Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 15 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- Seite 186 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Das Jüdische Echo Nr. 15 Die jüdisch-nationale Heimstätte in Palästina. Von Dr. Paul Nathan. ... Faßt man all die bisher angeführten Einzelheiten zusammen, so ergibt sich, daß England reale, greifbare Konzessionen von Bedeutung dem zionistischen Programm nicht gemacht hat. Ein Weltreich, das in seinen Grenzen Vertreter fast aller Religionen und fast aller Rassen zu regieren hat. konnte nicht anders handeln. Nicht England ist ein Vorwurf zu machen; es war eben eine Illusion, von England anderes zu erwarten als das, was es jetzt zu leisten willens ist. Soll über diesen Ausgang das Judentum der Welt enttäuscht sein? Dazu liegt kein Anlaß vor. In dem, was England gewährt, kommt die historische Notwendigkeit zum Ausdruck. Es gibt den Juden Palästinas keine wertvollen Vorzugsrechte, die nur den Neid und die Mißgunst der Nichtbevorzugten erregen müßten. Der englische Vorschlag gewährt den Juden ausreichende Rechte im Rahmen der allgemeinen Rechte und ausreichende Bewegungsfreiheit, um sich in Palästina neben den anderen Volkselementen nützlich und wohltätig für sich selbst und für die Gesamtheit betätigen zu können. Der Fortschritt liegt nicht darin, daß Palästina zu einem jüdischen Staat gemacht worden ist, sondern darin, daß die oft bequeme und sehr oft recht unbequeme türkische Gesetzlosigkeit englischer Gesetzmäßigkeit weichen wird und gewichen ist, und daß damit erst die Voraussetzungen gegeben sind für jegliche politische, wirtschaftliche und intellektuelle Entwicklung Palästinas für alle seine Bewohner — auch für die jüdischen; und hierin liegt zweifellos ein großer und gesunder Fortschritt. Die neue Entwicklung, mag man sie mit übertriebenen Hoffnungen begrüßen, mag man sie als politisch bedeutungslos betrachten, mag man sie mit Mißmut hinnehmen, stellt jedenfalls die Juden der Welt, ganz gleichgültig, ob sie Zionisten oder ob sie keine Zionisten sind, vor eine durchaus veränderte Sachlage. Die Zionisten mit weitgehenden Hoffnungen sehen ihre Pläne in hohem Grade eingeengt. Die Nicht-Zionifsten aber stehen einer Sachlage gegenüber. die Raum für einen Gegensatz zu den Zionisten nicht mehr bietet. Palästina ist heute fest in der Hand Englands und damit bietet sich die Möglichkeit, daß unter englischem Schutz dort gesicherte Institutionen geschaffen werden, die den Juden des Landes auf intellektuellem und auf wirtschaftlichem Gebiete zugute kommen. War vor dem Kriege von 1914 bei allen Unternehmungen in Palästina mit willkürlichen türkischen Eingriffen zu rechnen, so wird nunmehr englische Gesetzmäßigkeit zuverlässige Garantie für die Entwicklung des Landes bieten.... Nach Palästina sollten jene Juden auswandern, die im Innersten von zwei starken Beweggründen getrieben werden. Von der Sehnsucht, trotz harter Arbeit und trotz heißen Klimas sich der Landwirtschaft wieder zuwenden wollen. Dies eine Motiv wird aber ganz gewiß nicht genügen. Wer nur Landwirt sein will, der kann es in vielen Teilen der Welt unter günstigeren Bedingungen. Der eine Beweggrund muß somit in idealistischen Trieben seine Ergänzung finden, und diese Ergänzung kann nur liegen in starker religiöser Empfindung oder in dem starken Drange, dem Judentum der Zerstreuung erneut die Möglichkeit zu verschaffen, auf einem engen und winzigen Fleckchen dieser Erde unter relativ gesicherten Bedingungen, und angetrieben von Erinnerungen aus dem Alten Testament den Versuch eines erneuten selbständigen jüdisch-hebräischen Geisteslebens zu wagen. Die realen wirtschaftlichen Voraussetzungen, wie die Voraussetzungen für eine urwüchsige intellektuelle Neubetätigung sind jetzt gegeben. Sie sind gegeben, obgleich die Möglichkeit für staatliche Selbständigkeit, seitdem das Land in den starken Händen einer europäischen Großmacht sich befindet, in weiterer Ferne liegt als je zuvor. Die Türkei hätte möglicherweise einmal Palästina eine gewisse politische Selbständigkeit gewähren können; das Mandatsland Palästina wird für überblickbare Zeiten in der Hand europäischer Großmächte bleiben, und weil dem so ist (? die Red. d. E.), schrumpft der Gegensatz zwischen Zionisten und Nicht-Zionisten zur Bedeutungslosigkeit zusammen; dieser Gegensatz kann nur seine Nahrung finden in veralteten Kontroversen, in nachwirkenden Rankünen, im Streit der Vergangenheit. Empfindungen aus diesen Quellen müssen alle Juden, welcher Partei sie angehören, den Laufpaß geben. Mögen immerhin auch ältere Wunden noch nicht völlig vernarbt sein. Die Gesamtheit der Juden der Welt kann heute der Palästinafrage gegenüberstehen, wie sie ihr gegenüberstand vor den unerfreulichen und vielfach verbitternden Auseinandersetzungen mit den Zionisten. In der Politik kann man nichts besseres tun, als neuen Verhältnissen gegenüber zu vergessen, gründlich zu vergessen. An den Palästinaaufgaben hat der Kreis meiner Freunde und ich seit einem Vierteljahrhundert gearbeitet. Diesen Aufgaben können wir uns wieder zuwenden; denn nur eins hat sich geändert. An die Stelle schwankender politischer Voraussetzungen, die das türkische Regiment bot. ist die für absehbare Zeit fest begründete englische Herrschaft getreten. Daraus ergibt sich freilich für deutsche Juden noch eine besondere folgenschwere Wandlung. Der Ausgang des Weltkrieges würde eine speziell deutsche Kulturarbeit in Palästina zu einem frivolen Experiment machen. Die Verknüpfung des jüdischen Palästina mit der Kultur der Welt kann zweckmäßigerweise heute nur durch die Angelsachsen vermittelt werden. Der Weltkrieg, der in der Gegenwart über die deutschen kolonialen Bestrebungen entschieden hat, hat die Entscheidung auch auf dem engen Gebiet des jüdischen Palästina herbeigeführt. Je vorbehaltloser wir deutsche Juden, die wir fest und mit Bewußtsein iim Deutschtum wurzeln, dies anerkennen, um so zweckentsprechender und nützlicher können wir der jüdischen Bevölkerung Palästinas zu Hilfe kommen.... Wir deutsche Juden können unsere Augen von Osteuropa heute nicht fortwenden. Unsere Sympathie aber bleibt Palästina, wo ein gemeinsames Wirken aller Juden demnächst als durchführbar erscheint. Mode ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise W. Braon&Gis., München Neuhaueeratr. 154, gegenüber der alten Akademie Sport