir haben davon abgesehen, mit einem solchen Programm vor Sie zu treten, notgedrungen, weil die kurze Spanne Zeit, die uns zur Verfügung stand, dies nicht ermöglicht hat, aber auch aus inneren Gründen, weil die verschiedenartigen Richtungen, aus denen sich der Vorstand zusammensetzt, die synthetische Arbeit noch nicht geleistet hat und gar nicht leisten konnte, nämlich die große und einfache Linie zu finden, welche die Parteigegensätze zurücktreten läßt und einzig durch das Wohl der Gemeinde vorgezeichnet wird. Wenn ich so auch nicht in der Lage bin, Ihnen ein Regierungsprogramm des Vorstandes vorzulegen, so ist es mir vielleicht gestattet, Ihnen rein persönlich einige Gedanken zum Ausdruck zu bringen, die mich heute bei Beginn unserer Arbeiten bewegen. Flüchtige Umrisse nur sind es, in denen ich die Grundlinien der Geschäftsführung zeichnen will. Sie gestatten, daß ich hierbei einen Vergleich ziehe und mich an Anschauungen der physischen Welt anlehne. Es ist eine von altersher überkommene Vorstellung. daß die Welt der Natur aus 4 Elementen besteht. Die heutige Wissenschaft hat diese Vorstellung längst überwunden. Die 4 Elemente werden in zahlreiche Grundstoffe zerlegt, und doch verharren wir, um ein anschauliches Bild von der Welt zu erhalten, gerne bei diesen im Altertum aufgstellten Elementen^ Und solche wenige Elemente, solche Grundtatsachen bestehen auch in der moralischen Welt, sie bestehen für Einrichtungen der moralischen Welt. Sie mögen im einzelnen Falle mehr oder weniger willkürlich sein, sie mögen gesetzmäßigen Charakter für sich in Anspruch nehmen, sie mögen sich in zahlreiche andere Tatsachen zerlegen lassen, jedenfalls ergeben sie ein anschauliches Bild, und Ihrem Urteil möge es überlassen bleiben, ob ihnen ein zwingender Charakter beizulegen ist. Wenn ich als solche moralische Einrichtung eine jüdische Kultusgemeinde betrachte und im speziellen die Kultusgemeinde München und ihre Verwaltung ins Auge fasse, so ,wie sie sich auf Grund der neuen Verfassung und der letzten Wahlen darstellt, so ergeben sich für mich vier grundlegende, vier richtunggebende Punkte, welche die Entwicklung der Gemeinde bestimmen. Die beiden ersten Gesichtspunkte entnehme ich den Wahlen, dem Willen der Wähler, der uns hierher geschickt hat. Wenn ich unbefangen und leidenschaftslos das Wahlergebnis betrachte und daraus den Willen der Wähler abzuleiten versuche, den eigentlichen Willen, ungetrübt durch die Erregungen dies Wahlkampfes. dien Willen, vielfach nicht ausgesprochen und vielleicht mehr im Uiiterbewußtsein liegend, so ist es eine Tatsache, die scheinbar mit unserer Glaubensgemeinde gar nichts zu tun hat, so ist es der mächtig eingesetzte Mahn- und Weckruf: Gedenket, daß Ihr Deutsche seid! Relata refero. Ich stelle fest. Ich stelle diese Äußerung der Massenseele fest und will nicht mißverstanden sein. Ich bin überzeugt und möchte dies Wort nachdrücklich hervorheben, daß auch die Angehörigen der Minderheit gute Deutsche sind und ihre staatsbürgerlichen Pflichten in vollem Maße erfüllen. Allein es gibt Abstufungen und Schattierungen. Und die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in München wolle in dieser Zeit der allgemeinen Bedrängnis und der besonderen Bedrängnis der Juden über allem Zweifel und mit aller Klarheit zum Ausdruck bringen: Wir wollen gute Deutsche sein. Wenn uns dieser Gesichtspunkt den allgemeinen und äußeren Rahmen gibt, in dem sich alle kulturellen und damit auch religiösen Bestrebungen abspielen, so komme ich nun zum zweiten Punkt, der uns den Inhalt unserer Bestrebungen vorzeichnet, der mit nicht minderer Deutlichkeit aus dem Wahlkampf sich abhebt, und hier ist es das Verdienst der Minderheit, daß dieser Gedanke klar und beherrschend hervorgetreten ist, der Gedanke, der unsere Aufgabe unmittelbar und im Innersten berührt, es ist der Mahn- und Weckruf: Gedenket, daß Ihr Juden seid! Relata refero. Ich stelle fest und will nicht mißverstanden sein. Es ist nicht an dem, daß das tiefinnerliche jüdische Bewußtsein und Empfinden bei den Angehörigen der Mehrheit nicht stark vertreten wäre. Allein es gibt Abstufungen und Schattierungen. Und ich verzeichne, daß der von der Minderheit ausgehende Ruf von der Mehrheit bereitwillig aufgenommen worden ist, und als Ergebnis der Wahl kann es gelten, daß die jüdische Selbstbesinnung geweckt, das jüdische Eigengefühl gehoben, daß das jüdische Selbstbewußtsein vertieft und das jüdische Selbstvertrauen gefestigt worden ist. Es wird hier eine gute Strecke Weges geben, auf dem von verschiedenen Ausgangspunkten herkommend und verschiedenen Zie- Mode ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise Urann 4 Cie, München Neuhauseratr. 151, gegenüber der alten Akademie Sport

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.